«Kümmert euch um eure Angestellten»

Das grösste soziale Netzwerk der Welt werden wir nicht los – warum ändern wir es nicht? Neun Forderungen an Facebook.

«Unternehmen wie Facebook leben davon, dass sie Daten erheben» (Video: Reuters)
Video: Reuters

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Man ist sich dieser Tage ja manchmal nicht ganz sicher, woran man zuerst verzweifeln soll: an Facebooks Geschäftsgebaren oder an der Menschheit. Nach den neuen Enthüllungen rund um Cambridge Analytica möchte man kaum noch glauben, dass Facebook irgendetwas anderes vertritt als die Interessen der eigenen Aktionäre. Und auf der anderen Seite kommt man aus dem Kopfschütteln über den #DeleteFacebook-Aktionismus nicht mehr heraus.

Denn, ganz ehrlich: Selbst wenn ein paar Millionen Ernst machen und auf dem Weg zum endgültigen Löschknopf von Facebook nicht schlappmachen und/oder durchdrehen, unser aller meistgehasste-meistgeliebte Social-Media-Plattform ist mittlerweile, wie man bei Banken sagen würde, too big to fail. Zu bequem sind wir Nutzer, zu einfach ist es zu bleiben, zu schwer zu gehen.

Was wollen wir eigentlich?

Zu lange ist Facebook der Platzhirsch gewesen, der uns vorsetzen konnte, was er wollte, und wir haben es geschluckt. Früher wurden bei unpopulären Änderungen Gruppen gegründet, die Namen trugen wie «Wir wollen das alte Facebook zurück», heute nutzt man für ein paar Tage das Hashtag #deletefacebook und macht dann weiter wie zuvor.

Dabei sollte man als zu Recht empörter und engagierter Netzbürger eher seine Energie darauf verwenden, zu überlegen: Was wollen wir eigentlich? Vor lauter Wutbürgerei 2.0 vergessen wir viel zu oft, uns diese Frage zu stellen. Darum hier neun Forderungen – so utopisch sie auch sein mögen.

Werdet Eure Aktionäre los
Letztendlich muss sich der Nutzer fragen, ob er seine Daten und Inhalte einem börsennotierten Unternehmen anvertrauen möchte. Oder ob eine andere Geschäftsform für ein weltumspannendes soziales Medium nicht passender wäre – das Netzwerk Diaspora beispielsweise wird von einer Stiftung betrieben. Die hat keine Gewinnmaximierung zum Ziel und kann somit ganz anders wirtschaften als eine Aktiengesellschaft. Ob Facebook bereit wäre für eine derartige Verkollektivierung? Warum nicht? Das Geschäft hat für den Gründer genug abgeworfen, das Aktiengeschäft könnte abgewickelt werden, ohne dass Aktionäre zu Schaden kämen. Stellt sich nur die Frage, wer die Stiftung präsidieren würde und welche Institutionen sie überwachen müsste. (Diesen Vorschlag hat Kollege Matthias Schüssler übrigens vor ein paar Wochen schon an anderer Stelle gemacht.)

Gebt uns Ansprechpartner
Solange Facebooks Presseerklärungen mit Floskeln beginnen wie «Protecting people’s information is the most important thing we do at Facebook», signalisiert das Haus, dass ihnen Kritik am eigenen Handeln eigentlich egal ist. Eine Plattform, die den Nutzer ins Zentrum ihrer Bemühungen stellt, müsste diese in die weiteren Entwicklungen einbinden und auf Augenhöhe mit allen Teilnehmern kommunizieren. Das würde auch beinhalten, direkte Ansprechpartner zur Verfügung zu stellen. Derzeit kann man höchstens über Formulare mit vorgefertigten Antwortmöglichkeiten mit Mitarbeitern verkehren. An Verantwortliche kommt man in der Regel selbst als normalsterblicher Pressevertreter nicht heran. Rekurse zum Beispiel gegen Meldungen von Inhalten oder Sperrungen müssten unbedingt möglich sein.

