Analyse

Kein Bock auf Normalität

Bei Jugendlichen sinkt das Interesse am grössten sozialen Netzwerk. Und mit der Werbung auf Facebook hapert es auch.

Nicht mehr Darling von Medien und jungem Publikum: Facebook.

Nicht mehr Darling von Medien und jungem Publikum: Facebook. Bild: Keystone

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Das grösste soziale Netzwerk der Welt durchlebt harte Zeiten. Eben noch der erfolgsverwöhnte Mediendarling, wird Facebook spätestens seit dem ernüchternden Börsengang vom Mai mit Negativschlagzeilen überhäuft. Statt der Aktie ist die Facebook-Müdigkeit hoch im Kurs. Jüngstes Beispiel ist die Nachricht, dass 10'000 junge Schweizer in den letzten zwei Monaten ihr Facebook-Profil deaktiviert haben.

Von derselben Quelle (der Agenturen Bernet PR und Serranetga) stammt jedoch auch die Information, dass Facebook in der Schweiz weiter wächst, seit Ende 2011 um 4 Prozent auf 2,84 Millionen Nutzer, darunter 462'000 Teenager, die ihr Profil behalten. Auffällig ist, dass das Wachstum nur noch bei den über 30-Jährigen passiert.

An Anziehungskraft verloren

Weltweit wächst das Netzwerk langsamer als bisher, was in der Natur der Sache liegt. Zieht man von den 2,3 Milliarden Menschen mit Internetzugang die 500 Millionen chinesischen User ab, denen Facebook verwehrt bleibt, dann ist mehr als die halbe Internet-Gemeinde Mitglied bei Facebook (868 Millionen).

Dass Teens und Twens nicht mehr so scharf auf Facebook sind wie noch vor zwei, drei Jahren, ist dabei keine Überraschung. Neue Technologien, insbesondere wenn sie gratis sind, werden oft zuerst von der Jugend verwendet. So hat sie den Älteren etwas voraus, ist am Puls der Zeit, kann sich abgrenzen. Verwandelt sich das Neue dann in das Normale, verliert es seine Anziehungskraft. Wie uncool ist es, wenn plötzlich die Eltern und Grosseltern bei Facebook mitmischen?

Langeweile kommt auf

Dass es den Jungen zu stressig sei, ihr Profil attraktiv und aktuell zu halten, scheint wenig plausibel, beschäftig man sich doch gerade als Teenager intensiv damit, wie man auf andere wirkt. Und dass die Jugend plötzlich Bedenken bezüglich der Privatsphäre entwickelt, ist eher elitäres Wunschdenken als Realität. Umfragen aus den USA, wo die Jugend schon seit drei Jahren Facebook-müde ist, deuten auf andere Ursachen. An erster Stelle steht Langeweile, die daher rührt, dass allzu viele Status-Updates einen eben doch nicht interessieren. Ausserdem gebe es zu viel Werbung.

Facebook hat für viele Anwender zunehmend die Funktion eines erweiterten Adressbuchs. Je weiter weg ein Bekannter lebt (sozial oder geografisch), desto mehr ergibt es Sinn, via Facebook Kontakt zu halten. Jugendliche leben hingegen in der Regel weitgehend lokal, haben noch keine Bekanntschaften in aller Welt und unterhalten sich am liebsten mit ihresgleichen. Das geht auch per SMS.

Facebook-Werbung zeigt kaum Wirkung

Generell lässt sich ein Rückzug in kleinere, intimere Social Networks beobachten: Der Erfolg von Path, bei dem die Anzahl Freunde limitiert ist und es keine Werbung gibt, oder von Mikro-Netzwerken für Paare zeugen davon.

Noch kann Facebook die Abgänge wettmachen, die Jungen werden durch Ältere ersetzt und Amerikaner und Europäer durch Brasilianer oder Inder. Die Zukunft von Facebook ist – zumindest vorerst – nicht auf der Kippe. Sein Wert hängt aber nicht nur von der Anzahl Nutzer ab, sondern auch davon, wie viel Umsatz pro Anwender generiert wird. Sorgen machen müssen Facebook deshalb ganz andere Zahlen: Bei einer Reuters-Umfrage in den USA geben vier von fünf Befragten an, noch nie aufgrund einer Facebook-Werbung etwas gekauft zu haben.

Erstellt: 09.07.2012, 06:36 Uhr

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