Demokratie-Experimente hinter verschlossenen Türen

Alles schlecht im Netz? Mitnichten: Das Buch «Smartphone-Demokratie» benennt Risiken und Chancen der Digitalisierung.

Bildet immer noch die Grundlage zur Meinungsbildung der meisten Schweizer: Das Abstimmungsbüchlein.

Bildet immer noch die Grundlage zur Meinungsbildung der meisten Schweizer: Das Abstimmungsbüchlein. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

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Verschiedene Ereignisse aus jüngerer Zeit haben bei manchem Bürger Zweifel gesät. Die knappen Entscheide zum Brexit und in der US-Präsidentschaftswahl, das Aufkommen von Rechtspopulismus oder die mutmassliche Manipulation von Wahlen in den USA und in Europa durch russische Kräfte erschüttern den Glauben an die Wehrhaftigkeit und die Funktionsfähigkeit der Demokratie.

Ein Treiber dieser Entwicklungen ist die Digitalisierung der Gesellschaft: Das Netz ermöglicht Einflussnahme, die vor 10 oder 15 Jahren so noch nicht möglich war. Braucht die Demokratie ein Update? Mit dieser Frage und den Fragen, wie eine solche Weiterentwicklung aussehen könnte, befasst sich das Buch «Smartphone-Demokratie».

Adrienne Fichter, Politologin und Journalistin aus Zürich, fungiert als Herausgeberin des Bandes, der neben den üblichen Themenfeldern wie Fake-News und Populismus interessante Einblicke in Themenbereiche der digitalisierten Demokratie bietet, über die man sonst nicht viel liest.

Pflicht zu mehr Datentransparenz

Dass politische Meinungsbildung mittlerweile ganz natürlich auch auf Social Media geschieht, ist bekannt. Die Werbeformen auf Facebook, und das weiss man als Otto Normalnutzer eben nicht, ermöglichen Parteien und Interessengruppen eine hochfragmentierte Wähleransprache: Jeder Adressat kann auf seine Interessen und Neigungen massgeschneiderte Anzeigen erhalten.

Dies kann langfristig zum Problem für eine Demokratie werden, weil keine Transparenz mehr darüber herrscht, wer was angezeigt bekommt. Deshalb, so Fichter, müssten Facebook oder Google zu mehr Datentransparenz verpflichtet werden. Die machen allerdings bislang mit Verweis auf den Erhalt der Konkurrenzfähigkeit keine Anstalten, sich in die Karten schauen zu lassen.

Ein weiterer in der breiten Öffentlichkeit bislang wenig beleuchteter Prozess ist das, was Fichter die «Messengerisierung» der Politik nennt. Immer öfter werden Bürger von politischen Akteuren über Messenger-Dienste wie Whatsapp oder den Facebook Messenger angesprochen. Der Grund dafür ist, dass sich die User von sozialen Netzwerken mehr und mehr in den privaten Raum der Nachrichten-Apps zurückziehen.

Dadurch entsteht allerdings laut Fichter eine reale Gefahr für die Demokratie: Die Meinungsbildung und Deliberation wird dem öffentlichen Raum entzogen und findet in kleinsten, geschlossenen Räumen statt. Dadurch würde die Bildung von Filterblasen (das heisst, von Individuen, die in ihrem Umfeld nur auf Gleichgesinnte stossen), die auf Social Media oft ohnehin schon bestehen, noch begünstigt. Allerdings, und dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche im Buch beleuchteten Aspekte, gibt es auch hier positive Effekte. So ermöglichten geschlossene Gruppen das Entstehen von grösseren Bewegungen. Ein Beispiel hierfür ist der Women’s March, der am 21. Januar dieses Jahres in den USA mehrere Hunderttausend Protestierende mobilisierte.

Wenn Bots gute Arbeit leisten

Wie notwendig grössere Transparenz ist, zeigt auch das Kapitel zu Social Bots. Hier arbeitet Autor Martin Fuchs geschickt heraus, dass sie nicht eindeutig gut oder böse sind. Wer im Zusammenhang mit Social Media an Bots denkt, dem kommen sofort Spamnachrichten und Betrugsversuche in den Sinn.

Dass automatisierte Kommunikationspartner auch hilfreich sein können, zeigt sich dann, wenn Bots Aufgaben übernehmen, die von Menschenhand kaum zu bewältigen sind: zum Beispiel, wenn sie grosse Massen von Anfragen bearbeiten oder wie in Form der Journalismus-App Resi eine personalisierte News-Auswahl präsentieren. Richtig programmiert könnten Bots also auch demokratiefördernd sein, beispielsweise wenn sie Fact-Checking-Aufgaben übernehmen oder Transparenz herstellen, wo man als Normalbürger kaum den Überblick behalten kann.

Auch der Einblick in den Civic-Tech-Bereich ist höchst aufschlussreich: Hier treffen radikaldemokratische Ideen auf die Grenzen des technologisch Machbaren. So gibt es in diesem Feld Akteure, die in Politikern nur noch ein ausführendes Element sehen, politische Entscheidungen sollen basisdemokratisch mithilfe von Apps und Onlineplattformen vom mündigen Bürger direkt gefällt werden.

Adrienne Fichter, die als Herausgeberin zahlreiche Kapitel selbst bestreitet, äussert die Befürchtung, dass eine Elite entstehen könnte, die alle abhängt, die nicht über das notwendige digitale Know-how verfügen oder aus anderen ökonomischen oder sozialen Gründen von der Teilnahme ausgeschlossen werden. Ihr Fazit: «Nicht alles, was technisch machbar ist, ist aus politischer Sicht wünschenswert.»

«Smartphone-Demokratie» ist eine intelligente Sammlung von Beiträgen, die anspruchsvoll und kritisch den Status quo der Digitalisierung des Politischen reflektiert. Dabei gibt es lesenswerte Einsichten in Nischen, die unseren Alltag mehr beeinflussen, als wir vielleicht denken. Während sich Ingrid Brodnigs «Lügen im Netz» gut als Einstieg in den Themenkomplex «Internet und Manipulation» eignet, sei dieses Buch als weiterführende Literatur empfohlen.

Adrienne Fichter (Hg.): Smartphone-Demokratie. NZZ Libro, Zürich, 2017. 272 S., 38 Fr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2017, 16:45 Uhr

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