Das verdammte Genie

Tief in Trumpland verliert sich ein Reporter in der bizarren Lebensgeschichte eines Hinterwäldlers. Aus der realen Geschichte entstand eine faszinierende Hörspielreihe.

Trucks, Tattoos und Trailer Park? Die gängigen Südstaaten-Vorurteile werden in «S-Town» nur teilweise widerlegt.

Trucks, Tattoos und Trailer Park? Die gängigen Südstaaten-Vorurteile werden in «S-Town» nur teilweise widerlegt. Bild: AP/David Sharp/Keystone

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«Jetzt kommst du so langsam auf den Trichter, oder?» fragt John den Erzähler Brian, irgendwann im Verlauf der Geschichte. Es wird zu dem bestimmenden Thema der siebenteiligen Podcast-Serie «S-Town». Der Titel «S-Town» ist die familienfreundliche Variante von «Shit-Town», wie John B. McLemore seine Heimat Woodstock, Alabama, wenig liebevoll nennt.

Digitale Hörspiele oder gesprochene Reportagen zu gesellschaftspolitischen oder kulturellen Themen, sogenannte Podcasts, sind in den vergangenen zwei Jahren wieder in Mode gekommen. Grund dafür sind spannende Recherche-Arbeiten wie «Serial» oder das linksliberale Talkformat «The Ezra Klein Show».

«S-Town» ist die siebenteilige Reportage eines New Yorker Journalisten aus dem tiefen Süden. Sie erschien am vergangenen Dienstag in Gänze, hier kann man die Folgen gratis hören. Brian Reed, Journalist für die Podcast-Serie «This American Life», ist über den Verlauf von mehreren Monaten mehrfach nach Alabama gereist und hat dort für «S-Town» mit zahlreichen Bewohnern Woodstocks, allen voran John und seinem Weggefährten Tyler Goodson gesprochen. Obwohl die Inhalte echt sind, trägt «S-Town» die Züge eines Hörspiels.

John ist die Hauptfigur in «S-Town»; er hat Brian kontaktiert. In den ersten zwei Minuten spannt der Reporter einen Bogen von Johns Tätigkeit, der Uhrmacherei, zu einem Mord: Er erklärt, wie schwierig es ist, eine antike Uhr zu reparieren. Woher er das wüsste? Er habe da diesen Typen getroffen, der mit ihm einen vertuschten Mordfall aufklären wollte – John.

McLemore ist so, wie man sich einen weissen Mann aus den Südstaaten vorstellt: direkt, erst auf den zweiten Blick liebenswürdig, derb. Er flucht mit Hingabe und Fantasie und kennt nur zwei Leidenschaften: seine Pflanzen und das Restaurieren von antiken Uhren, das er anscheinend mit einer gewissen Genialität beherrscht. Die Geschichte des kauzigen Mannes mit dem schweren Südstaatenakzent wird noch viele unvorhergesehene Wendungen nehmen, bis sie nach gut sechseinhalb Stunden Hörzeit ihr zumindest halbwegs versöhnliches Ende findet.

Und darin liegt, um es vorwegzunehmen, die Stärke von «S-Town»: Immer wenn der Hörer das Interesse zu verlieren droht, gibt es einen Twist im Storytelling, der dazu veranlasst, dabeizubleiben. Denn die Geschichte erscheint, trotz all ihrer Tragik, mitunter etwas banal. Ein unerwarteter Todesfall ruft böse Verwandte auf den Plan, die vorgeben, nur das Beste für die Hinterbliebenen zu wollen. Brian Reed, mittlerweile selbst knietief in der Geschichte, hat manchmal Mühe, allen Blickwinkeln gerecht zu werden. Neutral ist er nicht mehr, und das muss er sich während seiner Recherche auch anhören: «Du bist doch einer von ihnen!», wirft ihm eine Angehörige des Verstorbenen vor und meint damit die Gegenseite.

Wenn alles auseinanderzubrechen droht, hält die Figur Johns «S-Town» zusammen. Er wird eingeführt als durchgeknallter Redneck, der besessen ist vom Klimawandel und der sich sicher ist, dass die Menschheit sich durch ihre eigene Dummheit auslöschen wird. Nach und nach kommen Dinge über ihn ans Licht, die dem Hörer ein ständig wechselndes Bild von ihm vermitteln: Mal empfindet man Mitleid, mal Abscheu, dann wieder Hochachtung. Vor allem weiss man nie so recht, woran man mit ihm ist: Ist er ein Misanthrop? Ein Rassist, ein Sexist? Oder einfach nur ein einsamer Mann, der nie die Liebe und Zuneigung gefunden hat, die er suchte?

Woodstock wird von John wohl auch so leidenschaftlich gehasst, weil es ihn prägt. Und weil er dank seiner Interessen und der Kontakten, die daraus entstehen, der Kleinstadt entkommen kann, obwohl er selbst nicht gross raus kommt. Die Einwohner des Städtchens eine halbe Stunde ausserhalb der Grossstadt Birmingham sind weiss. Der Ku-Klux-Klan hat hier lange die Besucher mit einem Schild am Ortseingang begrüsst. «Shit-Town» liegt in einem ländlichen Teil der USA, in einer dieser Ecken, von der man viel gehört hat seit der US-Wahl im letzten Jahr: verlassen und vergessen von denen da in Washington, aber traditionspflegend, gottesfürchtig und selbstbewusst.

Das bekommt auch Erzähler Brian zu spüren, wenn er sich mit den Einwohnern unterhält, mit dem Unternehmer, der Gemeindeangestellten oder den selbst ernannten Outlaws aus dem lokalen Tattoo-Studio. Immer schwingt ein bisschen Misstrauen gegenüber dem Typen aus der grossen Stadt mit, der sich für diese bizarre Geschichte interessiert.

«S-Town» wird nicht der Krimi, den man vielleicht erwartet, so viel sei verraten. Doch die Geschichte ist stark genug, dass es sich die Produzenten (die übrigens auch die hörenswerten Podcasts «Serial» und «This American Life» verantworten) erlauben können, schon in der zweiten Folge den weiteren Verlauf zu verraten.

Am Ende ist «S-Town» ein tiefschürfendes, intimes Porträt von John, dem verdammten Genie, ohne Schönfärberei, aber auch ohne Vorurteile. Mitunter weckt es Erinnerungen an die Charaktere aus der Netflix-Serie «Making a Murderer», immer wieder erkennt man Elemente von Southern Gothic, diesem literarischen Genre, das sich durch das Mysteriös-Groteske auszeichnet, das einem in den Südstaaten hier und da angeblich begegnet.

Am Ende versucht Erzähler Brian, der die Geschichte offensichtlich mit einem anderen Ausblick angegangen war, eine Antwort auf die Frage zu finden, was ein lebenswertes Leben ausmacht. Und der Hörer kommt zu dem Ergebnis, dass die Selbstbestimmtheit anderer nicht unbedingt mit den eigenen Plänen und Einstellungen übereinstimmen muss. Aber dass sie ihm Respekt abverlangt.

«S-Town» können Sie hier anhören. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.04.2017, 12:32 Uhr

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