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Töffpilot meldet sich zurückDominique Aegerter wurde zu früh abgeschrieben

Nach Jahren der Rückschläge gab der Berner am Sonntag beim MotoE-Rennen in Jerez ein Lebenszeichen von sich. 2021 will er wieder mit einem Benzinmotor fahren.

Endlich: Dominique Aegerter führte am Sonntag in Jerez wieder einmal ein Feld an.
Endlich: Dominique Aegerter führte am Sonntag in Jerez wieder einmal ein Feld an.
Foto: Roman Rios/Keystone

Dominique Aegerter atmete tief durch. Seit langem war er an einem GP-Wochenende nicht mehr auf dem Podest gestanden, seit 2015. Und nun durfte er in Jerez am Sonntag sogar dem Schweizerpsalm zu seinen Ehren lauschen. «Wenn die Nationalhymne ertönt, ist das immer ganz speziell», blickt der Berner zurück, «und ein Zeichen, dass wir an diesem Wochenende eigentlich alles richtig gemacht haben.»

Für ihn war es vor allem ein Schritt in die richtige Richtung. Sechs Jahre sind vergangen seit seinem bislang einzigen Moto2-Sieg, 2014 auf dem Sachsenring. Verletzungen, falsche Entscheide und Rennpech führten dazu, dass es immer weiter abwärts ging. Ende der letzten Saison, nach zehn Jahren als eine der Konstanten in der zweithöchsten Kategorie, mit total 7 Podestplätzen und 216 Renneinsätzen, hatte er plötzlich kein Cockpit mehr. Es blieb nur der Wechsel in die MotoE-Klasse. Von Abstieg war die Rede, etliche Experten schrieben ihn ab, obwohl er noch nicht einmal 30 ist.

Nun also sein Konter, entsprechend die Freude: «Ich habe gezeigt, dass ich es noch kann. Und ich habe bestmögliche Eigenwerbung gemacht.» Gute Ansätze hatte er schon sieben Tage zuvor gezeigt: Platz 3 bei seinem ersten MotoE-Rennen, das konnte sich angesichts der respektablen Konkurrenz mit ehemaligen MotoGP-Fahrern und Weltmeistern unterer Kategorien ebenfalls sehen lassen. Und nun also die erneute Steigerung. «Wir konnten zwischen den beiden Rennen bei der Fahrwerksabstimmung noch einiges optimieren», sagt Aegerter.

Die Arbeit mit der Maschine ist für ihn zurzeit besonders wichtig, als Rookie hat er kaum Erfahrung mit den Elektromotoren, dementsprechend gibt es punkto Abstimmung und Gefühl noch Steigerungspotenzial, auch das Ansprechverhalten vom Gas ist ganz anders. Im März hatte er ein paar Runden mit dem neuen Untersatz drehen können, dann war Corona-Pause. Ausgedehnte Einheiten sind im Vergleich zu den herkömmlichen Klassen nicht möglich, weil der Akku schnell leer oder der Motor überhitzt ist.

Nicht einmal an den Strand oder einkaufen

Als Neuling kam ihm entgegen, dass in Jerez zwei Rennen stattfanden. Und Zerstreuungsmöglichkeiten gab es in den letzten zwei Wochen ja ohnehin nicht, wie er erzählt: «Wir konnten in den Tagen, an denen wir nicht auf der Piste waren, nicht an den Pool, an den Strand oder einkaufen gehen.» Vom Flughafen zum Hotel, vom Hotel zur Rennstrecke und dann wieder zurück – der Aktionsradius war ziemlich beschränkt. «Ich habe das Beste daraus gemacht», sagt Aegerter, «die Gesundheit geht vor, und das Wichtigste ist, dass wir überhaupt wieder Rennen fahren können.»

Die Rennen sind kurz, die Siegerzeit betrug weniger als elf Minuten. Es ist klar, dass andere Qualitäten gefragt sind als sonst: «Es gilt, die ganze Zeit hoch konzentriert zu sein, Fehler haben hier meist noch grössere Konsequenzen.» Es sei aber nicht viel lockerer als ein normaler GP: «Die Anstrengung ist fast so gross wie bei einem langen Rennen.»

Das Qualifying ist noch wichtiger

Da über nur sechs Runden gefahren wird, kommt auch der Startaufstellung eine entscheidende Rolle zu. Die Fahrer haben jeweils nur eine gezeitete Runde zur Verfügung, ein Sturz wäre fatal. Wer ausfällt, muss ganz hinten starten und kann dieses Handicap kaum mehr ausgleichen. Es sei ein Spagat, sagt Aegerter: «Man muss die richtige Mischung finden zwischen Gas geben und taktisch fahren.» Am Samstag ist ihm dies gelungen, mit der Poleposition legte er die Basis zum Sieg.

Seit Montag ist Aegerter wieder daheim in Rohrbach. Aktive Erholung steht zunächst auf dem Programm, anschliessend «hoffentlich» eine Reise nach Japan, wo er als Honda-Superbike-Testfahrer vorgesehen ist.

«Der Kugelschreiber für die Unterschrift liegt bereit.»

Dominique Aegerter

Im September fällt dann die WM-Vorentscheidung, wenn in Misano an zwei Wochenenden gleich drei WM-Läufe stattfinden, im Oktober folgen noch zwei Rennen in Le Mans. Dass Aegerter auf dem Misano World Circuit Marco Simoncelli schnell sein kann, bewies er zuletzt 2017, als er die Ziellinie als Erster überquerte. Der Sieg wurde ihm anschliessend aber wegen der Verwendung von unzulässigem Motoröl aberkannt. Aegerter lächelt: «Ich liebe die Strecke in Misano, habe aber gute und schlechte Erinnerungen an sie.»

Aegerter wird als WM-Leader nach Italien reisen, durch die beiden Resultate in Jerez beträgt sein Vorsprung auf die ersten Verfolger Jordi Torres und Eric Granado elf respektive dreizehn Punkte. Vom Spitzenplatz will er sich nicht mehr verdrängen lassen: «Ich will den WM-Titel.»

Neben einem positiven Eintrag im Lebenslauf würde dieser ihn auch seinem Hauptziel ein grosses Stück näher bringen: «Ich will nächstes Jahr wieder mit einem Benzinmotor antreten.» Gespräche hätten noch nicht stattgefunden, Aegerters Message an allfällige Interessenten ist aber klar: «Der Kugelschreiber für die Unterschrift liegt bereit.»