Wie Bot-E Zürcher Schüler digital kompetenter machen will

Wie gut ist das neue Lehrmittel «Connected» aus digitaler Sicht? Eine Art Rezension.

Der kleine Roboter Bot-E ziert auch das Cover des Lehrmittels «Connected».

Der kleine Roboter Bot-E ziert auch das Cover des Lehrmittels «Connected». Bild: zvg Lehrmittelverlag Zürich

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Ab August werden Schülerinnen und Schüler im Kanton Zürich neu auch in «Medien und Informatik» unterrichtet. So sieht es der Lehrplan 21 vor. Zu diesem Zweck hat die Bildungsdirektion in dieser Woche das neue Lehrmittel «Connected» vorgestellt. Wir haben es unter die Lupe genommen.

Zuerst einmal die nackten Kennzahlen: «Connected» erscheint gestaffelt in vier Ausgaben. Der erste Band – im kommenden Schuljahr wird «Medien und Informatik» lediglich in der fünften Klasse unterrichtet – liegt vor, Teil zwei folgt 2019 mit der Einführung des Fachs in der sechsten Klasse der Primarstufe, der Rest wird sukzessive publiziert.

Dazu gibt es ein digitales Handbuch für das Lehrpersonal, in einem zweiten Schritt sollen auch die Bücher für die Schülerinnen und Schüler digital erscheinen. Schon heute gibt es Zusatzmaterialien, mit denen über das Web gearbeitet werden kann. Der Wechsel zwischen den Methoden ist Absicht: Es soll mit Arbeitsbuch, am Computer oder Tablet und in der Klassengemeinschaft gearbeitet werden.

Ein klassisches Lehrbuch aus Papier für die Vermittlung digitaler Kompetenzen? Ist das nicht schneller veraltet, als das Lehrpersonal die Rechner hochgefahren hat? «Das Buch veraltet nicht schneller als jedes andere Lehrmittel, da es Grundkonzepte von Medien und Informatik vermittelt», erklärt Beat Schaller, der Leiter des Lehrmittelverlags Zürich, der die «Connected»-Reihe herausgibt. Um einer vorschnellen Alterung vorzubeugen, wird bewusst auf das Setzen von weiterführenden Links verzichtet. Alles, was geklickt werden soll, findet sich im digitalen Zusatzangebot.

Das Handbuch wird alle drei Monate aktualisiert

Warum also ein Buch? «Nicht jede Schule verfügt über ein Endgerät pro Schüler oder Schülerin. Deshalb haben wir für Schülerinnen und Schüler ein Printlehrmittel mit digitalen Zusatzangeboten entwickelt», führt Schaller aus. Das Handbuch fürs Lehrpersonal soll alle drei Monate aktualisiert werden, um etwaige Änderungen zeitnah spiegeln zu können.

Im Buch führt der kleine Roboter Bot-E in fünf Kapiteln durch die digitale Medienwelt, die Funktionsweise von Suchmaschinen und das Finden von Inhalten, erklärt, wie Informationen dargestellt werden, Kommunikationsweisen und Code sowie Bildmaterial – wie es wirkt und wie man es bearbeitet. Im abschliessenden sechsten Kapitel werden als Wahlangebote unter anderem Erklärvideos beleuchtet oder wie ein Computer entsteht.

Und dann wird zuerst einmal ein Medientagebuch geführt. Die Lernenden sollen zu Beginn ihren Medienkonsum abschätzen und dann mit dem im Tagebuch Erfassten abgleichen. Hier wird deutlich: «Connected» orientiert sich an den Alltagserfahrungen der Kinder und Jugendlichen. Dabei sollen nicht nur technologische Aspekte gelehrt, sondern auch gesellschaftlich-kulturelle und anwendungsbezogene Perspektiven vermittelt werden.

Sind Bildmanipulationen zulässig?

So geht es im vorliegenden ersten Band von «Connected» beispielsweise immer wieder um Darstellung und Realität – gleich im ersten Kapitel müssen die Klassen eine Reihe von erfundenen Social-Media-Profilen nach ihrer Tauglichkeit bewerten: Was würdest du veröffentlichen, was nicht? Mit der einfachen Faustregel als Handreichung: Stelle nur das online, was du auch in der Schule ans Anschlagbrett hängen würdest. Im Kapitel zum Bildmaterial werden die Schülerinnen und Schüler aufgefordert, überarbeitete Bilder zu identifizieren und darüber zu diskutieren, ob eine derartige Manipulation zulässig sei.

Jeder Abschnitt des Buches beginnt mit einem nicht digitalen und grundlegenden Einstieg: Das Kapitel «Vom Alltagscode zum digitalen Code» steigt beispielsweise mit der Benennung von Strassenschildern ein und bewegt sich über Piktogramme, Emojis, Notensätze und römische Zahlen etwas langatmig zum binären Code. An dieser Stelle mag man sich schon fragen: Müssen Schüler der 5. Klasse wirklich ASCII-Code lernen? Dem dürften wohl die wenigsten später im Leben regelmässig über den Weg laufen.

Interessanter sind da die Anwendungen, die in der Kinder- und Jugendprogrammiersprache Scratch vermittelt werden. Sie lehrt in Blöcken stark vereinfacht dargestellt, wie eine Programmiersprache eine Abfolge von Befehlen ist, die ein Rechner oder ein Programm ausführt. Über die das Buch begleitenden digitalen Zusatzmaterialien kann die Schülerschaft auf Scratch zugreifen und dort selbst einfache Programmieraufgaben absolvieren. Scratch ist gratis verfügbar, die Schulen benötigen zur Nutzung keine Lizenz.

Digitale Kulturpraktiken statt Online-Trends

Im Grossen und Ganzen vermeidet «Connected» es elegant, aktualitätsbezogen zu arbeiten. Befürchtungen, das Lehrmittel könnte allzu sehr auf aktuelle und allenfalls kurzlebige digitale Trends (wie zum Beispiel die Nutzung von Storys bei Facebook, Instagram oder Snapchat) eingehen, bewahrheiten sich nicht. Eher nimmt es eine gehobene Flughöhe ein und vermittelt digitale Kulturpraktiken wie das Nutzen von Suchmaschinen (deren Funktionsweise seit gut zwanzig Jahren weitestgehend gleich geblieben ist) oder das Erstellen und Bearbeiten von visuellen Inhalten – auch hier hat sich seit der Einführung der Digitalkamera nicht viel geändert.

Dass die für Fünftklässler konzipierten Aufgaben keineswegs banal sind, ahnt man, wenn man sich an der Einordnung von Suchergebnissen versucht oder den Aufwand sieht, der für eine Präsentation in der Schule erwartet wird. Aus dem digitalen Blickwinkel erscheint «Connected» durchaus geeignet, Medienkompetenz bereits im frühen Jugendalter aufzubauen. Vielleicht ein weiterer Gradmesser dafür, dass das Produkt schultauglich ist: Der Kanton Obwalden hat beschlossen, das Lehrmittel ebenfalls einzusetzen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.06.2018, 10:58 Uhr

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