«Es wird viele alternative Lebenskonzepte geben»

Wie werden wir in 25 Jahren soziale Netzwerke nutzen? Trendexpertin Birgit Gebhardt hat den Blick ins Jahr 2037 gewagt.

«Es ist nicht das Medium, das freizügig seine Privatsphäre offenbart, sondern der Mensch»: Birgit Gebhardt. 
Bild: Körber-Stiftung

«Es ist nicht das Medium, das freizügig seine Privatsphäre offenbart, sondern der Mensch»: Birgit Gebhardt. Bild: Körber-Stiftung

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Frau Gebhardt, Sie haben sich mit der Zukunft im Jahr 2037 beschäftigt. Was sind die markantesten Lebensstiländerungen, die auf uns zukommen?
Die Überalterung der Gesellschaft und mehr erforderliche Selbstverantwortung aufgrund leerer Haushaltskassen als die zentralen Herausforderungen, aber auch mehr soziale Vernetzung und Partizipation.

Wie wird das Internet in 25 Jahren aussehen?
Das kann heute niemand beantworten. Wahrscheinlich wird es zwischen den beiden Polen funktionale Informationsinfrastruktur und emotionale Parallelwelt alles sein.

Werden wir es immer noch hauptsächlich so nutzen, wie wir es heute gewohnt sind?
Wir werden es mobiler nutzen, mehr kommunizieren, uns geo-located in Echtzeit mit Mitarbeitern, Freunden, Lehrern, Beamten, Händlern, Produzenten und Marken austauschen. Wir werden nicht mehr «rein» müssen, sondern es wird uns ständig umgeben. Es wird uns bildhafter navigieren und unsere Grundbedürfnisse automatisch versorgen.

Welchen Stellenwert werden soziale Beziehungen noch haben?
Weiterhin einen sehr hohen. Die Unterscheidungen zwischen Partner, Familie, Freunden und Bekannten können variieren, Bindungen werden unverbindlicher, dafür steigen die Kontakte und die Optionen. Die soziale Vernetzung bildet auch in den volatileren Beschäftigungsverhältnissen das nötige Netz.

Werden virtuelle Bekanntschaften gar zu Filtern, die uns Aufschluss über die Relevanz von Ideen oder Angeboten geben?
Ja, das ist heute schon so. Interessant wird es, wenn sich dieser Empfehlungscharakter in Geld oder Services auszahlt, wie etwa beim Klout Score, wo Multiplikatoren, denen vertraut wird, von Unternehmen umgarnt werden.

Können Sie sich vorstellen, dass wir künftig unsere Privatsphäre in Netzwerken nutzen wie Geld? Die Privatsphäre als neue Währung?
Wenn Sie Ihre Privatsphäre in kostenfreien Netzen, denen Sie angehören wollen, künftig schützen wollen, wird das Geld kosten. Wer dagegen freizügig geolokalisierte Profildaten preisgibt, wird dafür individuelle Services und Produkte erhalten – seine Daten werden dafür im Umkehrschluss vom Social-Media-Anbieter an die Industrie zu Marktforschungszwecken verkauft.

Heute pflegen Millionen Menschen ihre Freundschaften in sozialen Netzwerken im Internet. Werden wir 2037 immer noch begeistert und ungehemmt unser Privatleben im Digitalen teilen?
Es ist nicht das Medium, das freizügig seine Privatsphäre offenbart, sondern der Mensch. Viele tun das auch ohne Internet ungehemmt.

Firmen wie Apple, Facebook, Google, Amazon oder Twitter dominieren das Netz. Wird dieses Monopol unser Leben noch stärker beeinflussen?
Die Wirtschaft und unsere Vorstellung davon, was welche Branche zu leisten hat, hat es bereits enorm verändert; sicherlich ändert es über die Mediennutzung auch das Privatleben, aber irgendwann sehen Sie nicht mehr die Firmen, sondern deren vielfältige Services im Vordergrund.

In Ihrem Buch beschreiben Sie eine Welt, in der die Vernetzung zwischen Menschen, Systemen und Geräten noch viel ausgeprägter sein wird. Mit welchem Nutzen? Mit welchen Konsequenzen?
Zuerst zum Nutzen. Es ist billiger, es ist schneller, es ist transparenter, es entspricht dem Leistungsgedanken, die Vernetzung macht unsere Vorstellung von Mobilität, von Partizipation, von Kollaboration, von Kontakt halten über Distanzen hinweg, von individuellem Lifestyle und selbstbestimmtem Altern erst möglich. Die Konsequenzen sind: Es ermöglicht eine neue Wertschöpfung, die an vielen Unternehmen vorbeiziehen wird, die sich nicht entsprechend aufstellen. Es erfordert legislativ einen objektiven Blick auf die Potenziale und (nicht nur) die Risiken der Datentransparenz, um global mitzuhalten.

