Die Facebook-Methode: Abwarten, Abstreiten und Ablenken

Die «New York Times» belegt, dass Facebooks Krisenmanagement mangelhaft ist – bis in die Unternehmensspitze.

Mark Zuckerberg kommt in der Recherche der «New York Times» schlecht weg: Proteste vor einer EU-Anhörung des Facebook-Chefs im Mai 2018.

Mark Zuckerberg kommt in der Recherche der «New York Times» schlecht weg: Proteste vor einer EU-Anhörung des Facebook-Chefs im Mai 2018. Bild: Keystone

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Eine Recherche der «New York Times» sorgt für Unruhe bei Facebook – und lässt die Unternehmensleitung in keinem guten Licht dastehen. Sie zeichnet nicht nur nach, wie zögerlich COO Sheryl Sandberg und der Vorstandsvorsitzende Mark Zuckerberg während der Enthüllungen um russische Wahlkampfanzeigen und Cambridge Analytica agierten. Der Artikel erhebt auch Vorwürfe gegen das Unternehmen, es hätte mithilfe einer Beraterfirma versucht, Gegenspieler zu diskreditieren – teils mit höchst fragwürdigen Methoden.

Sandberg und Zuckerberg, so der zentrale Kritikpunkt, wären so auf das Wachstum von Facebook fixiert gewesen, dass sie Warnungen ignorierten, die es ermöglicht hätten, früher zu handeln – zum Beispiel in Bezug auf eine russische Einflussnahme während der Präsidentschaftswahlen in den USA 2016.

Abwarten, abstreiten, ablenken

Wenn das Unternehmen in der Kritik stand, hätte sich die Führungsriege auf drei Strategien verlassen: Abwarten, Abstreiten und Ablenken. Dabei nahm Facebook nicht nur die Dienste der Beraterfirma Definers Public Affairs in Anspruch, sondern verliess sich auf mächtige Lobbyisten – der wohl prominenteste Fürsprecher ist Chuck Schumer, demokratischer Senator aus New York.

Während ihrer Recherche führten die fünf Journalisten der «New York Times» mehr als fünfzig Interviews mit Facebook-Kadern und regulärem Personal, Abgeordneten, Regierungsmitarbeitern sowie Lobbyisten und Kongress-Angestellten.

So konnten die Reporter nachzeichnen, dass die Facebook-Chefs nicht eingriffen, als der damalige Präsidentschaftskandidat Donald Trump 2015 ein Einreiseverbot für Muslime forderte. Facebook stand ohnehin im Ruf, als Silicon-Valley-Unternehmen eine liberale Schlagseite zu haben. Hätten sie jetzt mit Löschungen und Sperrungen eingegriffen, so die Befürchtung, würde man ihnen die Zensur konservativer Stimmen vorwerfen. «Don’t poke the bear», soll Joel Kaplan, Facebooks Vize, wenn es um Richtlinien geht, damals gesagt haben – bloss keine schlafenden Hunde wecken.

Ähnliches geschah, als eine russische Einmischung in den Präsidentschaftswahlkampf greifbar wurde: Eigentlich sei die Veröffentlichung eines Berichts angestrebt worden, wieder war es Kaplan, der bremste. Die Begründung: Es könnte so aussehen, als schlüge man sich auf die Seite der Demokraten. Um User nicht zu verärgern, rührte man die russischen Fake-News-Seiten nicht an. Dies wurde auch von Sandberg getragen. Auch als das Ausmass der russischen Propaganda-Aktivitäten auf Facebook nicht länger unter den Teppich gekehrt werden konnte, kam die Wahrheit im Sommer und Herbst 2017 nur scheibchenweise ans Licht.

Angriff auf Milliardär Soros

Nach dem Cambridge-Analytica-Skandal im März dieses Jahres steckte Facebook erneut in der Klemme. Nun tritt Definers Public Affairs in den Vordergrund: Sie streuen in konservativen Medien Artikel, die Google und Apple schlecht aussehen lassen – wohl um von Facebooks Misere abzulenken und weil Apples Tim Cook sich öffentlich über Facebooks Fehlverhalten geäussert hatte. Noch pikanter: Die PR-Experten brachten ein Papier in Umlauf, in dem suggeriert wird, dass George Soros hinter einer Anti-Facebook-Bewegung stecke. Tatsächlich hatte er am letzten WEF Facebook und Google kritisiert. Der liberale Milliardär Soros ist so etwas wie das Lieblings-Feindbild der Neuen Rechten, wenn er für etwas verantwortlich gemacht wird, schwingen dabei immer auch das antisemitische Ressentiment des übermächtigen Strippenziehers im Hintergrund mit (Soros ist Jude und Holocaustüberlebender).

Kritik an Zuckerbergs Haltung zu Holocaust-Leugnern: Er wolle Holocaust-Leugner nicht verteidigen, sagt Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Gesperrt werden sollen sie dennoch nicht. Video: AFP

Gleichzeitig zeigte sich Facebook der Politik gegenüber zu Kompromissen bereit: Man gab sich in Anhörungen nicht nur zerknirscht, man trug sogar regulatorische Massnahmen mit, die das Unternehmen unter anderen Umständen wohl nicht unterstützt hätte – und die von anderen Tech-Giganten abgelehnt wurden.

Wer hat die PR-Firma engagiert?

Facebook nimmt die Enthüllungen der «New York Times» offensichtlich ernst: Mark Zuckerberg selbst gab gestern zu, dass Facebook zu spät auf die Einmischung von Russland aufmerksam wurde – eine Entschuldigung, die nicht neu ist. Er bestreitet aber, dass sein Unternehmen versucht habe, etwas zu verbergen oder gar Ermittlungen zu erschweren. Facebook selbst veröffentlichte ein Statement, in dem es bestreitet, russischer Einmischung tatenlos zugesehen zu haben.

Was die Berater von Definers angeht, ist selbst der Chef ahnungslos: Er habe aus der «New York Times» erfahren, dass die Firma für Facebook arbeite. Ebenso hätte Sandberg nichts davon gewusst. Wer sie angestellt habe, konnte er allerdings auch nicht sagen. Klar ist: Definers ist nicht länger für das Social-Media-Netzwerk tätig – die Zusammenarbeit wurde gestern beendet. In der gestern veröffentlichten Stellungnahme widerspricht Facebook dem Boss: Die geschäftliche Beziehung zu Definers sei den Medien bekannt gewesen.

Egal, wie man die Recherche der «New York Times» bewertet – sie erweckt den Eindruck, dass weder Zuckerberg noch Sandberg in ausreichendem Masse Bescheid wissen, was firmenintern geschieht, und nicht Herr (respektive Frau) der Lage sind. Beide delegieren zu oft Entscheidungen, die auf höchster Ebene getroffen werden müssten. Zu wenig für die beiden wichtigsten Personen in einem Unternehmen, das Plattform ist für über zwei Milliarden Menschen.

Erstellt: 16.11.2018, 17:14 Uhr

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