Sie verstehen Bitcoin nicht? Das ist voll okay

Man muss nicht überall dabei sein, finden unsere Digitalredaktoren: 7 Meinungen zu Whatsapp & Co.

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Linkedin: Keine Lust, die Haut zu Markt zu tragen

Seit 14 Jahren nutze ich gerne soziale Medien – aber bei beruflichen Netzwerken hört der Spass auf. Denn Social Media sollen für mich auch immer das sein: Spass. Zumindest in der Freizeit – doch auf Linkedin werde ich gezwungen, mein Berufsleben unnötig in die Freizeit zu verlängern.

Ich habe es versucht: Zuerst mit Xing, später mit Linkedin. Mittlerweile habe ich mein Xing-Konto gelöscht, obwohl mir eine Headhunterin dort einmal fast einen ansprechend klingenden Social-Media-Job in der Innerschweiz besorgt hätte. Linkedin behandele ich stiefmütterlich: Kontaktanfragen von wildfremden Menschen nehme ich widerwillig, aber letztlich resignierend an. Vielleicht ist ja ein wertvoller Kontakt dabei. Wenn ich die Timeline durchscrolle, sehe ich viel Selbstvermarktung, so wie der Kapitalismus das eben vom Individuum verlangt.

Da mache ich nicht mit. Selbstdarstellung findet bei mir höchstens auf Instagram statt: «Guck mal, wie weit ich gewandert bin!» – «Hab ich nicht die schönste Schaumkrone auf meinem Bier?» Nehmt es mir nicht übel, liebe Linkedin-Kontakte: Ihr seid sicher alle tolle Menschen, aber beim Sich-selbst-zu-Markte-Tragen bin ich raus. (mmo)


Whatsapp: Erfolg hält dank den Wechselfaulen an

Als mir 2010 ein Kollege Whats­app das erste Mal zeigte, hielt ich es für Betrug. Eine App für ein, zwei Franken verspricht Gratis-SMS? Das klang schon ziemlich verdächtig.

Wie wir heute wissen, war es kein Betrug. Nach und nach tauchten alle Freunde und Bekannten auch in den Whatsapp-Kontakten auf. Die App wuchs und wuchs und wurde schliesslich von Facebook für rund 20 Milliarden Dollar weggekauft. Selbst habe ich jede Begeisterung dafür verloren und staune jeden Tag wieder, wie sich die App an der Spitze halten kann. Sie ist nur minimal besser als SMS und hat sich auch nur minimal weiterentwickelt. Fotos kann man seit 2009 verschicken, und Gruppenchats gibt es auch schon seit 2011.

Die App müsste also inzwischen viel besser sein. Doch sie ist immer noch an eine Telefonnummer gekoppelt, läuft in erster Line auf einem Handy, und Chats auf neue Handys zu übernehmen, ist mühsam. Ja, Whats­app ist weder der bequemste noch sicherste Messenger. Es ist einfach nur der grösste mit den meisten Kontakten. Wie wir alle so wechselfaul und zufrieden mit dem minimal besseren SMS-Dienst sein können, ist mir ein Rätsel. Von Datenschutzbedenken ganz zu schweigen. (zei)


Slack: Wo gehts rein, wie lautet das Codewort?

Wenn ich einen Hype nicht verstehe, dann denjenigen um Slack. Während IT-Profis und Inhouse-Futuristen den digitalen Arbeitsplatz der Zukunft bejubeln, sehe ich da nur einen weiteren Messenger. Ein etwas aufgeräumteres und für Bürobildschirme optimiertes Skype oder Whatsapp. Aber sicher nicht die Erlösung für E-Mail- und telefongeplagte Bürolisten.

Das Unverständnis fängt beim vermurksten Anmeldeprozess an. Früher war der gänzlich unverständlich. Heute ist er immer noch viel zu umständlich. Statt Benutzernamen und Passwort muss man ein Zugangswort kennen, um sich für einen Work­space oder Kanal anzumelden. Als wäre der Dienst eine dieser angesagten Geheimbars, wo man nur per Codewort reinkommt.

Möchte man sich per E-Mail anmelden, bekommt man ein «magisches E-Mail» zugeschickt, das man anklicken muss. Anmeldeprozesse sind doch ein gelöstes Problem. Warum Slack stattdessen auf diesen Chrüsimüsi setzt, ist mir ein Rätsel und Graus zugleich. Hat man es trotz dieser Hürden geschafft, stellt sich schnell Ernüchterung ein. Wirklich revolutionär ist da nichts. Ausser der Slack-Bot vielleicht. Aber was macht der noch mal? (zei)


Storys: Verleiten zum Exhibitionismus

Snapchat ist diese App, die keiner versteht. Zumindest keiner, der vor 2000 geboren ist. Das ist völlig okay: Jede Generation darf sich digital ausdrücken, wie es ihr gefällt.

Nicht in Ordnung ist jedoch, dass viele andere die Storyfunktion, eine der herausragenden Snapchat-Funktionen, abkupferten. Es gibt sie nun auch bei Facebook und Instagram. Im letzten Jahr wurde man sogar bei Skype mit der Aufforderung belästigt, doch solche Storys zu fabrizieren.

