Finanzbranche entdeckt soziale Netzwerke

Es gibt Hedgefonds, die werten für Aktienkäufe Einträge auf Twitter aus. Investor Marc Bernegger erklärt, wo die Finanzwelt konkret steht.

«Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die hiesigen Banken soziale Medien in ihre bestehenden Geschäftsprozesse einbinden werden»: Marc Bernegger. 
Bild: zvg

«Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die hiesigen Banken soziale Medien in ihre bestehenden Geschäftsprozesse einbinden werden»: Marc Bernegger. Bild: zvg

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Soziale Netzwerke sind auch für die Finanzbranche von hohem Interesse. Warum?
Wie in allen anderen Branchen auch interagieren Kunden von Finanzprodukten heute in sozialen Netzwerken. Eine Präsenz in dieser neuen Umgebung ist für Finanzinstitute zwingend nötig, um die immer grösser werdende Zahl der Digital Natives glaubwürdig zu erreichen.

Sie finden also nicht, dass Social Media masslos überschätzt werden im Finanzbereich?
Diese These benötigt eine differenzierte Sichtweise. Natürlich hat die Finanzbranche ihre Eigenheiten, welche nicht vergleichbar sind mit klassischem E-Commerce. Trotzdem gibt es heute Studien, die klar belegen, dass insbesondere webaffine Kunden sehr wohl soziale Medien für Feedback oder Kundensupport nutzen möchten.

In der Finanzbranche gehen Banken noch sehr zögerlich mit Facebook und Twitter um. Wo orten Sie die Gründe?
Das Gesetz und regulatorische Einschränkungen spielen bei Banken eine viel wichtigere Rolle als in anderen Branchen. Man bewegt sich in einem sehr sensitiven Umfeld. Leider warten viele Banken ab, was die Konkurrenz macht, statt zukunftsgerichtet nach vorne zu preschen und diese Themen proaktiv anzugehen.

Können Sie uns Beispiele nennen, wo die Finanzbranche bereits soziale Netzwerke vorbildlich anwendet?
Im Gegensatz zur Schweiz sind die Banken in Deutschland und England sehr weit. Ein gutes Beispiel ist die Münchner Fidor Bank, welche sich selber als Community Bank bezeichnet und sehr stark in den sozialen Medien präsent ist.

Aber werden Facebook und Twitter langfristig wirklich eine wichtige Rolle in der Finanzberatung spielen?
Soziale Medien werden zukünftig in jedem Marketing-Mix und Vertriebskonzept einen festen Bestandteil bilden. Finanzplattformen wie Yavalu oder Gekko Global Markets können als Pionierprojekte erwähnt werden.

Wollen die Kunden ihre finanziellen Angelegenheiten auf Facebook und via Twitter überhaupt kundtun?
In anderen Ländern kann man bereits beobachten, dass Digital Natives bei den eigenen finanziellen Angelegenheiten einen viel offeneren Umgang pflegen als ältere Generationen. Was spricht denn auch dagegen, dass ich mein Aktiendepot mit meinen Freunden teile und ich mich innerhalb einer Community über meine privaten Geldangelegenheiten austausche?

Wann werden erste Banken soziale Netzwerke für ihr Geschäft nutzen?
Es gibt bereits heute erste Banken, welche soziale Medien sehr erfolgreich für ihr traditionelles Geschäft einsetzen. Die Commonwealth Bank in Australien hat auf Facebook über 225'000 Fans und bietet einen 24-Stunden-Service auf dieser Plattform an. Oder nehmen wir Stockpulse als Beispiel. Die Firma analysiert jeden Tag über 100'000 Nachrichten, die via Twitter publiziert werden und für den Aktienmarkt relevant sind. Basierend darauf erstellt Stockpulse für Investoren Empfehlungen, welche Aktien interessant zum Kaufen sind. Bereits nutzen viele Privatanleger diesen Service und auch erste professionelle Investoren wie Hedgefonds haben an den Daten ihr Interesse bekundet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die hiesigen Banken diesen First-Mover-Beispielen folgen und soziale Medien in ihre bestehenden Geschäftsprozesse einbinden werden.

Wo sehen Sie die Verknüpfung von Social Media eher kritisch?
Wichtig ist, dass die Kommunikation transparent und ehrlich ist. Nur so lässt sich nachhaltig eine glaubwürdige Positionierung in den sozialen Medien aufbauen, welche zu messbaren und relevanten Erfolgen führt.

Inwiefern sind soziale Netzwerke für Anleger eine gute Sache?
Das Internet hat zu mehr Offenheit geführt. Heute lassen sich Produkte und Services einfach und schnell vergleichen. Das muss auch für Finanzprodukte gelten. Es ist heute schon so, dass sich Finanzcommunitys im Netz austauschen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2012, 11:35 Uhr

Zur Person

Marc Bernegger ist Partner der börsennotierten Beteiligungsgesellschaft Next Generation Finance Invest mit Fokus auf Start-ups im Bereich Finance 2.0, als Business-Angel bei jungen Unternehmen involviert und wurde vom Verband Swiss ICT zum «Newcomer of the Year» gewählt.

Credit Suisse

Die Credit Suisse ging in die Social-Media-Offensive. Seit Jahresbeginn können sich 600 CS-Mitarbeiter im Rahmen des Projekts «Social Mypage» über das Intranet verlinken und austauschen. Das Pilotprojekt hat sich offenbar bewährt. Wie eine Sprecherin gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt, wird die Gruppe in den kommenden Wochen verdoppelt.

Wie Stockpulse Twitter nutzt

Die Aktienplattform hat einen Algorithmus entwickelt, der die Börsenstimmung auf Social-Media-Kanälen misst. Anleger können gegen eine Gebühr die Kommentare über ihre Aktien in sozialen Netzwerken beobachten lassen. Bis zu 100‘000 Inhalte werden täglich ausgewertet, um Volatilität und Kursbewegungen mit Handelssignalen für Aktien, Währungen und Rohstoffe vorauszusagen. Stockpulse will «Alpha» erzielen, also den Gesamtmarkt übertreffen, indem sie Trends und Stimmungen früher als andere erkennt.

Im Kern ist es nichts anderes als ein Handel mit Nachrichten: Das System erfasst dabei nicht nur die Anzahl der Meldungen, sondern auch die enthaltenen Meinungen, wertet die Popularität der Verfasser und ihre Resonanz aus. Die Software grast dafür ständig die 13 grössten Börsenforen weltweit sowie den Kurznachrichtendienst Twitter ab und wertet automatisiert Meinungen und News für mehrere tausend Aktien aus. (Quelle: Cash Online/Marc P. Bernegger)

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