Social Media wird 2019 entschlackt

Das Vertrauen in Facebook & Co. ist nachhaltig erschüttert. Künftig dürften Gruppenchats wichtiger und der soziale Druck somit kleiner werden.

Nicht nur sie dürfte sorgenvoll in die Zukunft blicken: Facebooks Sheryl Sandberg, hier mit Twitter-Chef Jack Dorsey bei einer Anhörung im September.

Nicht nur sie dürfte sorgenvoll in die Zukunft blicken: Facebooks Sheryl Sandberg, hier mit Twitter-Chef Jack Dorsey bei einer Anhörung im September. Bild: Jose Luis Magana/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

2018 war ein schlechtes Jahr für Social Media: Die Enthüllungen um die zwielichtigen Geschäftspraktiken von Facebook, dazu ein Twitter, das den Fake-Konten und den Hetzern kaum Herr wurde, setzten selbst eingefleischten Social-Media-Fans zu. Somit könnte dieses Jahr einen Wendepunkt für Social Media darstellen – die Entwicklungen der vergangenen Monate werden das Jahr 2019 prägen.

Dass das Vertrauen in Social Media sinkt, stellte der Edelman Trust Barometer Global Report bereits im Sommer fest: Nur 41 Prozent aller Befragten gaben damals an, noch Vertrauen in Social Media zu haben – die Zahl dürfte in den letzten Monaten nicht gestiegen sein.

Dies dürfte zur Folge haben, dass sich immer mehr Nutzer in private Räume zurückziehen: Messaging-Dienste wie Whatsapp oder Facebook Messenger werden wichtiger, der Gruppenchat mit Freunden, Verwandten und Bekannten ersetzt zunehmend das öffentliche Posten auf Facebook oder Twitter. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man kann genauer und einfacher bestimmen, wer was zu lesen bekommt, eine End-to-end-Verschlüsselung verspricht mehr Sicherheit.

Gruppenchats gegen den sozialen Druck

Für jüngere Nutzer, für die als Digital Natives die Nutzung von Social Media zum Alltag gehört, bedeutet der Rückzug in die geschützten Räume von Messaging-Apps auch ein Abbau von sozialem Druck. Die sogenannte Generation Z erlebt Gruppenzwang und soziale Erwartungen nicht nur auf dem Pausenhof, sondern auch in den sozialen Medien; sie erfährt wie keine Generation vor ihr, welche Chancen die Reichweite von Social Media bietet und welche Fallstricke es bereit hält. Dass sie sich zunehmend in ihre eigenen Nischen – zum Beispiel auch in speziell auf Jugendliche zugeschnittene Netzwerke wie Tiktok – zurückzieht, ist verständlich.

Für all diejenigen, die nicht auf Facebook verzichten möchten, werden Gruppen im nächsten Jahr in den Fokus rücken. Mittlerweile sind mehr als 1,4 Milliarden Facebook-User in Gruppen organisiert, sie bringen Gleichgesinnte zu speziellen Interessen zusammen und fördern lokale Vernetzung. Gruppen verzeichnen eine höhere Aktivität und ein grösseres Engagement ihrer Mitglieder als Facebook als Ganzes.

Facebook setzt voll auf Storys

Professionelle Social-Media-Netzwerke wie Linkedin oder Xing könnten in den nächsten Monaten einen besonderen Popularitätsschub erfahren: Sie sind bislang weitgehend verschont worden von Trollen, Spammern und politischer Propaganda. Natürlich gibt es auch hier Probleme, mit denen andere Social-Media-Plattformen zu kämpfen haben – Sexismus zum Beispiel ist auch hier nicht auszuschliessen – dennoch tragen der weitverbreitete Gebrauch von Klarnamen sowie die Grundausrichtung als Karrierenetzwerk zu einem weitgehend anständigen Betragen der Nutzer bei. In einem weiteren Punkt könnten Linkedin und Xing eine Vorreiterfunktion übernehmen: Beide Netzwerke bieten ihren Nutzern gegen Geld zusätzliche Funktionen an. Social Media, für die man bezahlt, könnten 2019 durchaus relevant werden.

Storys, wie man sie von Instagram oder Facebook kennt, werden 2019 weitere Verbreitung finden. Sie sind schnell und mit verhältnismässig wenig Aufwand erstellt und verschwinden nach 24 Stunden von alleine wieder – und passen somit einwandfrei in eine Zeit kürzerer Aufmerksamkeitsspannen und wachsenden Privatsphären-Bewusstseins. Bei Facebook ist man sich mittlerweile sicher, dass Storys dem Newsfeed den Rang ablaufen werden. Das gestern, Donnerstag, geleakte Test-Feature von Instagram könnte ein weiterer Hinweis darauf sein, dass Facebook künftig noch stärker auf Storys setzt.

Der Influencer-Hype ist noch nicht vorbei

Damit Hand in Hand wird sich auch 2019 der Siegeszug von Social Videos fortsetzen: Kommendes Jahr wird sich zeigen, ob sich Apps wie IGTV durchsetzen werden, das Wachstum von Facebook Watch wird sich wohl auch weiterhin fortsetzen und sich auch in der Schweiz bemerkbar machen.

Und nun zur schlechten Nachricht: So ganz werden wir Influencer noch nicht loswerden. Allerdings werden Marken zunehmend auf sogenannte Micro- oder Nano-Influencer mit weniger als 10'000 Followern setzen. Das, was ihnen an Reichweite fehlt, machen sie durch eine höhere Authentizität wett, die sich für die werbenden Marken in einem höheren Engagement auszahlt. Ob das Ganze dann weniger nervt, bleibt abzuwarten.

Zu guter Letzt könnte 2019 das Jahr werden, in dem Social Detox für die breite Masse interessant wird. Seit dem Herbst zeigt Apple seinen iPhone-Nutzern an, wie viel Zeit sie am Bildschirm verbracht haben; Instagram hat in diesem Jahr eine Funktion eingeführt, die den Nutzern anzeigt, wenn sie ihren Stream durchgearbeitet haben. Da erscheint es nur logisch, dass man künftig bewusster mit seiner digitalen Freizeit umgeht. Wer fastet oder zeitweise keinen Alkohol trinkt, könnte künftig in den Ferien auch das Handy beiseitelegen. Erste Ferien-Resorts bieten bereits Hilfe bei der Social-Media-Entschlackung an. Allein: Wie erfährt dann die Welt, wie schön es dort ist?

Erstellt: 28.12.2018, 18:32 Uhr

Artikel zum Thema

Facebook, Google und Co. zerschlagen?

Hassbotschaften, Datenskandal, Steuervermeidung. Die US-Techgiganten haben ein schwarzes Jahr hinter sich. Jetzt steigt der Druck. Mehr...

«Facebook stirbt»

Video Michael Marti präsentiert sein «Bild des Jahres». Unser Online-Chef sagt, weshalb 2018 für Facebook der Anfang vom Ende ist. Und wieso wir uns darüber freuen sollen. Mehr...

Kleine Siege und grosse Pleiten: Das Digital-Jahr 2018

Facebook hat für einen epochalen Skandal gesorgt, und im Kleinen begegneten uns einige schöne Verbesserungen. Schüssler und Zeier schauen zurück. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Grosstransport: Ein vietnamesischer Mann befördert eine Vielzahl an Gütern mit seinem Motorrad durch die Stadt Hanoi. (22. Juli 2019)
(Bild: Minh Hoang / EPA) Mehr...