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Psychologie der Corona-MassnahmenDu bist in Gefahr!

Forscher sind der Frage nachgegangen, was uns dazu bewegt, die Nähe zu anderen Menschen zu meiden.

Wie nahe darf man sich kommen beim Einkaufen? Nicht immer können im Laden die eineinhalb Meter Abstand eingehalten werden.
Wie nahe darf man sich kommen beim Einkaufen? Nicht immer können im Laden die eineinhalb Meter Abstand eingehalten werden.
Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Die Pandemie hat vieles verkompliziert, zum Beispiel die lästige Tätigkeit des Einkaufens. Nicht immer halten sich alle an das Gebot, auch im Laden eineinhalb Meter Abstand zu wahren – das gilt (natürlich) auch für einen selbst. Manchmal steckt schlicht Unachtsamkeit dahinter, wenn man einem anderen Kunden zu nahe kommt. Manchmal aber ist es Ungeduld: Da blockiert eine Frau das Kühlregal und vergleicht mit grösster Ruhe den Fettgehalt verschiedener Joghurtsorten. Dabei will man selbst nur schnell etwas nehmen.

Die Nähe zu anderen Menschen zu meiden, ist etwas, das den meisten nicht leichtfällt, «es widerspricht unseren inneren Impulsen», schreibt der Psychologe David Loschelder von der Leuphana-Universität in Lüneburg gemeinsam mit Kollegen aus Maastricht und Valencia. Es braucht vermutlich Ermahnung oder wenigstens Erinnerung daran, sich doch entgegen den eigenen Impulsen zu verhalten und auf Abstand zu achten. Woraus sich die Frage ergibt, wie diese Aufrufe am besten formuliert werden sollten.

Angst vor Verlust überzeugt besonders

In mehreren Experimenten hat das Team um Loschelder nach einer Antwort darauf gesucht, die sie sodann zur Veröffentlichung im Fachblatt «Journal of Experimental Psychology: Applied» eingereicht haben. Die grösste Überzeugungskraft entfalteten Appelle, welche eine Covid-19-Erkrankung als potenziell tödliche Gefahr für die befragte Person selbst darstellten. Appelle, die Gesundheit der Mitmenschen durch eigenes Verhalten zu schützen, zeigten sich hingegen als weniger wirksam.

In einer ersten Onlineumfrage stellten die Psychologen mehrere Varianten zur Auswahl: Entweder stand der Schutz der eigenen Gesundheit oder der Mitmenschen im Vordergrund; zudem waren diese Nachrichten entweder negativ formuliert («Es könnte tödlich sein») oder positiv («Zum Schutz der Gesundheit»). Für beide Varianten finden sich in der Forschungsliteratur Argumente. Angst vor einem Verlust aktiviert Menschen demnach besonders. Zugleich gibt es aber Befunde, die eine motivierende Kraft des Optimismus und der Aussicht auf eine Belohnung nahelegen.

Sorge um die Mitmenschen zeigte keinen Effekt

Die aktuelle Studie spricht hingegen eher für die Macht der Angst. In der Onlinebefragung ergab sich, dass die Betonung der Gefahr durch Covid-19 für sich selbst einen Menschen am ehesten dazu motivierte, sich an die Abstandsregeln zu halten.

Die Forscher testeten ihre Hypothesen auch in einem Feldversuch. In einem Laden versahen sie Einkaufswagen mit den vier unterschiedlich formulierten Aufrufen, sich an die Abstandsregeln zu halten, und beobachteten das Verhalten von 268 Kunden. Eine Mitarbeiterin stellte sich dann im Laden so in den Weg, dass es Kunden einige Mühe kostete, die Abstandsregeln einzuhalten.

Auch in freier Wildbahn offenbarte sich, dass die Angst um das eigene Wohlergehen am ehesten dazu motiviert, sich an die Abstandsregeln zu halten – weil auf diese Weise persönliche Risikowahrnehmung und Sorge aktiviert werden. Die Angst um die Gesundheit der Mitmenschen zeigte keinen beziehungsweise sogar einen womöglich minimal kontraproduktiven Effekt.

5 Kommentare
    Andreas Leupin

    Der Titel zeigt schon ein weiteres typisches egozentrisches Verhalten "DU bist eine Gefahr" d.h. DU bist schuld, wenn ich mich anstecke" sind also alle anderen (die Behörden, die mich nicht geschützt haben, der Andere, der mir zu nahe gekommen ist, der andere, der seine Bedürfnisse auslebt etc.). Dass es primär aber an einem selbst liegt, sich zu schützen, dass man sich selbst vielleicht dazu einschränken muss, das scheinen die wenigsten zu kapieren. Es wäre wohl sehr, sehr sinnvoll, wenn alle, welche immer über die anderen herziehen und ihnen mangelnde Solidarität unterstellen, einmal selbst in den Spiegel schauen würden und sich fragen würden, wie schütze ich mich selbst am besten (und natürlich auch, was muss ich tun, um die anderen mit meinem Verhalten zu schützen). Jeder einzelne hat es in der Hand und sein eigenes Verhalten kann man kontrollieren, wenn man den will, das der anderen sehr viel schwieriger...