Mehr als blosser Klicktivismus

Eine neue Bürgerbewegung setzt sich dafür ein, den Flüchtlingen an den Grenzen zu helfen. Das wäre ohne Facebook nicht möglich.

Ein Flüchtling versucht nach seiner Ankunft auf der Insel Kos Kontakt mit seiner Familie herzustellen. Foto: Yannis Behrakis (Reuters)

Ein Flüchtling versucht nach seiner Ankunft auf der Insel Kos Kontakt mit seiner Familie herzustellen. Foto: Yannis Behrakis (Reuters)

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Vor einem Jahr haben uns die hiesigen Medien überflutet mit Bildern und Berichten von leidenden Menschen in nussschalengrossen Booten, auf der Flucht vor Krieg und Armut. Es waren Berichte, die niemanden kaltliessen.

Europa steht seither vor einer humanitären Krise. Viele Europäer sind der Ansicht, dass die Regierungen nicht genug unternehmen, um den Menschen auf der Flucht zu helfen.

Zu diesen besorgten Bürgern gehören auch Jessica und Michel. Sie sind Aktivisten bei der im Herbst 2015 gegründeten Organisation Stand up for Refugees. Stand up, wie die beiden den Namen abkürzen, sammelt in der Schweiz Hilfsgüter – vor allem Kleidung – und organisiert Transporte, um die Güter dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden: in die Flüchtlingscamps an den Grenzen.

«Als diese Bilder um die Welt gingen, gab es immer mehr Menschen, die nicht mehr zuschauen konnten, die etwas tun wollten gegen dieses Elend», erinnert sich Michel. Er war selbst in einem Camp in Kroatien und später im griechischen Idomeni, um zu helfen. «Wenn du zurückkommst von so einem Einsatz, kannst du nicht normal weiterleben wie bisher. Du musst etwas tun.» Jessica war an der Grenze in Griechenland. Dort hat sie Menschen geholfen, aus den Booten zu klettern, und sie mit Kleidung und Tee versorgt.

Facebook, Whatsapp, Telegram

Stand up for Refugees ist bei weitem nicht die einzige Organisation dieser Art. Seit letztem Sommer entstehen überall in der Schweiz ähnliche Gruppierungen. Sie teilen ein Ziel: das Leiden der flüchtenden Menschen auf dem Weg nach Europa wenigstens ein bisschen zu mindern.

Es ist nicht zu hoch gegriffen, von einer Bewegung zu sprechen. In Zürich beispielsweise sind die Gruppen Tsüri hilft und Action from Switzerland entstanden. In Bern sind die Aktiven von Open Eyes Balkanroute, und in ­Basel ist die Gruppe Be Aware and Share zu Hause. Es gibt noch unzählige weitere Beispiele. Facebook, Whatsapp, Telegram und andere Internetdienste spielten von Anfang an eine entscheidende Rolle.

Das Projekt Stand up for Refugees hat im Herbst 2015 als Facebook-Gruppe angefangen. Ebenso Action from Switzerland und Tsüri hilft. Dort konnte sich vernetzen, wer an den Grenzen Hilfe leisten wollte. Es wurden Spendenaufrufe gestartet und Kleidersammelaktionen organisiert. Man konnte sich zusammenschliessen, um gemeinsam an die Grenzen zu fahren. Das waren lose Netzwerke von Menschen, die nicht mehr bloss zusehen wollten.

Facebook ist für die Aktivisten ein Ort der Vernetzung in doppelter Hinsicht. In erster Linie haben die Facebook-Seiten geholfen, Menschen in der Schweiz, die sich engagieren wollten, miteinander zu vernetzen. Später hat es aber auch eine wichtige Rolle gespielt, um mit den Menschen vor Ort in Kontakt zu bleiben. Auf diese Weise konnten Angebot und Nachfrage über Facebook zueinandergebracht werden. Jemand in Idomeni konnte über Facebook verbreiten, was gerade am meisten benötigt wurde.

«Facebook ist auch deshalb toll, weil wir mit geflüchteten Menschen, die wir in den Camps kennen gelernt haben, in Kontakt bleiben können. Da bekommt man dann mit, wie jemand ein Selfie vor dem Brandenburger Tor postet.» Jessica und Michel schmunzeln, wenn sie das erzählen. Gleichzeitig erfahre man, wenn jemand wieder zurückgeschickt wurde.

«Facebook ist für viele eine Fluchthelferin.»Jessica

Aber auch für die Leute auf der Flucht ist Facebook ein wichtiges Instrument. So können sie in meist geschlossenen Facebook-Gruppen neue Fluchtwege posten oder Erfolge und Misserfolge teilen. Auch die Schlepper bieten ihre Dienste oft auf dem sozialen Netzwerk an, erklärt Jessica: «Facebook ist für viele eine Fluchthelferin.»

