Die Humorpolizei

Die Polizei Frankfurt irritiert auf Twitter und wirft die Frage auf: Dürfen Gesetzeshüter im Dienst lustig sein?

Im Dienste der Öffentlichkeit: Ein Beamter der Polizei im deutschen Kassel bedient einen Twitter-Account.

Im Dienste der Öffentlichkeit: Ein Beamter der Polizei im deutschen Kassel bedient einen Twitter-Account. Bild: Swen Pförtner/Keystone

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Als Gesetzeshüter hat man es nicht leicht – vor allem dann nicht, wenn man in der Öffentlichkeit für die Akzeptanz der eigenen Arbeit weibeln muss. Aber weil es heute auch für Institutionen wie die Polizei dazugehört, ein Twitter-Konto zu betreiben, muss man sich auch dort mit Zivilisten auseinandersetzen.

So sass der Social-Media-Manager der Frankfurter Polizei gestern, Donnerstag, kurzzeitig in der Zwickmühle: Da hatte doch glatt ein aufmerksamer Bürger bemerkt, dass da etwas im Busch ist. «Noch ist unklar, warum ein Grossaufgebot der Polizei gerade die Deutsche Bank besucht. @Polizei_Ffm #DeutscheBank #Razzia» twittert Moritz Zimmermann und postet dazu ein im Vorbeifahren gefilmtes Video, das die versammelte Polizei vor dem Hauptquartier der Deutschen Bank zeigt.

Nun mag man dem Freund und Helfer, der für die Polizei der Mainmetropole den Twitter-Account bedient, zugutehalten, dass er zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nichts wusste von der Razzia, die gestern die Kollegen von der Bundespolizei bei den Bankern durchführten. Und so antwortet er erst mal arglos: «Guten Morgen. Wir sind heute mit vielen Kräften im Rahmen des Euroleague-Spiels der Eintracht im Einsatz. *fp» Daraus entwickelt sich ein Dialog, der bis Ende des Tages viral gehen sollte.

Denn Zimmermann ist nicht irgendein dahergelaufener Freizeit-Twitterer, sondern Journalist beim Hessischen Rundfunk und somit schon von Berufs wegen hartnäckig und neugierig. «Die sind reingegangen», entgegnet er, darauf die Polizei: «Weil es draussen keine Toiletten gibt, Zwinkersmiley.»

Darf die Polizei lustig sein?

Man kann förmlich spüren, wie dem Twitterer in Uniform der Schweiss auf die Stirn tritt: Da ist uns ein Journi auf der Schliche! Keine Zeit für Absprachen mit dem Vorgesetzten, zwischen Zimmermanns Nachfrage und dem Toilettenspruch vergehen nur zwei Minuten. Der Social-Media-Beamte hat sich für den menschlichsten aller Auswege aus einer dummen Situation entschieden: Wenn man nicht mehr weiter weiss, witzelt man halt.

Aber Moment: Darf die Polizei überhaupt lustig sein? Darüber diskutiert dann kurze Zeit später auch halb Twitter in Deutschland, vor allem aber darum, ob das schon Fake News sind oder gar ein Belügen der Öffentlichkeit.

Ein Freiburger Journalist findet: Das ist Lüge.

Dieser Twitter-User sagt: Lustig ist das nicht.

In der Tat hat man oft den Eindruck, dass sich die Polizei mit ihrer Rolle auf Twitter schwertut. Es ist ja auch ein fast unmöglicher Spagat, der jean-claude-van-dammesche Fähigkeiten erfordert: Nahbar soll man sein, auf Augenhöhe kommunizieren, informieren und am besten noch unterhalten, gleichzeitig locker und lustig sein und doch die Autorität des Gesetzes wahren. Und dann auch noch Anfeindungen von Linken und Fussballfans über sich ergehen lassen und lässig parieren. Im Zweifelsfall kann man da auch scheitern.

Entwaffnender Humor auf der Wiesn

In guten Momenten entstehen allerdings auch Aktionen wie #24hPolizei, als die Berliner Polizei einen Tag lang aus ihrem Arbeitsalltag berichtete. Da kann man mit etwas Lokalkolorit und einer Portion Humor Bürgernähe beweisen und für den eigenen Job werben.

Ebenso handlet es die Münchner Polizei, die während der Wiesn auf entwaffnenden Humor als Deeskalationsmittel setzt.

Etwas nüchterner twittert die Zürcher Stapo, die im Januar 2017 während 24 Stunden Einblicke in ihren Dienst gewährte.

Schon vor über zwei Jahren machte sich Konstantin Richter in der deutschen «Zeit» Sorgen um derartige Auftritte der Exekutive. Früher sei es die Aufgabe des Humors gewesen, sich subversiv gegen die Staatsgewalt zu richten (denken Sie an die Police Academy oder Verfolgungsjagden in Stummfilmen), heute verkäme die Staatsgewalt zum Gagster.

Und in diesem Zusammenhang kann man wohl auch den Twitter-Dialog der Frankfurter Polizei lesen: Ob das witzig war, liegt im Auge des Betrachters. Einfacher wäre es vielleicht gewesen, hätte die Person hinter der Tastatur einfach gesagt: Ich weiss nicht, was da gerade läuft. Langfristig muss man sich auf der Hauptwache wohl entscheiden, ob man Informationskanal – auch für Journalisten – sein will oder in erster Linie nur witzig. Beides zu vereinen, ist eine Gratwanderung, die Follower verunsichern und die Social-Media-Manager überfordern kann.

Erstellt: 30.11.2018, 18:43 Uhr

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