Wie Zuckerberg die Privatsphäre-Strategie wechselt

Facebook will nicht mehr «digitaler Dorfplatz» sein, sondern einen privateren Austausch zwischen Nutzern ermöglichen. Chef Mark Zuckerberg erklärt, weshalb.

Selbstkritisch: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. (Archiv)

Selbstkritisch: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. (Archiv) Bild: Andrew Harnik (AP)/Keystone

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Fotos, Erlebnisse und Erinnerungen durch einen Klick mit Menschen teilen, die als «Freunde» firmieren, aber nicht mehr viel mit der ursprünglichen Bedeutung dieses Begriffs zu tun haben – so funktionierte das soziale Netzwerk Facebook bislang.

Jetzt kündigt Gründer Mark Zuckerberg einen Kurswechsel an. Über 15 Jahre seien soziale Medien wie Facebook das «digitale Äquivalent eines Dorfplatzes» gewesen, erklärt der Firmenchef in einem Blogpost. Doch zunehmend tauschten sich Menschen lieber in privaterem Rahmen aus. Wohnzimmer statt Wimmelort also. Sein Konzern, zu dem auch das Foto-Netzwerk Instagram und der Messenger-Dienst Whatsapp gehören, werde darauf reagieren, schreibt Zuckerberg. Dazu sollten einige Funktionen umgebaut und die Verschlüsselung verstärkt werden.

Vor wenigen Wochen hatte der Konzernchef bereits angeordnet, die Chat-Technik der drei Plattformen zu verschmelzen. Das hatte für immense Aufregung gesorgt, weil es aus dem Mund von Zuckerberg zunächst einmal so geklungen hatte, als würden die 2,7 Milliarden Menschen, die mindestens einen der drei Kanäle nutzen, davon profitieren können. Sämtliche Chats, so die Hoffnung, könnten künftig über Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geschützt werden. Bislang ist das nur bei Whatsapp der Fall, und genau deshalb ist diese Form der Kommunikation derart beliebt. Bei einer Ausweitung auf sämtliche Chats wären alle Nutzer besser geschützt.

Selbstkritische Sätze vom Facebook-Chef

Allerdings, und das war schnell der Kritikpunkt nach der Ankündigung vor einigen Wochen: Zuckerberg würde durch die Fusionspläne die Marktmacht seiner Unternehmens ausweiten. Denn die beim Verkauf von Anzeigen überaus bedeutsamen Metadaten – also: Wer kommuniziert zu welchem Zeitpunkt mit wem? – sollen in einer von Facebook kontrollierten Datenbank zusammenlaufen. Wie so häufig wurde aus einem Versprechen auf eine bessere Welt bei näherer Betrachtung eine Ankündigung zur Verbesserung der Marktmacht von Facebook.

Zuckerberg hatte Mitarbeitern und Nutzern stets versprochen, dass die Plattformen Instagram und Whatsapp unabhängig voneinander existieren und agieren dürfen. Das würden sie zwar auch bei einer Zusammenlegung der Chat-Funktionen offiziell noch tun, doch wäre eine gemeinsame Infrastruktur zumindest ein Teil-Bruch des Versprechens. Die Whatsapp-Gründer Jan Koum und Brian Acton hatten Facebook im Frühling vergangenen Jahres wegen Unstimmigkeiten beim Thema Datenschutz verlassen. Die Instagram-Gründer Kevin Systrom und Mike Krieger folgten im September – nach Streitigkeiten über die Unabhängigkeit der Plattform von Facebook.

Konflikte mit Datenschützern

Facebook war in der Vergangenheit wiederholt in Konflikte mit Datenschützern und Aufsichtsbehörden geraten, weil die Plattform mit der Privatsphäre ihrer Mitglieder experimentiert hatte. Zuckerberg selbst behauptete, der gesellschaftliche Trend gehe dahin, dass Menschen immer mehr über sich selbst öffentlich machen wollten. Zuletzt hatte der Datenskandal um Cambridge Analytica dem Image des grössten Online-Netzwerks zugesetzt. Es war herausgekommen, dass der Entwickler einer Umfrage-App Informationen über Facebook-Nutzer widerrechtlich an die umstrittene Datenanalysefirma übergeben hatte. Facebook wusste seit Ende 2016 davon – begnügte sich aber mit der Zusicherung, dass die Daten vernichtet worden seien und informierte die Nutzer nicht.

Nun also verkündet Zuckerberg offiziell einen Wechsel der Strategie hin zu Verschlüsselung und einer weiteren Stärkung der Privatsphäre, und er verwendet dabei durchaus selbstkritische Sätze wie zum Beispiel: «Ich weiss schon, dass viele Leute nicht daran glauben, dass Facebook so eine auf Privatsphäre konzentrierte Plattform bauen kann oder auch nur bauen möchte – weil wir, ehrlich gesagt, nicht gerade berühmt dafür sind, Dienste zum Schutz der Privatsphäre anzubieten.»

Auch nach dem Strategiewechsel ist unwahrscheinlich, dass Zuckerberg ein neues Image als Held einer Bewegung für mehr Privatsphäre erlangt. Seine Plattform hat aufgrund der Sorgen der Menschen an Beliebtheit verloren. Wohl vor allem deshalb adressiert der Facebook-Gründer nun diese Sorgen – nicht, um die Welt zu verbessern, sondern um mit seinem Unternehmen nicht abgehängt zu werden.

Erstellt: 07.03.2019, 09:10 Uhr

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