Einen Monat nachdem die FacebookGruppe Stand up for Refugees ent­standen ist, hat sich aus diesem losen Facebook-Netzwerk eine kleine Kerngruppe aus sieben Leuten in Biel herauskristallisiert, die den Verein mit gleichem Namen gegründet hat. Neben der Facebook-Gruppe entstand dann die Facebook-Site. Die nutzt Stand up in erster Linie, um ihre bisherigen Aktionen zu dokumentieren und an die Öffentlichkeit zu bringen. Wichtig sei die Unmittelbarkeit, erklärt Michel. «Mit Facebook sind wir bei den Leuten in den Hosentaschen. Wir posten etwas, und Tausende von Handys surren. Wir haben so eine grosse Reichweite.»

«Likes» und «Shares», aber kaum Aktionen

Im Gegensatz zu vielen anderen politischen oder aktivistischen Facebook-Seiten handelt es sich hier nicht um Klicktivismus. Der Begriff bezeichnet das Problem, dass politisch motivierte Seiten zwar von Hunderten von Leuten «geliked» und «geshared» werden, den Sprung in die reale Welt aber nicht schaffen. Solche Seiten haben viele Abonnenten und können Aufmerksamkeit erregen und Menschen informieren, stossen aber an ihre Grenzen, wenn es darum geht, Ideen umzusetzen.

Die Haupttätigkeit von Stand up for Refugees findet nicht im Internet statt. Facebook war immer nur ein praktisches Mittel zum Zweck. Der erste Hilfseinsatz, der über die Facebook-Gruppe Stand up for Refugees koordiniert wurde, war zwei Wochen, nachdem die Gruppe ins Leben gerufen wurde, in Slowenien. Sie haben diesen Sprung sofort geschafft. Ebenso die Facebook-Gruppe Action from Switzerland. Sie hat 2576 Mitglieder und beschreibt sich selber als «civilian initiative to organise aid from Switzerland to help refugees coming into Europe». Ein Post dokumentierte ein Fussballturnier in Zürich, an dem Schweizer und Flüchtlinge teilgenommen haben.

Schnelle Reaktion möglich

Die Leute, die aktiv werden, haben aber meistens über Freunde und Bekannte von den Stand-up-for-Refugees-Aktionen erfahren und nicht über Facebook, meinen Jessica und Michel. Die Hemmschwelle, tatsächlich aktiv zu werden, sei trotz Facebook tiefer, wenn man Leute kenne, die selbst schon mitmachten.

Von den grossen Hilfsorganisationen unterscheidet sich Stand up for Refugees und die anderen Hilfsgruppen vor allem dadurch, dass sie sehr flexibel sind. Als die Leute von Stand up for Refugees vor einigen Wochen mitbekamen, dass in einem Park in Paris ein Flüchtlingscamp aufgebaut und ganz viel Kleidung benötigt wird, konnten sie schnell reagieren. Auch hier war Facebook eine grosse Hilfe.

Unbürokratisch, aber unstabil

Sie haben über die Facebook-Site direkt zum Spendensammeln aufgerufen, organisierten einen Lastwagen, einen Fahrer und einige Freiwillige. Bei den grossen NGOs müssen solche Entscheidungen zuerst durch unzählige bürokratische Mühlen gehen, bevor reagiert werden kann. Im Gegensatz zum Roten Kreuz oder Amnesty International sind die privaten Organisationen allerdings weniger stabil. Sie haben keine festen Einnahmequellen und müssen sich auf das freiwillige Engagement der Helfer verlassen.

Michel und Jessica sind sich bewusst, dass ihre Einsätze keinen lang anhaltenden Nutzen bringen. Sie sehen die Arbeit der Gruppe zwar durchaus als Form des politischen Protests. Denn wenn die Regierungen sehen, dass unbezahlte Helfer hier die Arbeit machen, die eigentlich Aufgabe der Staaten ist, ändern sie vielleicht ihre Gesetze. Der Protest sei trotzdem nicht die ursprüngliche Motivation für ihre Arbeit, sondern eher ein zusätzlicher Effekt.

Die Hilfe ist daher in erster Linie Symp­tombekämpfung. Organisationen wie Stand up for Refugees mindern die akute Not, können die Ursachen aber nicht bekämpfen. Diese Gruppen sind also eigentlich keine Hilfsorganisationen, denn dafür haben sie zu wenig institutionelle Infrastruktur. Sie sind auch nicht in erster Linie politische Aktivistengruppen, da sie wenig direkten politischen Druck ausüben können. Doch was sind sie dann? Es handelt sich hier um spontane Akte der Solidarität von Menschen, die helfen möchten. Sie benötigen dafür nur einen Kommunikationsweg, um sich zu koordinieren – und den bietet Facebook.

Ob Facebook ein geeignetes Mittel für die Teilhabe am politischen Prozess ist, sei dahingestellt. Organisationen wie Stand up for Refugees zeigen aber in jedem Fall, dass es für die dezentrale Koordination und Organisation von vielen Menschen mit dem gleichen Ziel wohl noch kein besseres Instrument gibt.

Erstellt: 26.07.2016, 20:55 Uhr

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