«Sie stellen stündlich den Wecker, um nichts zu verpassen»

Onlinesuchtexperte Kurosch Yazdi über die Gefahr, sich in sozialen Medien zu verlieren. Soeben hat er das «Facebook-Aufhörbuch» veröffentlicht.

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Sie bezeichnen Mark Zuckerberg und andere Social-Media-Chefs als digitale Drogendealer. Wie kommen Sie darauf?
Wir sind heute alle mehr oder weniger von Smartphones abhängig. Die sozialen Medien sind zur neuen Volksdroge avanciert. Wir haben uns aber nicht selbst in diese Sucht manövriert. Wir sind den ausgeklügelten Strategien von Zuckerberg und Co. auf den Leim gegangen, die uns dazu verführen, ihre Apps wieder und wieder zu öffnen, ohne dass wir es merken.

Wie das?
Ihr Geschäftsmodell basiert darauf, so viel Aufmerksamkeit ihrer Nutzer wie nur möglich zu erhaschen. Je mehr Zeit Menschen auf den Plattformen verbringen, desto teurer können die Konzerne Werbeflächen verkaufen. Deshalb stehen soziale Medien dauernd mit uns in Kontakt, indem sie zum Beispiel Pushmeldungen verschicken, die uns unter Druck setzen, zu reagieren. Sie konditionieren uns auf sehr subtile Weise.

Wie macht es zum Beispiel Facebook?
Dass man Fotos hochladen kann, ist eine geniale Methode, um Anwender an die Plattform zu binden. Statistiken zeigen, dass Nutzer viermal so oft Fotos von anderen anschauen, als sie Texte schreiben oder lesen. Das heisst: Wollte ich eigentlich nur schnell checken, ob ich eine Nachricht erhalten habe, verbringe ich am Schluss zwei Stunden auf Facebook, weil ich all die Fotos und Posts der anderen durchklicke. Seit kurzem bietet Facebook auch Minispiele an – man kann sich dort also ewig verlieren.


Video: Facebook-Chef wird in die Enge getrieben

Ein demokratischer Senator stellte Mark Zuckerberg kritische Fragen zur Privatsphäre. Video: Tamedia/AP/Jan Derrer


Man kann sich auch inszenieren.
Genau, viele präsentieren sich virtuell aber besser, schöner und klüger, als sie es sind. Dadurch entsteht ein künstliches Wettrennen, das letztlich zur Frustration führt, weil alle glauben, die anderen hätten ein weitaus aufregenderes Leben. Für Jugendliche ist das besonders fatal.

Weshalb?
Sie erschaffen sich auf sozialen Medien so, wie sie gern wären: hübsch, schlank, interessiert, extrovertiert. Damit verhindern sie aber ihre Reifung in der realen Welt. Sie lernen nicht, sich mit der Umwelt und sich selbst auseinanderzusetzen. Das virtuelle Dasein birgt darüber hinaus die Gefahr, dass Kinder zu beziehungsunfähigen Männern und Frauen heranwachsen.

«Virtuelle Kontakte bergen die Gefahr, dass Kinder zu beziehungsunfähigen Erwachsenen werden.»

Jetzt übertreiben Sie aber.
Ich fürchte, nein. Sehen Sie, wenn man nur vier Freunde hat, muss man sich um sie bemühen, man muss lernen, Konflikte auszutragen und kompromissfähig zu sein. Sonst hat man statt vier nur noch drei Freunde. Wenn jemand aber 500 Freunde hat, kommt es auf den einen nicht an. Wenn er nervt, klickt man ihn einfach weg. Bloss: Wer als Jugendlicher nicht beziehungsfähig ist, kann das als Erwachsener nur sehr schlecht nachholen.

Gerade ist Ihr «Facebook- Aufhörbuch» erschienen, in dem Sie eine Anleitung geben, wie man aus dem sozialen Zirkus aussteigt. Wer das schaffen sollte, wird allerdings zum Aussenseiter.
Das sehe ich nicht so. Die virtuelle Community von 500 und mehr Freunden ist nicht dieselbe wie jene der echten Freunde, die viel kleiner ist. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn reale Freundeskreise, Familien oder Schulklassen via Facebook, Whatsapp oder Snapchat miteinander kommunizieren. Aber wer vor allem virtuelle Kontakte pflegt, vereinsamt. Beziehungen kann man nur mit realen Menschen führen.

