Nutzer wollen auf Facebook nicht flirten

Mit seiner neuen Dating-App will der Social-Media-Gigant seine User zusammenführen. Einmal mehr kommt der Datenschutz dabei zu kurz.

Mitten im grössten Datenschutzskandal der Firmengeschichte will Facebook eine eigene Online-Partnervermittlung einführen.
Video: Reuters

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Mehr als nur Freunde sein, das ist das neue Motto von Facebook. «Meaningful Relationships», zu Deutsch «bedeutsame Beziehungen», wolle man schaffen, heisst es. Geschehen soll dies mithilfe einer neuen Dating-App auf der sozialen Plattform. Dabei gehe es dem Social-Media-Giganten nicht primär um belanglose Liebeleien, sondern vielmehr darum, echte Beziehungen zwischen Facebook-Usern erblühen zu lassen. Die neue Funktion hat Facebook-CEO Mark Zuckerberg am Dienstag auf der jährlich stattfindenden Facebook-Entwickler-Konferenz F8 vorgestellt.

Ob die Dating App im Verlaufe dieses Jahres erst den US-amerikanischen Usern zur Verfügung stehen wird, oder ob auch die Schweizer Facebook-Nutzer bald schon in den Genuss der neuen Funktion kommen, ist derzeit noch unklar.

Neues Profil, alte Daten

Doch was bedeutet die neue Dating-App für Personen, die derzeit schon Facebook nutzen? Für den Moment verändert sich nicht viel, denn ihre Profile werden nicht automatisch in Dating-Profile umgewandelt, wie Facebook versichert. Interessierte Nutzer müssen ein weiteres, speziell für die Dating-App verwendbares Profil erstellen, welches nicht mit dem offiziellen Facebook-Profil verbunden wird. Gänzlich abgekoppelt sind die beiden Profile aber nicht, wird schliesslich das Dating-Profil mit den Informationen aus dem originalen Profil gefüttert. Anhand dieser Daten zu den eigenen Interessen und dem eigenen Verhalten will Facebook dann Verbindungen zu anderen Benutzern der Dating-App schaffen.

Der Kontakt zu anderen Nutzern wird allerdings erst dann freigeschaltet, wenn eine Benutzerin oder ein Benutzer einem Event oder einer sogenannten Gruppe beigetreten ist. Solche Gruppen dienen dem Zweck, dass sich Personen mit gleichen Interessen über spezifische Themen austauschen können. Dann werden alle Personen der Dating-App angezeigt, die ebenfalls am gleichen Event teilnehmen werden oder sich in derselben Gruppe befinden. Aus diesen sucht man sich eine Person aus, mit der man sich, wenn es nach Facebook geht, in Kontakt setzt und sie dann schliesslich an besagtem Event trifft. Durch dieses Vorgehen will Facebook erreichen, dass sich Kontakte nicht nur schreiben, sondern sich auch im realen Leben verabreden.

«Datenkrake» Facebook fährt Tentakel aus

Der Launch der Facebook-Dating-App macht besonders in Zeiten, in welchen Facebook aufgrund des Umgangs mit den Daten seiner eigenen Nutzer starke Kritik einfährt, stutzig. Nur wenige Wochen nach der Anhörung Mark Zuckerbergs zum Datenskandal vor dem US-Senat scheint Facebook weiter seiner «Datensammelwut» nachzugehen. Man wolle aber die Sicherheit und die Privatsphäre der Benutzer der Dating-App garantieren, hiess es an der Entwickler-Konferenz.

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Wie Facebook garantieren kann, dass die Informationen rund um das Liebesleben der Nutzer auch wirklich sicher sind und nicht für individualisierte Werbeinhalte auf der Plattform genutzt werden, ist derzeit noch unklar. Bisher hat das Unternehmen noch keine Angaben dazu gemacht und auch nicht auf entsprechende Anfragen reagiert. Sicher ist, dass die «Datenkrake» Facebook durch die neue Funktion einen weiteren Tentakel ausfahren wird und die Daten, die sie dadurch generieren kann, auch nicht ungenutzt bleiben.

Nutzer sind noch nicht überzeugt

Bei den Nutzern selber stösst die Vermeldung einer Dating-App von Facebook auf wenig Zuspruch. So ärgern sich auf Twitter viele ob Facebooks widersprüchlicher Haltung bezüglich der Daten seiner User. Ein Nutzer schreibt: «Mit all den Daten und Informationen, die von jedem einzelnen von uns gesammelt werden, könnte Facebook uns auch einfach die Namen der Personen geben, die wir daten sollen.»

In die Diskussion haben sich auch bekannte Personen eingeschaltet wie beispielsweise US-Talkmaster und Comedian Stephen Colbert. Er kommentiert Facebooks Dating-App gewohnt zynisch:

Wird die Plattform also mit dieser neuen Funktion seine Nutzer stärker an sich binden können oder gar den Trend des Löschens des eigenen Facebook-Profils verstärken? Diese Frage ist eng verwoben mit der Umsetzung des Datenschutzes und der Datensicherheit von Facebook und dem Eindruck davon in der Öffentlichkeit. Die momentanen Reaktionen der Nutzer zur neuen Funktion von Facebook lassen aber wohl eher die zweite Option vermuten.

Konkurrenz wird gnadenlos ausgeschaltet

Weshalb Facebook überhaupt eine Dating-App auf einen Markt bringt, der bereits mit unzähligen anderen Diensten wie Tinder und Co. gesättigt ist, kommentiert das Unternehmen nicht. Klar ist jedoch, dass Facebook Tinder bereits mit der beendeten Zusammenarbeit hat bluten lassen und für den Dienst mit der eigenen Dating-App nun zu einer ernsthaften Konkurrenz wird. Ob Facebook auf dem Dating-App-Markt am Ende als Sieger hervorzukommen vermag, muss sich aber erst noch zeigen.

Erstellt: 02.05.2018, 19:07 Uhr

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