Welchen Einfluss hat Youtube auf die Meinungsbildung?

Seit langem beschweren sich Youtuber, dass es ihnen schwer gemacht wird, im begehrten Trending Tab aufzutauchen. Einer von ihnen geht es jetzt statistisch an.

Seine Videos laufen gut auf Youtube: Talkshow-Host Jimmy Fallon.

Seine Videos laufen gut auf Youtube: Talkshow-Host Jimmy Fallon. Bild: Justin Lane/Keystone

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Es gibt einen Sehnsuchtsort, an den sich die meisten Youtuber und Youtuberinnen wünschen: Den Trending Tab. Diese Sektion auf der Startseite von Youtube wird fast schon mystisch verklärt, denn sie verspricht das, was sich die sogenannten Content Creator wünschen: das Gesehenwerden. Mystisch verklärt deshalb, weil nicht so ganz klar ist, was man genau tun muss, um dort zu landen.

Gewiss, es geht darum, wie oft ein Video in einem bestimmten Zeitraum gesehen wird, darum, wie erfolgreich andere Videos des gleichen Content Creators im Vergleich sind und so weiter. Doch wie der Algorithmus, der die eine auf den Thron hievt und den anderen nicht, en détail funktioniert, ist Betriebsgeheimnis der Videoplattform. Natürlich auch, damit man nicht einfach nur noch Videos entlang dieser Vorgaben produziert.

Werden etablierte Medien übervorteilt?

Und so klagen die Youtuber seit langem, dass es für sie wesentlich schwerer sei, einen Platz auf dem Trending Tab zu ergattern, als für Vertreterinnen klassischer Medien. Ellen DeGeneres taucht dort beispielsweise regelmässig auf, Jimmy Fallon, die ganze Talkshow-Riege eben, die im TV ausgestrahlt wird und deren Sendungen, in leicht verdauliche Teilchen aufgeschnitten, auf Youtube zweitverwertet werden. Und regelmässig millionenfach geklickt werden, wohl auch dank der prominenten Platzierung.

Werden etablierte Medien wirklich gegenüber Content Creators übervorteilt? Youtuber Stephen, der ohne Nachnamen und auf der Videoplattform mit seinem Kanal Coffee Break agiert, hat 40'000 Videos untersucht, die im Trending Tab platziert wurden. Der untersuchte Zeitraum: ein halbes Jahr, von November 2017 bis Juni 2018. Die Fragestellung: Welche Kanäle benötigen im Schnitt wie viele Video-Views (sprich: Wie oft wurde das Video angeschaut), um zu trenden – und wie oft gelingt ihnen dies?

11 Millionen Views vs. 500'000

Das Ergebnis fällt deutlich aus: Der Sportsender ESPN, die TV-Talker DeGeneres, Fallon, Jimmy Kimmel und Stephen Colbert, aber auch News-Kanäle wie CNN oder Vox benötigen verhältnismässig wenig Views und werden dafür oft im Trending Tab platziert. Youtuber dagegen, vor allem die provokanteren – sei es, weil sie ungemütliche Meinungen vertreten oder in ihren Videos fluchen –, benötigten dagegen deutlich mehr Views und würden viel seltener auf den begehrten Plätzen an der Sonne auftauchen. Paul Logan zum Beispiel, ebenso umstrittener wie erfolgreicher Content Creator, braucht im Schnitt 11 Millionen Views, um zu trenden, ESPN nur 500'000.

Darüber hinaus macht sich Stephen die Mühe, trendende Videos in den USA und in Kanada zu vergleichen. Beide Länder, in der Youtube-Nutzung wohl recht ähnlich, trennt ein wichtiger Unterschied: In den USA wird Youtube auch von Menschen moderiert, in Kanada ist die Moderation weitgehend automatisiert. Der Abgleich zeigt: Provokante Youtuber finden sich in den USA sehr viel weniger in den Trending Tab als in Kanada – die Werte für die etablierten Medien ähneln sich dagegen in beiden Ländern.

Der Vorwurf lautet also: Für klassische Medien gelten auf Youtube andere Standards als für die «echten» Youtuber. Eine happige Anschuldigung, vor allem, weil das Video nicht klären kann, inwiefern andere Parameter in die Platzierungspolitik hereinspielen: Zuschauertreue, langfristiges Engagement, positive Bewertungen von Videos, Qualitätsstandards oder die Verweildauer etwa. Stephen merkt allerdings selbst an, dass sein Versuchsaufbau stark vereinfacht ist – auch weil der Trending-Algorithmus nicht transparent ist.

Das Video wirft interessante Fragen auf

Und auch wenn es für Youtube unter Umständen gute Gründe gibt, vertrauenswürdige und verlässliche Quellen anders zu werten als Produzenten von Inhalten, die oft alleine oder in kleinen Teams arbeiten, wirft Stephen hier interessante Fragen auf: Welchen Einfluss hat Youtube auf die Meinungsbildung? Erschwert der Algorithmus das Aufkommen von jungen, neuen Newsquellen und Meinungsmachern? Ist Youtube Rechenschaft darüber schuldig, wie es Videos gewichtet und wertet?

Immerhin: Youtube-Chefin Susan Wojcicki hat bereits Ende April in einem Blog-Eintrag versprochen, die Gewichtung im Trending Tab künftig ausgeglichener zu gestalten. So soll in Zukunft mindestens die Hälfte der Clips von Youtubern kommen, die andere Hälfte geht an Musik-Videos und traditionelle Medien.

Erstellt: 31.05.2019, 21:18 Uhr

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