Menschen tun im Netz irrationale Dinge. Das überhastete Löschen eines Kontos gehört dazu.

Vereinfacht die Nutzung
Apropos volle Kontrolle über die Inhalte: Ein einfaches Handling des Kontos und seiner wichtigsten Privatsphäreneinstellungen sollte selbstverständlich sein. Während es mittlerweile relativ einfach ist, für jeden Post die richtige Privatsphäreneinstellungen zu wählen, und Facebook seine Nutzer in regelmässigen Abständen dazu auffordert, über ihre Einstellungen zu schauen, ist es immer noch schwer, das Konto wirklich effektiv zu löschen. Natürlich hat Facebook kein Interesse daran, Nutzer zu verlieren. Ebenso verständlich ist es, dass die Betreiber ihren Nutzern vor Augen führen, dass das Löschen von mehreren Jahren persönlicher Onlinepräsenz ein grosser Schritt ist. Dass beim Deaktivieren des Kontos, der Vorstufe des Löschens, allerdings Facebook-Freunde eingeblendet werden, von denen die Plattform dreist behauptet, sie würden einen vermissen, grenzt an emotionale Erpressung. Menschen tun im Netz irrationale Dinge. Das überhastete Löschen eines Kontos mag dazu gehören – solange Facebook seine (volljährigen) Nutzer allerdings nicht wie Erwachsene behandelt, kann kein Verhältnis auf Augenhöhe entstehen. Dass beim Löschen des Accounts auch gleich alle Inhalte permanent von Facebooks Servern gelöscht werden und alle mit ihnen verbundenen Nutzungsrechte erlöschen müssen, sollte sich von selbst verstehen.

Kümmert euch um eure Angestellten
Wer bei Facebook gemeldete Inhalte prüft, ist ein armer Tropf. Er sieht Inhalte, die man sicher nicht sehen will, die Arbeitsbelastung ist unmenschlich hoch und am Ende steht er alleine mit seinen Problemen dar. Ein Unternehmen, das seine User respektiert und schätzt, muss auch hier ansetzen. In regionalen Gepflogenheiten geschultes Personal muss in ausreichender Zahl und fair entlohnt zur Verfügung stehen, es muss an Hand von einfachen Rahmenbedingungen kompetent entscheiden können und bei Bedarf auf adäquate Betreuung zurückgreifen können.

Öffnet euch für die Wissenschaft
Dass wir so wenig darüber wissen, wie Facebook genau funktioniert, hängt auch damit zusammen, dass der Code und die Algorithmen proprietär und somit nicht für die Öffentlichkeit einsehbar sind. Wissenschaftler bemängeln diese fehlende Offenheit seit Jahren. Dabei wären die meisten Forschungsprojekte, die wertvolle Einsicht in die Funktionweisen der Plattform bringen könnten, auch ohne Einblick in die Geschäftsgeheimnisse durchführbar. So wird Forschung verhindert, die einen aufgeklärteren Umgang mit Social Media ermöglichen könnte.

Pflegt Transparenz
Facebook muss transparenter werden. Wer es nutzt, sollte zu jeder Zeit wissen, wann seine Daten von wem wofür gebraucht werden. Natürlich wird auch Facebook Missbrauch von Dritten nie ganz ausschliessen können. Doch müssen die Verantwortlichen in den nächsten Wochen glaubhaft aufzeigen, dass man aus der Cambridge-Analytica-Geschichte gelernt hat, und offen darlegen, welche Schritte genommen werden, um eine Wiederholung zu verhindern.

