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Schock-Listen: Facebook überwacht Sie im halben Internet

Eine neue Funktion zeigt erstmals, wie fast jeder Klick analysiert wird. Wie man sich damit einen Teil seiner Privatsphäre zurückholt.

Simon Hurtz
«Wow, so viele Daten habe ich über euch gesammelt», scheint Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hier zu sagen. Wer seine «Aktivitäten ausserhalb von Facebook» anschaut, wird vermutlich eine Liste mit Hunderten Einträgen finden. Foto: Reuters/Albert Gea
«Wow, so viele Daten habe ich über euch gesammelt», scheint Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hier zu sagen. Wer seine «Aktivitäten ausserhalb von Facebook» anschaut, wird vermutlich eine Liste mit Hunderten Einträgen finden. Foto: Reuters/Albert Gea

Viele Menschen glauben, dass sie abgehört werden. Sie sind überzeugt, dass Facebook heimlich das Mikrofon ihres Smartphones aktiviert. Als angeblichen Beweis führen sie gruselige Anzeigen an, perfekt zugeschnitten auf ihre Vorlieben und Interessen. Von denen, so glauben sie, habe Facebook nur erfahren können, indem es sie rund um die Uhr belausche.

Der Konzern aus Kalifornien widerspricht, und auch Datenschützer sehen keine Indizien für derartige Schnüffelei. Dennoch hält sich die Verschwörungstheorie seit Jahren.

Eine neue Funktion, die Facebook nun weltweit freigeschaltet hat, könnte das ändern. Sie heisst «Off-Facebook Activity» (OFA) und zeigt, dass Facebook gar kein Smartphone-Mikrofon braucht, um Milliarden Menschen zu überwachen. OFA gibt einen Einblick in die Datenberge, die das Unternehmen anhäuft – und ermöglicht es Nutzern, sich einen Teil ihrer Privatsphäre zurückzuholen.

Facebook analysiert fast jeden Klick

Wer die Funktion nutzt, kann Informationen einsehen, die andere Apps und Webseiten über ihn an Facebook übermitteln. Denn das Netzwerk registriert nicht nur alles, was Nutzer auf der Plattform selbst klicken. Mit den sogenannten «Facebook Business Tools» hat das Unternehmen das Web verwanzt. So verfolgt es Menschen, analysiert fast jeden Klick. Viele Apps und grosse Webseiten haben Like-Buttons, Facebook-Pixel oder sogenannte Software Development Kits von Facebook eingebaut, die Daten an das Netzwerk schicken.

Die Werkzeuge liefern die Besucher an Facebook aus: Der Konzern schaut Milliarden Menschen beim Surfen über die Schulter, ohne dass sie es merken. Facebook zeichnet auf, welche Seiten sie besuchen, welche Apps sie öffnen, nach welchen Produkten sie suchen, welche Waren sie ihrem Einkaufswagen hinzufügen und was sie schliesslich kaufen. Selbst Pornoseiten und Apps, die den weiblichen Zyklus überwachen, schicken Informationen weiter. Allerdings versichert Facebook, dass es Daten von bestimmten Webseiten von vornherein ausschliesse und nicht speichere. Finanzdaten, Geburtsdaten oder Passwörter wolle man gar nicht haben.

OFA soll nun eine «neue Form von Transparenz und Kontrolle» bieten, wie Mark Zuckerberg verspricht, der die Funktion schon im Mai 2018 angekündigt hatte. Bis OFA Realität wurde, dauerte es von da an noch 638 Tage. Ein Sprecher erklärt, man habe sich lieber «die Zeit nehmen wollen, es richtig zu machen, als etwas zu überstürzen».

Liste mit Hunderten Einträgen

Wie fast alle Privatsphäre-Funktionen ist OFA in einem Untermenü in den Einstellungen verborgen. Nutzer müssen den Reiter «Deine Facebook-Informationen» suchen, dort «Aktivitäten ausserhalb von Facebook» auswählen und schliesslich «Deine Aktivität ausserhalb von Facebook verwalten» anklicken.

Der Anblick dürfte die meisten überraschen: Wer keine Trackingblocker verwendet oder nur sorgfältig ausgewählte Apps installiert hat, wird vermutlich eine Liste mit Hunderten Einträgen vorfinden. Darunter vermutlich Dienste, von denen man gar nicht wusste, dass man sie je genutzt hat.

