Der Kapitän bringt das Schiff wieder auf Kurs

Mark Zuckerberg hat in dieser Woche einen Kurswechsel bei Facebook verkündet – was bedeutet das für die Nutzer, und was genau steckt dahinter?

Denkt er wirklich um? Facebook-Chef Mark Zuckerberg an der hauseigenen Entwicklerkonferenz F8 im Mai 2018.

Denkt er wirklich um? Facebook-Chef Mark Zuckerberg an der hauseigenen Entwicklerkonferenz F8 im Mai 2018. Bild: AP / Marcio Jose Sanchez/Keystone

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In einem langen Facebook-Post hat der Chef des Unternehmens, Mark Zuckerberg, dargelegt, wie sich die Plattform in den nächsten Jahren entwickeln soll. Drei zentrale Punkte spricht er dort an: Zum einen soll die Privatsphäre der Nutzer stärker respektiert werden – zu diesem Zweck will Facebook sogenannte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, also die Verschlüsselung von einem Nutzer-Endgerät zum nächsten, auch beim Messenger und vermutlich auch auf Instagram einführen. Whatsapp verschlüsselt Nachrichten bereits. Zum anderen sollen, das ist nicht ganz neu, die drei Nachrichten-Dienste Facebook Messenger, Whatsapp und Instagram mit ihren Direktnachrichten enger miteinander verknüpft werden. Drittens möchte Facebook Nutzern mehr Kontrolle darüber geben, wie lange Nachrichten und Posts auf den Plattformen verbleiben.

Mark Zuckerbergs Post von Mittwoch.

Das klingt zuerst einmal nach einem Paradigmenwechsel – Zuckerberg signalisiert nach dem Horrorjahr 2018: Wir haben verstanden, wir ändern uns. Doch was genau bedeuten die Ankündigungen für Facebook-Nutzer, und wie sind sie zu lesen?

Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sollte längst Standard sein

Keine Frage: Eine konsequente Verschlüsselung von Nachrichten, die Nutzer untereinander verschicken, ist immer zu begrüssen und eine Verbesserung. Man darf dies aber nicht als einen technisch avantgardistischen Schritt verstehen; Whatsapp nutzt End-to-End-Encryption bereits seit 2015 (zuerst auf Android, seit 2016 auch auf iOS-Geräten). Andere Dienste wie Signal nutzen die Verschlüsselung bereits länger. So gesehen ist dieser Schritt längst überfällig.

Für Facebook habe die Einführung einer Verschlüsselung von Gerät zu Gerät zweierlei Nachteile, führt Zuckerberg in seinem Manifest aus: Einerseits verzichte Facebook darauf auf die Möglichkeit, diese Nachrichten zu Marketing- respektive Targeting-Zwecken zu nutzen. Andererseits könne die Technologie so leichter missbraucht werden – der CEO führt Kinderausbeutung, Terrorismus und Erpressung an. Bringt Facebook also wahre Opfer zum Wohle seiner User? Nein. Denn, und das gibt Zuckerberg selbst in einem Interview zu, welches das Tech-Magazin «Wired» mit ihm nach der Veröffentlichung seiner Erklärung führte: Facebook habe gar nicht geplant, Nachrichten künftig verstärkt zu nutzen, um seinen Nutzern massgeschneiderte Werbung zu präsentieren.

Und die Nutzung durch Kriminelle? Es mag etwas zynisch klingen, aber wo Facebook nicht mitliest, kann es sich auch einfach aus der Verantwortung stehlen. Zwar verspricht Zuckerberg, dass man auch künftig bemüht sei, nach allen Möglichkeiten mit den Behörden zusammenzuarbeiten – wie das dann konkret aussieht, bleibt abzuwarten. An anderer Stelle lamentiert er nebenbei gesagt den Fall eines Mitarbeiters, der ins Gefängnis musste, weil Facebook Nutzerdaten nicht zur Verfügung stellen konnte – der Verschlüsselung wegen.