Das digitale Leben ist stressig. Menschen empfinden die Folgen des technischen Fortschrittes als Fluch. Gibt es Hoffnung einer Entschleunigung?
Es gibt Urlaubsangebote. Und es wird viele alternative Lebenskonzepte geben. Wir werden kreativ mit dem Strukturwandel umgehen lernen. Strukturwandel war immer anstrengend. Ein Erfinder sagte mal: «Technologie ist alles, was nach deiner Geburt erfunden wurde.» Für eine überalterte Gesellschaft wird der Fortschritt dennoch lebenswert, denn die sozialen Medien zu nutzen und sich darüber zu vernetzen, Gleichgesinnte zu finden und den Anschluss nicht zu verlieren, ist – rein funktional – kinderleicht.

Erstellt: 05.10.2012, 08:31 Uhr

Zur Person

Birgit Gebhardt ist Autorin des Buches «2037 - unser Alltag in der Zukunft». Von 2007 bis 2012 war Gebhardt Geschäftsführerin des Trendbüros, einem der einflussreichsten Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel in Deutschland. In dieser Zeit verantwortete sie die Konzeption und Implementierung eines neuen Trend- und Wissensmanagements (We°), das auf Social-Media-Kommunikationsprinzipien basiert. Die soziale Software vernetzt heute 15 Standorte weltweit und diente als Pilot für die Trendstudie «New Work Order», die Gebhardt gemeinsam mit Trendbüro im Oktober 2012 auf der Orgatec vorstellen wird.

2037 - unser Alltag in der Zukunft

Ohne den Personal Assistant geht nichts mehr. Das Gerät ist um den Biorhythmus besorgt, um die Unterhaltung, um die Verpflegung seines Besitzers. Geoffrey ist nach einem kühlen Drink, der Personal Assistant lotst ihn an eine brasilianische Vernissage auf dem Dachgarten der Universität.

Ohne Internetdienste und Multimedia wären soziale Kontakte in der Welt von übermorgen, die Birgit Gebhardt in ihrem Buch «2037 – Unser Alltag in der Zukunft» zeichnet, schlecht denkbar: Nana meldet sich bei ihrem engeren Freundeskreis als «offen für Unternehmungen» und erhält sofort Ideen für den freien Sonntag: Das Kaufhaus im Osten habe noch Nähkursplätze frei, steht da. Norbert segle auf der Alster, Josef spiele mit seiner Band im Ponyclub. Und Romina mietet sich eine Multimedia-Koje, um mit ihrer Familie in der Ukraine in Lebensgrösse und dreidimensional zu chatten.

Es ist die Geschichte von Geoffrey, Nana und Romina, die man von der Trendforscherin Birgit Gebhardt zu Ende erzählt bekommen will. Wird die Liebe zwischen Geoffrey und der jüngeren Nana, für die er Frau und Tochter sitzen lässt, halten? Wird Romina ihre Familie verlieren oder ihr wieder näherkommen? Es sind Fragen, die genauso gut im Hier und Jetzt gestellt werden könnten. Die nichts mit einer Zukunftsvision zu tun haben.

Das ist zugleich Stärke und Schwäche des Buchs. Stark ist es, weil der Inhalt nicht Science-Fiction ist, sondern auf Beobachtungen und Prognosen basiert und sich an tatsächlichen Entwicklungen orientiert. Dadurch wird ein so realistisches Bild wie möglich von der Zukunft gezeichnet. Schwach ist «2037», weil die fiktive Welt der Zukunft nicht mit den Beziehungsgeschichten mithalten kann. Weil sie zu wenig überrascht und selten fasziniert.

Wie Inseln wirken jene Stellen im Buch, wo die Protagonisten der durchcomputerisierten Welt entfliehen. Sie zeigen, dass der Mensch in 25 Jahren noch immer nach dem Gleichen suchen wird. Da ist zum Beispiel das Kloster St. Marien, wo es nach Pferden und Honig riecht. Die kargen Zellen sind ein Zufluchtsort für Gestresste. Und eine Stätte der digitalen Entkleidung. Bevor es ins Badehaus geht, sagt Bruder Simon: «Alle digitalen Hilfsmittel müssen nun abgelegt werden. Mancher fühlt sich ohne seinen Assistenten nackter als ohne seine Hosen.» Aber vielleicht genauso befreit.

(Quelle: Basler Zeitung, Januar 2012; Muriel Gnehm)

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