Zu jedem Eintrag zeigt Facebook weitere Informationen, etwa, wie viele Interaktionen die jeweilige App oder Webseite übermittelt hat. Nutzer können diesen «Verlauf» entfernen und verhindern, dass Facebook in Zukunft weitere Daten mit ihrem Konto verknüpft. Das funktioniert entweder für jeden Anbieter einzeln oder für alle auf einmal. Dafür müssen sie unter «Weitere Optionen» den Eintrag «Künftige Aktivitäten verwalten» auswählen und können Facebook dann für die Zukunft verbieten, Interaktionen ausserhalb der Plattform zu nutzen, um Werbung zu personalisieren.

Dieser Schalter ist mächtig: Mit wenigen Klicks wird die Menge der Daten, die Facebook mit dem eigenen Konto verknüpft, deutlich reduziert. Wenn viele Menschen davon Gebrauch machen, könnte das Facebooks Werbegeschäft durchaus schaden, bestätigt ein Sprecher. Dennoch hat OFA einige Einschränkungen, die Nutzern bewusst sein müssen:

  • Wer OFA aktiviert, hebt nur die Verknüpfung der Daten mit dem eigenen Facebook-Konto auf. Facebook behält die Informationen und sammelt sie auch in Zukunft. Im Hilfebereich vermeidet Facebook folgerichtig die Begriffe «löschen» oder «entfernen». In der App und auf der Facebook-Seite heisst es «Verlauf entfernen». Das ist missverständlich bis irreführend.
  • Facebook erklärt, dass sich die entknüpften Daten rückwirkend nicht mehr zuordnen lassen. Studien haben aber mehrfach gezeigt, dass angeblich anonyme oder pseudonyme Daten oft Rückschlüsse auf einzelne Personen zulassen. Das könnte auch für Facebooks «entfernten» Verlauf gelten.
  • Die Funktion gibt Nutzern keine Möglichkeit, weniger Anzeigen zu sehen. Es ändert sich nur der Grad der Personalisierung, also wie genau Werbeanzeigen auf die Interessen des Einzelnen zugeschnitten sind.
  • OFA listet lediglich Informationen aus den vergangenen 180 Tagen auf. Was Facebook davor gesammelt hat, können Nutzer bislang nicht sehen. Ein Sprecher nennt technische Gründe als Erklärung und sagt: «In Zukunft werden wir diesen Zeitraum vergrössern. Das Entkoppeln der Daten ist von dieser Limitierung allerdings nicht betroffen.» Wer auf «Verlauf entfernen» klickt, entknüpft also alle zurückliegenden Daten.
  • «Aus technischen Gründen und aus Gründen der Zuverlässigkeit zeigen wir nicht alle Aktivitäten, über die wir informiert wurden», sagt Facebook. Das betreffe unter anderem Informationen, die das Unternehmen erhalten hat, während Nutzer dort gar nicht angemeldet waren. Genau das sind aber womöglich besonders heikle Daten, von denen viele gar nicht ahnen, dass sie auch bei Facebook landen.
  • In der Webversion zeigt Facebook gar keine Details über einzelne Interaktionen an. Wer sein persönliches Archiv herunterlädt, um Genaueres zu erfahren, wird enttäuscht: Dort finden sich bloss vage Einträge wie «Custom» oder «View Content». Wofür die Bezeichnungen stehen, bleibt unklar. Nutzer erfahren also längst nicht alles, was Facebook weiss. Ein Sprecher sagt dazu nur: «Wir haben uns Feedback dazu eingeholt, welcher Detailgrad für Nutzer der Funktion am besten funktioniert.»
  • Wer mit Hilfe von OFA die Daten einschränkt, die dem eigenen Konto zugeordnet werden, kratzt also nur an der Oberfläche. «Dieses Werkzeug deckt nicht ansatzweise all die Mittel und Wege ab, mit denen Facebook Daten sammelt und zu Geld macht», erklärt die Bürgerrechtsorganisation EFF. Solange es in der Verantwortung der Nutzer liege, sich in mehreren Ebenen verschachtelter Privatsphäre-Einstellungen zurechtzufinden, würden invasives Tracking und personalisierte Werbung weiter normal bleiben.
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