Es blieb ihm nur das iPhone

Er hatte immer wieder gegen sie gepoltert. Nun meldete sich Erdogan ausgerechnet via westliche Onlinedienste, um zum Widerstand aufzurufen.

Der türkische Präsident nutzt eine Chat-App, um sich an die Bevölkerung zu richten.

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Die Ironie ist beispiellos: Nachdem der türkische Präsident in der Vergangenheit lautstark gegen westliche Onlinedienste polemisiert hatte, nutzte er sie nun, um die mediale Blockade während des gestrigen Putschversuchs zu umgehen und sich in den entscheidenden Stunden an sein Volk zu wenden.

Für Erdogan waren die Dienste offenbar die einzige Möglichkeit, während des nächtlichen Chaos medial präsent zu sein. Er setzte auf Facebook, Twitter und Apples Chatdienst Facetime, um die Türken zum Widerstand gegen die Putschisten aufzurufen. Über sein Facebook-Profil schrieb Erdogan um Mitternacht auf Türkisch: «Wir stehen bis zum letzten Atemzug zu unserem Volk und zur Demokratie.»

Auf Twitter hiess es: «Ich rufe die Nation zu Flughäfen und auf die Strassen, um Demokratie und Volkswillen durchzusetzen.» Vor allem trat Erdogan überraschend via eine Chat-App auf. Die mittlerweile via Facebook wieder sendende Fernsehstation CNN Türk übertrug den Präsidenten auf unkonventionelle Weise: Eine TV-Journalistin hielt ihr iPhone in die Kamera, über das sich Erdogan mit der App Facetime zuschaltete. In dem rund sechs Minuten dauernden Liveinterview sagte Erdogan unter anderem, «die Verräter werden bezahlen» und richtete sich direkt an die Bevölkerung mit dem Appell, auf die Strasse zu gehen und den Putschisten «eine Antwort zu geben».

«Eine gewisse Doppelzüngigkeit»

Kristian Brakel, der Leiter des Istanbuler Büros der Heinrich-Böll-Stiftung, bringt die Kehrtwende Erdogans auf den Punkt. Der Nachrichtenagentur SDA sagte er: «Das ist ja einfach eine gewisse Doppelzüngigkeit: Der Präsident erklärt, dass er kein Freund der sozialen Medien ist, aber seine eigene AKP nutzt natürlich die sozialen Medien – Twitter und Facebook, was in der Türkei sehr verbreitet ist – sehr, sehr aktiv.»

Gestern Abend verbreiteten sich zunächst Meldungen einer Abschaltung zahlreicher Onlinedienste in der Türkei. Es scheint sich um eine nur teilweise erfolgreiche Blockade gehandelt zu haben. Wer diese in Kraft setzte, ist noch unklar. Twitter sprach von einer «gezielten Verlangsamung seines Diensts» in der Türkei. Youtube meldete ähnliche Probleme. Trotzdem gelang es zahlreichen Bürgern und Journalisten, Videos und Bilder zu veröffentlichen. Dies laut Reuters durch die Verwendung technischer Umgehungslösungen wie VPN oder die App Hotspot Shield.

Nutzer umgingen die Sperren

Karten von Facebooks Livedienst zeigten während der Nacht eine Häufung von Videostreams aus der Türkei und insbesondere Istanbul. Social-Media-Nutzer überschwemmten auch Twitter mit unzähligen Meldungen über die Situation im Land und umgingen so die mediale Blockade. Türkische Militärs hatten sich am gestrigen Abend gezielt die Kontrolle über die Medien des Landes verschafft, so wurden unter anderem die Studios von CNN Türk und die Redaktion der Tageszeitung «Hürriyet» besetzt. Über den staatlichen Sender TRT verbreitete das Militär die Nachricht seiner Machtübernahme.

Ein Video zeigt die Erstürmung des Senders CNN Türk.

Der türkische Präsident steht bekanntermassen mit den sozialen Medien auf Kriegsfuss. Wiederholt polterte er gegen Plattformen wie Twitter und Facebook. Im Nachgang zu den Gezi-Protesten hatte er auch mit der Blockierung der Dienste gedroht. 2007 hatte die türkische Regierung ein Gesetz in Kraft gesetzt, das ihr weitreichende Möglichkeiten einräumte, zum «Schutz von Minderjährigen und Familien» Websites zu blockieren. Seither nutzte die Erdogan-Regierung das Gesetz mehrfach, um zeitweise Plattformen wie Youtube zu blockieren.

Auf einer Wahlveranstaltung 2014 sagte er: «Twitter und solche Sachen werden wir ausrotten.» Im März desselben Jahres blockierte die türkische Regierung Twitter während mehrerer Wochen, weil Kritiker über den Dienst Mitschnitte von Telefongesprächen Erdogans verbreiteten. Die Sperre wurde aufgehoben, nachdem das türkische Verfassungsgericht sie für illegal erklärt hatte. Schon damals hatten die regierungskritischen Kreise der türkischen Bevölkerung Wege gefunden, die Blockade zu umgehen, um Twitter weiter zu nutzen. Dies mit dem Ziel, gegen Erdogans Zensurpolitik zu protestieren.

Erstellt: 16.07.2016, 14:30 Uhr

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