Doch was soll der Zweck sein? Eine solche Story ist eine Art multimediales Tagebuch. Das wäre eventuell für die wirklich engen Freunde interessant. Doch will man auch seine geschäftlichen Kontakte und lockere Bekanntschaften mit Berichten über Familienpartys oder das Häfelitraining des Nachwuchses eindecken?

Soziale Netzwerke sollten die Nutzer dazu erziehen, anständig über wichtige Sachfragen zu diskutieren. Stattdessen werden sie mit den Storys dazu verleitet, sich exhibitionistisch zu gebärden, Banalitäten zu zelebrieren und viel zu viele persönliche Dinge preiszugeben. Das tut Facebook mit dem Versprechen, die Storys würden nach 24 Stunden verschwinden. Aber glaubt das wirklich jemand? (schü)


Blockchain: Ignorant gegenüber der Zukunft

Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Neo, Superheld in spe im Sci-Fi-Klassiker «The Matrix», das erste Mal die Matrix sieht? Diese giftgrünen Buchstaben und Zahlen, die über den Bildschirm rieseln? So ungefähr fühle ich mich, wenn jemand von der Blockchain spricht. Für mich ist das Hokuspokus aus der Zukunft oder zumindest aus einem Paralleluniversum – und glauben Sie mir, ich habe es versucht.

Aber kein Youtube-Erklärvideo konnte mir ein tiefgehendes Verständnis vermitteln, wie das mit der Blockchain funktionieren soll. Wenn man dann noch die heftigen Kursschwankungen sieht, bei denen die Kollegen frotzeln, jetzt müsse man unbedingt in Bitcoin investieren, dreht sich in mir endgültig alles.

Nicht besser machen es die Blockchain-Verfechter, die oft nicht nur einfach nerdig sind (das ist ja ein an sich liebenswerter Charakterzug), sondern sich selbst für die Grössten halten – echte Bitcoin-Bros eben.

Woran Sie erkennen können, dass ich wirklich nichts vom Thema verstehe? Dass ich mir nicht mal sicher bin, wie Blockchain und Bitcoin miteinander verwoben sind. Aber wissen Sie was? Das ist okay. Denn ich habe mich – im Gegensatz zu Neo – für die blaue Pille entschieden. (mmo)


Reddit: Wuseliger Makrokosmos des Internets

Reddit selbst nennt sich die «Frontseite des Internets». Die «Washington Post» hat die Plattform «das Plankton des digitalen Ökosystems» genannt: Es ernährt das halbe World Wide Web mit seinen Geschichten, seinen Memes und seinen Fundstücken. Bei Reddit diskutiert die ganze Welt. Und hier trennt die Internetgemeinschaft Spreu vom Weizen und fördert die Trends und Hypes zutage.

Und ja – ich habe versucht, Reddit zu lieben und zu verstehen. Aber es scheint, dass wir nicht zusammenkommen. Als Journalist setze ich mich für Klarheit und Verständlichkeit ein. Reddit tut das Gegenteil: Dieser wuselige Makrokosmos zelebriert die Unzugänglichkeit, den Insider-Slang und das Chaos. Nicht zu Unrecht, wie ich denke – weil es die Plattform gegen Vereinnahmungsversuche imprägniert: Marketingleute sind nämlich genauso hilflos wie ich und haben keine Chance, mit gekauften Botschaften die Community zu unterwandern.

Und wie es scheint, mag mich Reddit auch nicht. Jedes Mal, wenn ich voller Enthusiasmus gepostet habe, wurde das entweder ignoriert. Oder nach ein paar Stunden gelöscht, weil ich irgendeine ungeschriebene Regel übersehen hatte. (schü)


Instagram: Alles ist Schein, nichts ist Sein

Ich verstehe Instagram nicht. Das heisst: Die Grundidee leuchtet mir durchaus ein: Man nimmt ein Foto, peppt es mit einem Filter auf, veröffentlicht es – und freut sich, wenn das Bild auch anderen gefällt.

Doch das ist ja nicht, was Instagram heute ausmacht. Die Plattform ist zum Tummelfeld von Influencern geworden. Das sind schöne Menschen, die sich für wichtig genug halten, ihren Lebensstil als erstrebenswert für die ganze Menschheit zu zelebrieren. Verstehe ich den Reiz des Oberflächlichen nicht? Oder ist mein Unverständnis ein Zeichen dafür, dass die Zeit für uns digitale Immigranten abläuft?

Nein. Instagram vereinigt alles, was an sozialen Medien hassenswert ist: Ein besserwisserischer Algorithmus, der die Beiträge nach undurchsichtigen Kriterien priorisiert. Die Plattform ist ein Tummelfeld für Leute, die sich Aufmerksamkeit nicht verdienen, sondern mit Gewalt an sich reissen. Eine sinnlose Verhashtaggung der Welt – alles wird auf ein paar Schlagworte reduziert, und nichts hat nur ansatzweise eine Relevanz fürs echte Leben. (schü)

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.04.2019, 22:31 Uhr

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Der Reiz des Oberflächlichen: Eine Influencerin findet ihr Frühstück derart wichtig, dass sie es per Instagram mit der ganzen Welt teilen muss. Foto: Getty Images

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