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Literatur am TelefonDirekt ins Ohr

Hörer abheben. Und schon sind wir mit einer Schriftstellerin verbunden. Mit Judith Keller, zum Beispiel.

Auf ein Blind Date mit der Autorin Judith Keller.
Auf ein Blind Date mit der Autorin Judith Keller.
Foto: Ayse Yavas (Menschenversand)

Wie geht Literatur per Telefon? Zuerst die Bedienungsanleitung. Man schreibt ein Mail an das Sogar-Theater, nennt das gewünschte Datum, gibt die Telefonnummer an. Und schon kommt die Bestätigung mit dem Zeitpunkt, zu dem die Autorin oder der Autor anrufen wird. Dann wird einem eine Geschichte vorgelesen, «direkt ins Ohr und exklusiv», wie die Aktion «Sogar am Telefon» verheisst. Eine Viertelstunde soll diese Lesung dauern, inbegriffen ein kleines Gespräch, wer will.

Viele wollen das. Im Januar haben die Lesungen per Telefon begonnen, alle waren bisher ausverkauft. Denn erstens: Wer bekommt schon mal eine richtige Schriftstellerin oder einen richtigen Schriftsteller ganz privat an den Apparat? Zweitens: Das Literaturtelefon ist nur für eine begrenzte Zeit besetzt, pro Autorin und Autor gibt es je vier Slots, jeweils an einem Mittwoch und Donnerstag.

Wir haben mit Judith Keller telefoniert. Nein, wir haben keinen Text vorgelesen bekommen. Nichts aus ihrer Erzählung «Wo ist das letzte Haus», nichts aus dem Geschichtenband «Die Fragwürdigen» – die Termine waren schon ausgebucht. Eben. Aber wir haben sie nach den Eindrücken zum Literaturtelefon gefragt.

Kurze Texte, grosse Fragen

Die erste Frage: «Wie ist es, am Telefon für eine Person zu lesen? Liest man da in die Leere hinein?» Die Antwort: «Überhaupt nicht.»

«Keine der vier Frauen, mit denen ich telefoniert habe, kannte mich», sagt Judith Keller. Es waren sozusagen Blind Dates. Wir könnten nachtragen: Judith Keller, geboren 1985 in Lachen SZ, lebt in Zürich, sie hat Literarisches Schreiben in Leipzig und Biel sowie Deutsch als Fremdsprache in Berlin und Bogotà studiert. Das muss man nicht unbedingt wissen, am Telefon machen sich alle eine eigene Vorstellung vom Gegenüber. «Ich habe mir Gesichter zu den Stimmen ausgedacht», sagt Judith Keller.

Für die Lesung hat sie kurze Texte ausgesucht, nicht länger als eine Buchseite. Es gab nachdenkliche Geschichten. Und solche, die eher lustig sind. Die Hörerinnen konnten wählen. Und manche erzählten dann von eigenen Erlebnissen, die sie mit den Texten verbanden. Zum Beispiel vom Auto, von dem man nicht mehr wusste, wo es parkiert war. Literatur hat ganz viel mit dem Alltag zu tun.

Diese Verbundenheit, sie gibt es bei einer gewöhnlichen Lesung nicht. Und auch nicht in der Form eines Streamings, wo alle in einen Bildschirm schauen. Am Telefon ist vieles intimer. Eine Frau liest. Eine hört zu. Dazwischen gibt es nichts. So sagte eine Hörerin nach jeder Geschichte: «Das war sehr schön.» Und fieberte mit den Figuren mit.

Die Idee zieht weitere Kreise

Eine Form der Lesung für die Zukunft? «Vielleicht», sagt Keller. Nie ist man seinem Publikum näher. Man bekommt alle Reaktionen mit. Und irgendwie erweitert sich damit der Text. Zu der einen Geschichte kommen andere.

Jetzt sind in der Sogar-Aktion andere dran: Händl Klaus, Stephan Pörtner, Eva Roth. Und schon wurde Judith Keller vom Literaturhaus in St. Gallen kontaktiert. Ob sie nicht Lust habe, nur für eine Person zu lesen. Die Idee, so scheint es, zieht weitere Kreise. Schriftsteller und Schriftstellerinnen ans Telefon.

Mi 10.2., 17 Uhr mit Stephan Pörtner, Do 11.2., 15 Uhr mit Eva Roth, sogar.ch


1 Kommentar
    Ralf Schrader

    Darstellende Kunst im öffentlichen Raum ist immer einer Dreierstruktur: Der/ die Künstler, die anderen Zuschauer und ich. Wenn die anderen Zuschauer fehlen, ist es nicht das, was es sein soll. Man kann die öffentliche Darstellung nicht bipolar simulieren. Es ist besser, das gar nicht zu versuchen.