Facebook will das Patent zum Abhören

Kann Facebook über das Smartphone-Mikrofon die Umgebung seiner Nutzer abhören? Ein Patentantrag deutet darauf hin.

Hört Facebook mit, sobald wir die App auf dem Handy nutzen? Derartige Gerüchte halten sich seit Jahren.

Hört Facebook mit, sobald wir die App auf dem Handy nutzen? Derartige Gerüchte halten sich seit Jahren. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Hört Facebook die Gespräche seiner Nutzer über das Mikrofon des Smartphones ab, um ihnen personalisierte Werbung anzuzeigen? Dieses Gerücht hält sich seit Jahren hartnäckig, stichhaltige Beweise für die Theorie fehlen allerdings. Mehrmals hat das Unternehmen solche Vorwürfe dementiert.

Nun ist ein Patentantrag von Facebook aufgetaucht, das die Gerüchte erneut anheizt: Im US-Patentantrag mit der Nummer 2018/0167677 beschreibt das Unternehmen, wie es mithilfe eines Audiosignals das Mikrofon des Smartphones oder eines anderen Geräts aktivieren kann, um die Umgebungsgeräusche aufzunehmen. Anschliessend sollen verschiedene Daten über die aufgezeichneten Geräusche an Facebook gesendet und analysiert werden. Die Aufnahme wird durch ein Signal ausgelöst, das für den Menschen nicht hörbar ist. Es könnte zum Beispiel in TV-Spots eingebettet werden.

Das Unternehmen schreibt im Patent, es könne beispielsweise erkennen, ob ein Nutzer die Werbung vorspult, blockiert oder bis zum Ende ansieht. So versucht Facebook zu erfahren, wie effektiv ein Spot bei diesem Nutzer wirkt. Anhand des Nutzerprofils könnten zudem Werbespots oder andere Inhalte angepasst werden: Erkennt Facebook etwa, dass der Nutzer in Bielefeld wohnt, können Telefonnummern, Adressen und andere Informationen, die in einem Spot vorkommen, an diesen Standort angepasst werden.

Methoden wurden angeblich nie eingesetzt

Zuerst hatte die britische Nachrichtenwebseite Metro über Facebooks Patent berichtet. Es wurde bereits im Dezember 2016 eingereicht, aber erst am 14. Juni 2018 veröffentlicht. Bisher gibt es keine Hinweise, dass Facebook die beschriebene Technik tatsächlich einsetzt. Das Unternehmen selbst sagte der amerikanischen Webseite Mashable, dass es die patentierten Methoden in keinem Produkt verwendet und zudem niemals verwenden werde.

«Es ist üblich, Patente einzureichen, um Vorstössen anderer Unternehmen vorzubeugen», sagt Allen Lo Mashable. Er ist stellvertretender Leiter von Facebooks Rechtsabteilung und für das geistige Eigentum der Firma verantwortlich. «Daher liegt der Fokus von Patenten üblicherweise auf zukunftsweisenden Technologien, die oft spekulativ sind und von anderen Firmen vermarktet werden könnten.»

Kuriose Patente sind keine Seltenheit

Tatsächlich reichen Technik-Unternehmen wie Google, Apple oder Amazon sehr viele Patente ein, die niemals umgesetzt werden. So besitzt etwa Amazon eines, in dem das Unternehmen beschreibt, wie Pakete in Kisten unter Wasser gelagert werden sollen. Bei Bedarf könnten sie mithilfe eines aufblasbaren Ballons wieder an die Oberfläche treiben.

Google setzt auf Liebeszeichen: In einem Patent aus dem Jahr 2013 liess sich das Unternehmen mehrere Handgesten schützen, damit ein tragbarer Computer sie auswerten kann: Wenn ein Nutzer beispielsweise mit beiden Händen ein Herz formt, könne er damit Zustimmung ausdrücken. Das Patent war vermutlich für die Datenbrille Google Glass gedacht. Umgesetzt wurde es nicht.

Wenn wir die Ideen schon nicht verwenden, dann soll es auch niemand sonst tun – das dürfte das Motiv hinter den meisten Patenten sein. So können die Unternehmen ihre Konkurrenz schwächen und in Zukunft, falls nötig, doch noch auf ihre patentierten Ideen zurückgreifen.

Facebook will jeden Lebensaspekt durchleuchten

Facebook lässt sich besonders viele Technologien schützen, die Nutzer penibel analysieren sollen. Die New York Times hat sich Hunderte Patente des Unternehmens angeschaut und kommt zu dem Schluss, dass Facebook überlegt, «nahezu jeden Lebensaspekt der Nutzer auszuwerten». Wo befindet sich der Nutzer, wie ist sein Beziehungsstatus, mit wem verbringt er seine Zeit, über welche Marken und Politiker redet er?

Erst vor wenigen Tagen wurde ein Patent aus dem Jahr 2010 bekannt, in dem Facebook beschreibt, wie wichtige Stationen eines Nutzers vorhergesagt werden könnten: Wann heiratet er? Wann macht er seinen Abschluss? Wann stirbt er? Mit einem anderen Patent möchte Facebook die Persönlichkeit der Nutzer durchleuchten und die gefundenen Merkmale unter anderem für personalisierte Werbung verwenden: Werbetreibende könnten verschiedene Versionen ihrer Anzeige erstellen und sie an Nutzermerkmale wie Offenheit oder Gewissenhaftigkeit anpassen.

Wann Facebook welches Patent wirklich verwenden und wann es einfach nur Entwicklungen von Konkurrenten ausbremsen will, bleibt in vielen Fällen unklar. Nutzern des sozialen Netzwerks bleibt wenig anderes übrig, als auf die Worte des Unternehmens zu vertrauen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.06.2018, 18:39 Uhr

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