Zähmt das Monster namens Facebook

Das Attentat in Christchurch macht klar: Der Konzern hat seine eigenen Kräfte nicht im Griff.

200 Menschen verfolgten das Attentat in Christchurch per Live-Video auf Facebook. Foto: Silas Stein/Keystone

200 Menschen verfolgten das Attentat in Christchurch per Live-Video auf Facebook. Foto: Silas Stein/Keystone

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Aus Mord wird Terror, wenn die Gräueltat bei möglichst vielen Menschen Angst und Schrecken verbreitet. Als der Attentäter von Christchurch 50 Menschen erschoss, übertrug er das live ins Internet. Damit sich die grausamen Bilder wie ein Virus verbreiten, nutzte er die Möglichkeiten, die ihm die sozialen Medien boten – insbesondere Facebook.

Mehr als 2,3 Milliarden Menschen nutzen regelmässig Facebook. Die schmutzige Wahrheit ist, dass die Gründe für diese unfassbare Verbreitung dieselben sind, die es dem Attentäter von Christchurch ermöglichten, sein grausames Video viral zu vermehren. Facebook wurde so gross, weil es alles dafür tut, dass Nutzer möglichst oft wiederkommen und möglichst lange auf der Seite verweilen. Das gelingt am besten mit überraschenden Beiträgen, wobei die Grenzen zum Skurrilen, Extremen oder Illegalen offen sind. Studien zeigen , dass sich Falschnachrichten und Verleumdungen schneller ausbreiten, als herkömmliche Beiträge.

Nun kann man Facebook nicht zum Vorwurf machen, dass der Menschheit nicht zu trauen ist: 200 Menschen verfolgten das Morden in Christchurch per Livevideo auf Facebook. Kein Einziger meldete dem Unternehmen, was da gerade passierte. So sahen nach der Tat noch etwa 4000 Menschen das Video, bevor es endlich gelöscht wurde. Aber es war zu spät. Wahrscheinlich nur ein einziger Nutzer hatte das Video gespeichert. In den folgenden 24 Stunden blockierte Facebook 1,2 Millionen Versuche, das Video hochzuladen, 300’000 Kopien wurden gelöscht. Unklar ist, wie viele unentdeckt blieben.

Enorme Kräfte kontrollieren

Die Gesellschaft kann und muss von Facebook erwarten, dass der Konzern all seine Energie darauf verwendet, dass Hassbotschaften und Gewaltvideos aus dem Netzwerk verschwinden. Natürlich gibt es dabei technische Schwierigkeiten. Aber das Selbstvertrauen, auch das Unmögliche zu schaffen, ist Facebook in seine Silicon-Valley-Wiege gelegt. Der Konzern investiert Milliarden, um die Aktivitäten seiner Nutzer zu überwachen und dazu passende Werbung auszuspielen – warum nicht auch dafür, Missbrauch zu verhindern?

Bis dahin wären viele simple Massnahmen möglich: Warum nicht nur noch bestimmten, zuvor authentifizierten Nutzern erlauben, Livevideos zu verbreiten? Warum nicht eine Wartezeit vor der Freischaltung hochgeladener Videos einführen, in der die Inhalte geprüft werden? Warum nicht alle Gewalttaten aus dem Netzwerk verbannen, also auch fiktive, solange die Software Sequenzen von Videospielen nicht von realen Gewaltvideos unterscheiden kann?

Wenn Facebook nicht willens oder in der Lage ist, Hass und Gewalt auszuschliessen, dann ist es nichts als ein Monster, das seine enormen Kräfte nicht unter Kontrolle hat. So ein Monster muss gezähmt werden.

Erstellt: 25.03.2019, 18:40 Uhr

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