Facebook fordert Nutzer auf, «Revenge Porn» selbst hochzuladen

Die Social-Media-Riese will den Missbrauch intimer Fotos bekämpfen – und setzt dabei auf eine fragwürdige Methode.

Ein Albtraum: Wenn intime Bilder von sich selbst im Netz auftauchen. (Symbolbild)

Ein Albtraum: Wenn intime Bilder von sich selbst im Netz auftauchen. (Symbolbild) Bild: Keith Morris / Alamy

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Es ist der ultimative digitale Albtraum: Man ist mit einer anderen Person intim geworden und auf einmal findet man Nacktfotos von sich selbst im Netz. Sei es, weil der Ex-Freund sich rächen will, sei es, weil man erpresst wird – unfreiwillig ins Internet und auf soziale Medien gestellte intime Bilder und Videos werden umgangssprachlich als «Revenge Porn» bezeichnet, Rachepornografie könnte man auf Deutsch sagen. Meist sind die Opfer Frauen, oft lässt sich wenig dagegen tun. Die digitale Kopie ist beliebig oft zu vervielfältigen, und man weiss nie, wo sie als Nächstes auftauchen wird.

Facebook hat im vergangenen Jahr dieser Art von Missbrauch den Kampf angesagt, unter anderem, nachdem ein damals 14-jähriges irisches Mädchen das soziale Netzwerk auf Entschädigungsgelder verklagt hatte, weil ein Nacktfoto von ihr dort kursierte. Anfang des Jahres hatten beide Parteien eine Einigung erlangt. Jetzt macht Facebook also Ernst mit seinem Programm, das den schnörkellosen Namen «Non-Consensual Intimate Image Pilot» trägt. Es zeigt auf der einen Seite, wie schwer es ist, gegen missbräuchliche Verwendung von intimen Bildern im Netz vorzugehen, auf der anderen Seite, wie schmerzhaft ein solcher Prozess für die Opfer sein kann. Nicht umsonst gibt es deutliche Kritik an Facebooks Plänen.

Kritiker bemängeln gleich eine ganze Reihe an Dingen

Im November wurde das Projekt in Australien angekündigt, seit dem 22. Mai sind die USA, Kanada und Grossbritannien hinzugekommen. Ob und wann das Programm in der Schweiz verfügbar sein wird, ist noch nicht bekannt. Und so funktioniert es: Wenn eine Person befürchtet, dass intime Bilder von ihr auf Facebook verbreitet werden könnten, kann sie sich auf Facebook das infrage kommende Bild selbst im Messenger zusenden. In Australien, wo das Programm zuerst lanciert wurde, sendet man zusätzlich noch ein Formular an den «E-Safety Commissioner» der Regierung, dessen Büro dann Kontakt mit Facebook aufnimmt. Und jetzt wird es kritisch: Ein Teammitglied, laut Facebook speziell ausgebildet, sichtet das Foto und erstellt einen maschinenlesbaren Code für das Bild. Dieser Code wird dann gespeichert – nicht das Bild selbst –, um ein zukünftiges Aufladen dieses Bildes zu verhindern.

Kritiker bemängeln gleich eine ganze Reihe an Dingen an diesem Vorgehen. Da ist der Fokus auf das Opfer, das aktiv werden muss, um den Missbrauch durch eine andere Person – den Täter – zu verhindern. Für jemanden, der die Verbreitung eines Fotos ohne seine Zustimmung fürchtet, sei es unter Umständen schon ein traumatisierender Prozess, die infrage kommenden Bilder überhaupt durchzugehen. Ausserdem impliziere der Vorgang, dass das Opfer etwas falsch gemacht habe, nicht derjenige, der die Bilder missbraucht. Im angelsächsischen Raum sprechen Kritiker von «victim blaming» und fordern, man solle doch mehr darin investieren, Männer von derartigen Übergriffen abzubringen.

Was, wenn man selbst keinen Zugriff auf die Bilder hat?

Der wohl offensichtlichste Kritikpunkt: Im Lichte der Enthüllungen rund um Cambridge Analytica muss man hinterfragen, wie sicher die Daten bei Facebook sind respektive wie offen Facebook im Falle eines Sicherheitslecks kommuniziert. Doch nicht nur in dieser Hinsicht müssen Geschädigte Mark Zuckerberg und seinen Angestellten blind vertrauen: Darüber hinaus gibt man ein intimes Foto von sich einer fremden Person in die Hand. Inwiefern diese aufgrund des speziellen Trainings, das Facebook anführt, einwandfrei für den delikaten Job geeignet ist, bleibt dahingestellt.

Und zu guter Letzt gibt es ein weiteres, durchaus grosses Problem: Was, wenn sich die fraglichen Bilder gar nicht im Besitz des Opfers befinden? Sobald jemand beispielsweise heimlich beim Geschlechtsverkehr fotografiert oder gefilmt wurde und keinen Zugriff auf die Bilder hat, kann man Facebooks neues System nicht nutzen – oder zumindest so lange nicht, bis die Bilder irgendwo auftauchen. Womit der Schaden bereits angerichtet wäre.

Nun könnte man sagen: Man soll sich einfach nicht in intimen Momenten ablichten oder fotografieren lassen – damit würde man es sich aber doch etwas gar einfach machen. Auf der anderen Seite ist der Schritt, den Facebook geht, auch für sie Teil eines Lernprozesses. Das System mag noch nicht perfekt sein: Immerhin stellt das Unternehmen einen Notfallplan zur Verfügung. Inwiefern er dabei hilft, Missbrauch dieser Art zu verhindern, bleibt abzuwarten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2018, 19:29 Uhr

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