Waschweib Facebook

Ob Ebola oder Charlie Hebdo: Bei globalen Ereignissen dauert es meist nicht lange, bis auf Facebook Gerüchte gestreut werden. Eine Studie ist diesem Phänomen nachgegangen.

Über Facebook können sich Verschwörungstheorien rund um den Globus bequem verbreiten.

Über Facebook können sich Verschwörungstheorien rund um den Globus bequem verbreiten. Bild: Keystone

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Die weltweite Angst war gross, als 2014 die Ebola-Epidemie in Westafrika ausbrach. Liberia, Sierra Leone und Nigeria riefen den Notstand aus und schlossen die Grenzen, der internationale Verkehr war eingegrenzt. Diese globale Verunsicherung wurde von diversen Personen oder Plattformen genutzt, um gezielte Fehlinformationen zu streuen. Beispielsweise wurde der Artikel eines Mannes namens Nana Kwame 7000-mal geteilt und bekam über 3000 Likes.

Dabei spielte keine Rolle, dass keine seiner vier Thesen, weshalb Ebola eine Lüge des Westens sei, mit Beweisen untermauert wurde. So behauptete Kwame unter anderem, mittels einer «erfundenen Epidemie» sollen Ölreserven von Nigeria oder das Diamantenvorkommen von Sierra Leone nach Europa oder Amerika abtransportiert werden. Natürlich stimmte das nicht.

Ein ähnliches Phänomen ereignete sich nach den Anschlägen auf die Redaktion von «Charlie Hebdo». Beispielsweise der deutsche Journalist Ken Jebsen, dessen Seite über 11'000 Abonnenten zählt, verbreitete wenige Tage nach der Tragödie die Behauptung, es handle sich um eine Operation unter falscher Flagge, also von den Franzosen selber durchgeführt – unter anderem um die Rechtsbewegung in Frankreich voranzutreiben.

Terror lebt vom Timing. Inszenierter Terror erst recht.Wer in Paris zwölf Menschen in der Redaktion der...

Posted by Ken Jebsen on Mittwoch, 7. Januar 2015

Eine Gruppe von Forschern vom Labor für Computerwissenschaften untersuchte auch deshalb die Ursachen für solche Verbreitungen. Angeführt von Michela Del Vicario verfolgte die Gruppe über fünf Jahre lang 67 Facebookseiten und protokollierte, welche Nachrichten von wem und mit wem geteilt wurden. Bei knapp der Hälfte ging es dabei um Verschwörungstheorien, die restlichen waren wissenschaftsbezogene Beiträge. «Unsere Auswertungen zeigen, dass zwei ausgeprägte und deutlich getrennte Gemeinschaften im Netz existieren», heisst es in der Studie. Grundsätzlich bleiben die Gemeinschaften unter sich, was die Forscher als «Echoklammern» bezeichnen. Dort werden die Beiträge hin und her geteilt und dienen insbesondere dazu, die bisherigen Meinungen zu verstärken.

Die Kurve der Ausbreitung von Verschwörungstheorien und wissenschaftlichen Meldungen. Quelle: pnas.org

Problematisch wird jedoch das Share-Verhalten bei den Verschwörungstheorien. Während wissenschaftliche Themen in den ersten Stunden nach ihrer Veröffentlichung am öftesten geteilt werden, steigen die Werte bei Verschwörungstheorien langsam, dafür stetig. Dadurch erfahren lang anhaltende Gerüchte eine massive Reichweite. Die Wissenschaftler zeigen sich deswegen besorgt: «Diese digitale Desinformation ist inzwischen so allgegenwärtig, dass das World Economic Forum (WEF) sie als eine der Hauptbedrohungen für unsere Gesellschaft listet.»

Forscherin Michela Del Vicario ergänzt: «Jeder hat die Möglichkeit solche Meldungen bequem mit einem einfachen Mausklick teilen. Ausserdem braucht es viel mehr Zeit eine Falschmeldung zu korrigieren als sie zu produzieren.» Del Vicario nimmt das Beispiel von Jade Helm, als in den USA eine einfache Militärübung Anfang März 2015 als Beginn eines neuen Bürgerkrieges dargestellt wurde. Spätestens nach Ende der Militäraktion zeigte sich diese Theorie als völlig aus der Luft gegriffen – und als gefährlichen Unruhestifter.

Ein Experte warnt

Für Soziologe Armin Pfahl-Traughber ist das Verhalten von Verschwörungstheoretikern nichts Neues: «Solche Theorien entstehen nach jedem öffentlichen Schockerlebnis schon seit Jahrhunderten. Sei es die Französische Revolution oder der Anschlag auf ‹Charlie Hebdo›.» Nur findet man die Informationen heute gebündelt im Netz, muss nur nach den gewünschten Stichwörtern suchen.

Auch der Deutsche Wissenschaftsautor Thomas Grüter untersuchte Verschwörungstheorien, deren Initianten und Anhänger. Dabei entstehen sie durch Vorurteile und werden durch Lügen bekräftigt – zumeist fehlen jegliche Beweise. In seinem Blog warnte er: «Die Zuweisung heimlicher Untaten an andere Gruppen vertieft Spannungen, und führt am Ende zu einem fast unüberwindlichen Vertrauensverlust.» (fas)

Erstellt: 27.01.2016, 15:05 Uhr

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