Offensive gegen «Breitbart News»

Die «Sleeping Giants» wollen dem ultrarechten News-Portal den Geldhahn zudrehen – auch in der Schweiz sind sie aktiv.

Auch eine Einnahmequelle von «Breitbart»: Der Verkauf von Fan-Artikeln.

Auch eine Einnahmequelle von «Breitbart»: Der Verkauf von Fan-Artikeln. Bild: Jim Lo Scalzo/Keystone

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Ganz oben auf dem Twitter-Profil von «Breitbart» prangt ein lapidarer Tweet: «feels good, man». Der Grund für die Freude: Mitte Februar stand Breitbart.com auf Platz 29 der meistbesuchten Websites in den USA – vor dem Pornovideo-Portal Pornhub und dem Sportsender ESPN, wie die Rechtspopulisten stolz verkünden. Mittlerweile ist die natürliche Ordnung des Internets wieder hergestellt – erst Pornografie, dann Sport, dann Politik. Aber immerhin: auch aktuell ist «Breitbart» unter den Top 35, weltweit rangiert es laut Amazons Traffic-Analyse-Dienst Alexa auf Platz 232.

Damit einher gehen gesteigerte Werbeeinnahmen: Je mehr Clicks eine Website hat, desto mehr kann sie für Werbung verlangen. Zumal Onlinewerbung für «Breitbart» (neben dem Verkauf von Fan-Artikeln) die Haupteinnahmequelle sein dürfte. Und genau hier setzt der Aktivismus der Gegenseite an: Unter dem Nom de guerre «Sleeping Giants» hat sich auf Twitter eine Gruppe anonymer Aktivisten zusammengefunden, die «Breitbarts» Werbeeinnahmen verringern will, indem sie an die soziale Verantwortung der Unternehmen appelliert.

Denn wer möchte schon mit einer Website assoziiert sein, die für ihren Rassismus und Sexismus verschrien ist und in Form ihres ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Stephen Bannon einen verlängerten Arm direkt ins Weisse Haus des ungeliebten Donald Trump hat? Zu spüren bekam das die Postfinance im letzten Jahr, als ihre Werbung auf der Website auftauchte. Ein Sturm der Entrüstung brach los und die Bank sperrte «Breitbart» für die Auslieferung ihrer Werbung.

An die Verantwortung appellieren, anstatt blosszustellen

Den Mechanismus, dass jedes Fehlverhalten auf Social Media gerne in Erregung umgemünzt wird, machen sich auch die Sleeping Giants zunutze – auf eine abgemilderte Art. Anstatt Unternehmen, die auf «Breitbart» werben, blosszustellen, appellieren sie an deren Verantwortung: Die betreffende Marke wird mit einem Screenshot, der ihre Werbung auf Breitbart.com zeigt, angetwittert und gefragt, ob dieses ultrarechte Weltbild wirklich das ist, was sie zu unterstützen gedenken.

Die Methode von Sleeping Giants hat Erfolg: In einer öffentlich zugänglichen Liste sind über 1300 Unternehmen aufgeführt, die nicht länger auf «Breitbarts» Website werben. Darunter auch zahlreiche Schweizer Konzerne wie Salt, Swisscom, die SBB oder die Kantonalbank von Basel-Land. Darüber hinaus bietet Sleeping Giants Anleitungen, wie man als Werbetreibender «Breitbart» blockieren kann. In der Regel wird nicht direkt bei einer Website Werbung gebucht, sondern über Pakete, die die Werbung gebündelt ausliefern. Das hat zur Folge, dass Unternehmen oft gar nicht wissen, wo genau ihre Werbung auftaucht. Ob dieser Erfolg auch für «Breitbart» spürbar ist? Eine Nachfrage bei den Portal-Betreibern blieb bislang unbeantwortet.

Die Sleeping Giants wollen zwar anonym bleiben, haben aber ein paar Fragen beantwortet. Auf die Frage, wer sie seien, schreibt ein Betreiber des Schweizer Twitter-Kontos @slpng_giants_ch: «Leute aus Medien, Marketing und politisch Interessierte scheinen überproportional vertreten».

Auf «Breitbart» konzentriere man sich hauptsächlich wegen der enormen Reichweite im Vergleich zu anderen rechten Portalen. Aber untergräbt man dabei nicht die Meinungsfreiheit, wenn man sich ein einzelnes Medium herauspickt? Der Schweizer Vertreter von Sleeping Giants schreibt: «Wir informieren in erster Linie Unternehmen. Was diese mit den Infos machen, ist deren Entscheidung.»

Die Meinungsfreiheit einschränken könnten sie gar nicht, da sie ja keinen Einfluss auf die Veröffentlichung von «Breitbart» hätten. Er räumt aber ein, dass die Sleeping Giants Schweiz durchaus Interessen hätten und versuchen würden, diese durchzusetzen. Auf Nachfrage führt er aus: Es gehe um die Einhaltung von journalistischen Standards und die Sensibilisierung von Werbetreibenden. Ausserdem wolle man erreichen, dass Propaganda und manipulative Medien wie «Breitbart» das politische Klima nicht noch weiter vergifteten.

Die Unternehmen sind dankbar für den Hinweis

Mittlerweile ist Sleeping Giants, deren amerikanischer Original-Account auf Twitter verifiziert ist und über 66'000 Follower hat, dezentralisiert. Die rund ein Dutzend weiteren Twitter-Konten der Aktivisten operieren weitgehend selbstorganisiert. Eine gewisse Abstimmung untereinander gebe es aber. Der Schweizer Twitter-Account gehört zu den aktivsten nationalen Konten und hat immerhin 716 Follower.

Die meisten Unternehmen, die von den Aktivisten angeschrieben werden, reagierten überrascht und dankbar für den Hinweis, sagt der Schweizer Kontakt. Manchmal würde auch nach weiteren Seiten gefragt, die nicht mit dem Image des jeweiligen Unternehmens vereinbar seien.

Das erklärte Ziel wäre also, «Breitbart» den Geldhahn zuzudrehen? Die Person hinter Sleeping Giants CH sieht die Situation realistisch: Das sei absolut wohl kaum möglich und auch nicht primäres Ziel der Schweizer Sektion. «Was wir machen, ist ein Tropfen auf den heissen Stein und die Aktion als Ganzes nicht ohne Symbolik.» Aber nichts zu tun, käme eben auch nicht infrage.

Dass immer noch genug Unternehmen anzuschreiben bleiben, zeigt sich schnell, wenn man Breitbart.com aufruft. Dort findet sich in kurzer Abfolge Werbung für ein internationales Handtrockner-Unternehmen, für ein Schweizer Skigebiet und ein Schweizer Sportgeschäft. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.03.2017, 14:20 Uhr

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