Dass Zuckerberg und Kollegen lernfähig sind, zeigte sich ansatzweise im Zuge der Enthüllungen um russische Einmischung in den US-Wahlkampf. Dass man als Nutzer jetzt sehen kann, wer hinter welcher Werbung auf Facebook steckt und nach welchen Parametern sie geschaltet wird, ist ein kleiner Fortschritt. Dies sollte auf alle Bereiche ausgeweitet werden, wo auf der Plattform Dritte mit unseren Profilen und Daten interagieren. Darüber hinaus sollte ersichtlich sein, was Facebook selbst mit unseren Daten anstellt. Klarere und abgespeckte Nutzungsbedingungen könnten dabei helfen. Im Sinne eines effektiven Datenschutzes würde sich auch eine Dezentralisierung anbieten, wie es beispielsweise dem Social Network Diaspora zugrunde liegt. Diaspora ist im Gegensatz zu anderen sozialen Netzwerken ein Non-Profit-Unternehmen, das den Nutzern gehört. Die Software, auf der es basiert, wird von einer Stiftung entwickelt und vertrieben.

Stellt euer Geschäftsmodell auf den Kopf
Facebook rühmt sich damit, von der ersten Minute an gratis gewesen zu sein – das soll auch so bleiben. Dafür bekommt der Nutzer an allen möglichen Stellen auf dem Netzwerk Werbung eingeblendet; ein grosser Teil des Geschäftsmodells fusst auf diesen Einnahmen. Dabei fällt Werbung dort immer wieder unangenehm auf – seien es politische Anzeigen, die zum Beispiel im US-Wahlkampf zu einer wahrscheinlich unlauteren Beeinflussung von Stimmbürgern geführt haben, oder seien es schlicht Hinweise auf Online-Games, die uns Zeit und Geld stehlen. Kann Facebook werbefrei werden? Es würde voraussetzen, dass das Unternehmen sein Geschäftsmodell radikal umstellt. Durch Bezahlmodelle – die offensichtlichste Alternative zur werbetreibenden Plattform – würden zahlreiche wirtschaftlich schwache Nutzer ausgegrenzt. In Menlo Park sitzen sicher einige der intelligentesten Ingenieure unserer Zeit – sie müssen sich etwas Neues einfallen lassen.

Gebt den Nutzern Kontrolle
Derzeit teilt man als Nutzer der meisten Social-Media-Plattformen seine Nutzungsrechte an Inhalten mit den Betreibern, sobald man sie postet. Das ist auch bei Facebook so – vielleicht erinnern Sie sich an den Kollegen, der in etwas naiver Manier per Posting der Nutzung seiner Daten widersprochen hat und ernsthaft glaubte, er sei damit auf der sicheren Seite. Diese Bedingung stammt aus einer Zeit, in der das Geschäftsmodell von Facebook noch nicht so geschärft war wie heute. Jetzt, wo das Unternehmen den Löwenanteil seines Umsatzes mit Werbung erzielt, könnte es doch darauf verzichten – und den Nutzern volle Kontrolle über ihre Inhalte zurückgeben.

Nehmt Rücksicht auf regionale Besonderheiten
Immer wieder macht man auf Facebook die Erfahrung, dass sich die Betreiber von einem angelsächsischen Free-Speech-Primat leiten lassen: Dinge, die uns unsagbar erscheinen, werden von Facebooks Prüfern durchgewunken, weil die freie Meinungsäusserung in den Facebook-Richtlinien oft höher bewertet wird als die seelische Unversehrtheit des Adressaten. Das mag für eben diesen Raum angemessen sein, die Entscheidungen, die dieses Primat zeitigt, stossen zum Beispiel schon in Europa oft auf Unverständnis. Dabei geht es nicht nur das Melden von rassistischen oder sonst wie menschenfeindlichen Inhalten, sondern auch um das Gerechtigkeitsgefühl, das oft unbefriedigt zurückbleibt bei Kontakten mit der Autorität Facebook. Das Unternehmen muss lernen, seinen globalen Anspruch mit den regionalen Besonderheiten und unterschiedlichen Bedürfnissen der Nutzer in Einklang zu bringen.

Was würden Sie sich von einem idealen sozialen Netzwerk wünschen, welche Bedingungen müsste es erfüllen? Sagen Sie es uns direkt unter diesem Artikel in den Kommentaren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2018, 16:51 Uhr

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