Teilen ja – aber nicht gleich mit der ganzen Welt

Nicht jeden Gedanken und nicht jedes Foto muss man stets allen zumuten. Überlegtes und abgestuftes Teilen macht Sinn – und ist dank zahlreichen Lösungen auch keine Hexerei.

Blättern im Fotoalbum: Diese Bilder von 1930 sind noch Privatsache. Heute kann man seine Fotos im Internet einem beliebig grossen Publikum zeigen.

Blättern im Fotoalbum: Diese Bilder von 1930 sind noch Privatsache. Heute kann man seine Fotos im Internet einem beliebig grossen Publikum zeigen. Bild: Flickr

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Kein Mensch ist eine Insel. Was der englische Poet John Donne schon vor 400 Jahren formulierte, ist in der heutigen digitalen Welt wahrer denn je. Im Zeitalter der Social Networks «sharen» alle alles mit allen, wie sich das neudeutsch nennt. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Schliesslich hören, lesen und schauen die Empfänger der geteilten Freuden und Leiden allesamt freiwillig mit (mal abgesehen von Fahrten im öffentlichen Verkehr, bei denen man allerhand Handygespräche zugemutet bekommt).

Dennoch liegt es auf der Hand, dass eigentlich niemand wirklich alles mit ­allen teilen möchte. Dementsprechend gibt es für fast jeden vorstellbaren Grad an Intimität passende digitale Lösungen.

Das Handy, mein Tagebuch

Fangen wir beim kleinsten Kreis an, mit dem man etwas teilen möchte, nämlich nur mit sich selbst. Ein digitales Journal, online hinterlegt, kann nicht verloren gehen und ist, mit einem guten Passwort geschützt, erst noch sicherer als das klassische Tagebuch auf Papier. Die App «Day One» (für iOS und OS X, 5 und 10 Franken) beispielsweise erledigt diese Aufgabe gut. Und sie ermahnt einen auf Wunsch, auch jeden Tag seine Gedanken festzuhalten. Das Journal wird stets zwischen Mac und iPhone oder iPad synchron gehalten und kann selbstverständlich nebst Text auch Fotos enthalten.

Alternativ dazu kann man seine intimen Gedanken online auch mit Penzu festhalten, selbstverständlich passwortgeschützt und 256-bit-verschlüsselt (www.penzu.com, 20 Dollar im Jahr, Apps für iOS und Android). Penzu erweist sich als flexibel, was die Geheimhaltung angeht. Einzelne Einträge lassen sich auf Wunsch auch mit andern teilen. Oder man betreibt mehrere Journale (wofür nur ein Konto nötig ist), von denen nicht alle geheim sein müssen, etwa eines mit Reise-Eindrücken, das auch Freunde lesen dürfen.

Apps für Liebespaare

Theoretisch könnte man auch einen beliebigen Blog betreiben, den man via Einstellungen vor der Welt geheim hält. Oder man speichert irgendwo in der persönlichen Datenwolke verschlüsselte Textdateien ab. Das dürfte aber nur die echten Nerds zufriedenstellen.

Die nächste Stufe des Teilens schliesst jenen Menschen ein, der einem am allernächsten steht. Für Liebespaare gibt es dafür denn auch entsprechende Apps, etwa Pair (für iOS und Android, gratis) oder die neuere App Avocado (für iOS und Android, gratis), die von ehemaligen Google-Mitarbeitern ent­wickelt worden ist.

Nur für deine Augen

Besonders geeignet dürften diese Apps für Fernbeziehungen sein. Einander private Nachrichten schicken, die für niemanden sonst bestimmt sind, zählt zu ihren Kernfunktionen. Mit der Zeit entsteht so eine kleine, geteilte Chronologie einer Beziehung. Avocado erlaubt ausserdem gemeinsame Einkaufslisten und ermöglicht es, Dinge als Paar gemeinsam via Twitter mit der restlichen Welt zu teilen.

Einen Schritt weiter gehen Dienste und Apps, die für Familien gedacht sind. Hier gibt es kein zu viel an Babyfotos oder Haustierneuigkeiten, denn hier lesen wirklich nur jene mit, die das alles tatsächlich interessiert. Nebenbei tut man also nicht nur sich und seiner Familie, sondern nicht zuletzt auch dem Rest der Welt einen Gefallen, wenn man auf so einen Dienst setzt, statt alles wahllos auf Facebook zu platzieren. Ausserdem ist allen Teilnehmern klar, in welchem Kontext sie Beiträge teilen – nicht wie auf Facebook, wo die Jungen es ungern ­sehen, dass die ältere Generation alles mitlesen kann.

Ein Beispiel für einen solchen Familien-Sharing-Service ist Family Leaf (www.familyleaf.com, gratis). Demnächst öffentlich zugänglich wird Origami (www.origami.com, gratis). Diese Dienste beabsichtigen, ihr Geld nicht mit Werbung, sondern mit Zusatzservices wie Fotoalben oder Glückwunschkarten zu generieren.

Comeback der Exklusivität

Die unlimitierte Offenheit von Facebook ist Teil dessen Faszination. Was aber, wenn die Anzahl möglicher Freunde von Anfang an beschränkt ist? Dann überlegt man sich sofort genauer, wen man im digitalen Freundeskreis aufnimmt und wen nicht. Diesem Prinzip folgt beispielsweise die App Path (iOS und Android, gratis), eine Art exklusives Mini-Facebook, das von ehemaligen Facebook-Angestellten aufgezogen wurde.

Dass zweckmässig eingeschränkte soziale Netze eine gewisse Zukunft haben könnten, davon zeugen auch die 18 Millionen Dollar Risikokapital, welche die Macher von Nextdoor vor kurzem er­halten haben. Ihre Idee: Nachbarn im Quartier tun sich digital zusammen, tauschen Erfahrungen über Handwerker aus, vermitteln sich Babysitter oder ­helfen sich sonst aus.

Facebook lässt sich zähmen

So plausibel und sinnvoll die bisher genannten Lösungen auch sind, sie haben alle einen Nachteil: Man muss sich bei einem weiteren zusätzlichen sozialen Netzwerk anmelden, nochmals einen Freundeskreis aufbauen. Genau das schreckt viele ab. Und eigentlich lässt sich (mit Ausnahme des Tagebuchs) alles auch innerhalb von Facebook sinnvoll umsetzen.

Die Lösung heisst «Facebook Gruppen». Wie man eine solche einrichtet, erfährt man unter www.facebook.com/help > Beliebte Funktionen > Gruppen. Solche Gruppen können offen (alle sehen, dass es diese Gruppe gibt und welche Inhalte dort geteilt werden), geschlossen (alle sehen, dass es die Gruppe gibt und wer dabei ist, aber nicht, was dort geteilt wird) oder geheim sein (niemand sieht, dass es die Gruppe gibt, und nur die Mitglieder sehen die geteilten Inhalte). Anschliessend gibt man für jeden auf Facebook geteilten Beitrag an, welche Gruppe diesen sehen darf. Das bedeutet zwar einen kleinen Mehraufwand (und ist der Grund, warum so wenig Leute davon Gebrauch machen), lohnt sich aber. So organisiert man sich auch im grössten aller sozialen Netze als Paar, als Familie, als Verein oder als Nachbarn.

Erstellt: 08.02.2013, 11:59 Uhr

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