Kleinkrieg auf Facebook

Ein Nutzer will einen Kreuzzug gegen alles Schlechte auf der Social-Media-Plattform führen – traf er im Übereifer die Falschen?

Eine Gruppe hat verschiedene andere Facebook-Gruppen beim Social-Media-Giganten angeschwärzt. Bild: istock/pixdeluxe

Eine Gruppe hat verschiedene andere Facebook-Gruppen beim Social-Media-Giganten angeschwärzt. Bild: istock/pixdeluxe Bild: Stephen Lam

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf Facebook passiert zur Zeit Komisches: Zahlreiche Gruppen haben in den letzten 24 Stunden ihre Privatsphären-Einstellung geändert, von öffentlich oder geschlossen zu geheim. Diese Vorsichtsmassnahme macht sie für Aussenstehende unauffindbar. Dieses Versteckspiel hat seinen Grund: Mehrere Gruppen mit bis zu einer halben Million Mitgliedern sind deaktiviert worden, nachdem sie massenhaft gemeldet worden waren. Das Problem: Sie sind vermutlich Opfer einer konzertierten Aktion geworden und wurden zu Unrecht gelöscht.

Im Mittelpunkt dieser verworrenen und auch etwas absurden Geschichte steht die Facebook-Gruppe «Indonesian Reporting Commission» (IReC), die mittlerweile selbst offline genommen wurde, wahrscheinlich von den Betreibern selbst. Diese Gruppe hat verschiedene andere Gruppen, in denen – sicherlich teils streitbare – Memes geteilt wurden und die als sogenannte Tag Groups (siehe Box in der rechten Spalte) fungieren, bei Facebook angeschwärzt.

Alles Schlechte von Facebook entfernen

Angeblich haben Mitglieder der IReC die anvisierten Gruppen infiltriert, dort Inhalte gepostet, die gegen Facebooks Richtlinien verstossen, und diese dann gemeldet. So sollte eine Sperrung der missliebigen Gruppe erreicht werden – zum Teil mit Erfolg. Mindestens zwei grössere Gruppen namens «Crossovers Nobody Asked For» (CNAF) und «Nonsense Meme» sind so zumindest vorübergehend deaktiviert worden.

Als CNAF mit seinen fast 500’000 Mitgliedern weltweit am Montag gesperrt wurde, begann schnell die Suche nach den Urhebern des Ungemachs. Sie führte zum Indonesier Muhammad S. Auf einem Bild, das ihn zeigen soll, sieht man einen jungen Mann mit grosser Brille und wenig Bartwuchs. Er selbst meldete sich am Donnerstag in einer indonesischen Facebook-Gruppe zu Wort. Dort entschuldigt er sich und kündigt die Auflösung der IReC an.

Er habe einfach alles Schlechte von Facebook entfernen wollen, Witze über Religionen oder Fehlinformationen beispielsweise. In der Facebook-Gruppe «The Great Zuccening Memorialposting» deutet ein Post an, dass diese Entschuldigung nicht viel gilt bei den Anhängern von CNAF und «Nonsense Meme». In einigen der Gruppen kursierten ausserdem Gerüchte, S. sei sogar physisch angegangen worden für seine Aktivitäten.

Facebook bestätigte gegenüber dem Tech-Magazin «Mashable», dass sie diverse gemeldete Gruppen offline genommen hätten und dass sich jetzt herausstelle, dass einige davon sabotiert worden seien. Die betroffenen Gruppen würden wiederhergestellt.

Der Vorfall zeigt Schwächen von Gruppen auf

Die Social-Media-Plattform hatte erst Ende April an seiner Entwicklerkonferenz F8 verkündet, künftig verstärkt auf Gruppen und die vermeintliche Privatsphäre, die sie bieten, zu setzen. Die aktuellen Geschehnisse rund um die IReC werfen nun die Frage auf, wie sicher Gruppen vor böswilligen Attacken sind: Anscheinend ist es derzeit sehr einfach, Gruppen mit Posts und Meldungen zu sabotieren – die Kritik, Facebook habe hier wohl etwas voreilig gehandelt, muss sich das Unternehmen gefallen lassen.

Es zeigt aber auch, dass auf Facebook abseits der Öffentlichkeit Auseinandersetzungen um Meinungs- und Deutungshoheiten stattfinden, die reale Konsequenzen im echten Leben haben können. Einzelne Personen, die sich als weissen Ritter sehen, setzen sich virtuellen und realen Angriffen aus. Vielleicht geschmacklosen, aber sonst harmlosen Gruppen droht eine Willkür, die jenseits ihrer Kontrolle liegt. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.05.2019, 19:08 Uhr

Kleines Glossar

Tag Group
Eine Gruppe, die unter Beiträgen oder in Kommentaren zu Beiträgen markiert wird, entweder als Hinweis für die Gruppenmitglieder oder als Verhöhnung des Posters.

Meme
In der Netzkultur in der Regel ein Bild oder ein Gif mit Wiedererkennungswert, das für Eingeweihte eine bestimmte Nachricht oder Haltung transportiert; Mittel der Kommunikation unter Insidern.

Doxxing
Das Veröffentlichen persönlicher Daten wie Name und Adresseim Netz.

Zuccing
Das Sperren durch Facebook (nach dem CEO Mark Zuckerberg).

Artikel zum Thema

US-Regierung lanciert Social-Media-Umfrage

Digital kompakt Wer sich von Facebook und Co. ungerecht behandelt fühlt, soll sich bei Präsident Trump melden. Und Apples eigene 5G-Modems kommen wohl erst 2025. Mehr...

Facebook verschärft seine Livestream-Regeln

Nach dem Anschlag von Christchurch geht das US-Unternehmen strenger gegen Hass im Netz vor. Neuseelands Premierministerin Ardern begrüsst den «ersten Schritt». Mehr...

Nach einem Facebook-Post flogen die Steine

Die Regierung in Sri Lanka hat die sozialen Medien gesperrt, weil seit den Terrorattacken von Ostern die Nerven blank liegen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...