Beziehungen kann man doch auch zu Plüschtieren oder Autos aufbauen, weshalb nicht zu virtuellen Freunden?
Man kann sein Auto vielleicht «lieben», aber man kann mit Objekten oder virtuellen Kontakten keine Beziehung im engeren Sinn führen. Wir sind Rudeltiere. Mein Rudel definiert sich durch mir nahestehende Menschen, die mir Sicherheit und Zuneigung geben. Auf die 500 Facebook-Freunde kann man im Notfall aber nicht zählen, etwa wenn man krank wird. Ausserdem sind sie beliebig austauschbar, genauso wie ich es für sie bin.

In der Schweiz sind rund 7 Prozent der 14- bis 19-Jährigen onlinesüchtig. Wie äussert sich das?
Manche, die zu mir in die Therapie kommen, sind bis zu 18 Stunden am Tag online. Sie haben überhaupt keine realen Kontakte mehr und auch kein Interesse daran, weil es viel zu anstrengend ist. In der Ambulanz haben wir auch Patientinnen, die in der Nacht stündlich den Wecker stellen, um möglichst keinen Post zu verpassen. Das ist natürlich katastrophal, weil es rund eine Stunde dauert, bis man in die Tiefschlafphase sinkt. Wenn dieser erholsame Schlaf fehlt, wirkt sich das auf die Psyche aus.

Wie gehen Sie bei der Therapie vor?
Onlinesucht ist wie Kauf- oder Spielsucht. Es ist ein zwanghaftes Verhalten, das schwerwiegende soziale und gesundheitliche Folgen für die Betroffenen hat. Will man Jugendliche vom Onlinekonsum abhalten, muss man ihnen ein attraktives Gegenangebot in der realen Welt machen.


Bilder: Skandal um Facebook-Daten


Und das wäre?
Ein reales Rudel statt eines virtuellen. Menschen, die den Jugendlichen Wertschätzung entgegenbringen, für die sie unaustauschbar und wichtig sind. Natürlich sind das meist Freunde oder die Familie, aber all diese Beziehungen müssen wieder mühsam aufgebaut werden. Wenn sich ein Jugendlicher zwei Jahre lang nur noch online bewegt, muss er erst lernen, mit anderen wieder zu kommunizieren. Es hilft auch, neue Hobbys zu finden und vor allem Zukunftsvisionen aufzubauen. Die meisten haben keine, oder sie haben sehr unrealistische Pläne wie Youtube-Star werden.

Müssen Süchtige wie bei Alkohol komplett aufs Internet verzichten?
Nein, sie müssen den Onlinekonsum jedoch so einschränken, dass sie ein normales Leben führen können. Das ist nicht ganz trivial, weil das Internet ständig zur Verfügung steht. Die Jugendlichen sind also ständig der Verführung ausgesetzt.

Diese Verführung nimmt von Jahr zu Jahr zu. Werden wir bald mehr Onlinesüchtige als Drogenabhängige haben?
Die Onlinesucht wird auf jeden Fall weiter zunehmen, und die Betroffenen werden immer jünger. Heute rufen mich Eltern an, die sich um ihre 9-jährigen Kinder sorgen. Was in fünf Jahren sein wird, wage ich kaum zu denken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2018, 19:03 Uhr

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Kurosch Yazdi

Psychiater und Buchautor

Der österreichische Psychiater und Psychotherapeut Kurosch Yazdi (42) leitet seit 2012 eine Klinikabteilung für Suchtkranke in Linz. Gemeinsam mit dem Autor Ben Springer hat er unter dem Titel «Klick und weg» ein «Facebook-Aufhörbuch» veröffentlicht. Die Autoren geben darin eine Anleitung, wie man seinen Social-Media- Konsum in den Griff bekommt. Dazu gehört unter anderem das Führen eines Facebook-Konsumtagebuchs, ein Onlinesucht-Test und natürlich Tipps, wie man wieder zurück ins reale Leben findet. (lm)

Kurosch Yazdi, Ben Springer: Klick und weg. Ein Facebook-Aufhörbuch. Verlag edition a, Wien 2018. 203 S., ca. 29.90 Fr.

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