Facebook setzt auf die Bequemlichkeit

Die Integration der drei Messaging-Systeme Facebook Messenger, Whatsapp und Instagram Direct bedeutet für den Nutzer erst einmal mehr Bequemlichkeit: Man muss sich nicht mehr merken, ob Kollege X nun lieber über Whatsapp kommuniziert oder über den Facebook Messenger. Vermutlich setzt das Unternehmen auf genau diese Bequemlichkeit – tatsächlich wird diese Möglichkeit dazu führen, dass mehr Konten miteinander verknüpft werden. Und genau dies könnte es Facebook wiederum ermöglichen, ein schärferes Profil von seinen Nutzern zu erstellen und somit Werbung besser und gezielter auszuspielen. Oder schlicht die Verweildauer auf der Plattform zu erhöhen. Strategisch ist es sicherlich sinnvoll, die Weiterentwicklung von Messenger und Whatsapp zu vereinheitlichen und die Teams allenfalls sogar zu verschmelzen.

Und auch beim dritten zentralen Punkt seiner Ankündigung hat Mark Zuckerberg nicht nur das Wohl der Nutzer im Auge: Natürlich ist es begrüssenswert, dass man künftig noch mehr entscheiden darf, welche Inhalte wie lang verfügbar sein sollen. Nur: Das kann man zum Teil jetzt schon. Am offensichtlichsten ist dies bei den Stories auf Facebook, Instagram und Whatsapp (hier heissen sie Status), die nach 24 Stunden wieder verschwinden. Aber auch Facebook-Posts kann man natürlich jederzeit löschen; im Messenger kann man bereits jetzt Nachrichten verschicken, die nur eine bestimmte Zeit lang sichtbar sind. Darüber hinaus gibt es wenig ersichtliche Gründe, warum Facebook ein Interesse an alten Nachrichten und Posts haben sollte – dass Informationen, die der Konzern aus den Inhalten ziehen konnte, ebenfalls gelöscht werden, sagt Zuckerberg ja ohnehin nicht.

Mark Zuckerberg hat nicht auf einmal seine konsumentenfreundliche Ader gefunden.

Man darf nicht vergessen, dass der Facebook-Chef fast auschliesslich vom Messaging spricht, also nur von einem kleinen Bereich dessen, was das soziale Netzwerk ausmacht. Denn der Konzern hat auch so vielfältige Möglichkeiten, das Nutzungsverhalten seiner User im Internet zu verfolgen und zu analysieren – zum Beispiel über die allgegenwärtigen Like-Buttons oder über Tracking-Pixel, die Unternehmen auf ihrer eigenen Website einbauen können. Einfach ausgedrückt: Facebook kann die von Zuckerberg postulierten Zugeständnisse an die Nutzer machen, weil es auch ohne diese Daten ein ziemlich genaues Bild von seinen Usern – und auch von denen, die nicht einmal Facebook nutzen – hat.

Zudem sei angemerkt, dass jüngere Nutzer sich ohnehin seit einiger Zeit zunehmend von der Plattform abwenden. Auch der Trend, Inhalte eher im «privaten» Rahmen von Direktnachrichten zu teilen, ist nichts, was Facebook forciert hat. Zuckerberg reagiert somit nur auf das, was wir ohnehin längst alle schon tun – ein notwendiger Schritt, um das Schiff auf Kurs zu halten.

Letztlich bleibt also zu konstatieren: Mark Zuckerberg hat nicht auf einmal seine konsumentenfreundliche Ader gefunden – er will sein Unternehmen nach dem Jahr des Cambridge-Analytica-Skandals und zahlreicher unangenehmer Enthüllungen und Anhörungen zurück in die Erfolgsspur manövrieren. Das tut er geschickt mit warmen Worten, die Läuterung signalisieren, ohne dass er weitere Schuld eingestehen muss. Wenn daraus Verbesserungen für die Nutzer resultieren, umso besser. Doch eines darf man nie vergessen: Facebook ist ein profitorientiertes Unternehmen, das in erster Linie seinen Aktionären verpflichtet ist, und erst in zweiter Linie seinen Usern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.03.2019, 16:35 Uhr

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