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Sonderschau in Spiez «Dürrenmatt bot seinen Zeitgenossen genug Anlass zu Ärger»

Der bekannte Schweizer Schriftsteller wäre gerne Maler geworden. Eine aktuelle Ausstellung widmet sich seinem düsteren Bildwerk. Experte Ulrich Weber erklärt das Dilemma des Doppelbegabten.

Winzig klein ist der Mensch am Abgrund: Dürrenmatts «Turmbau III» von 1968, Tusche auf Papier.
Winzig klein ist der Mensch am Abgrund: Dürrenmatts «Turmbau III» von 1968, Tusche auf Papier.
Foto: Centre Dürrenmatt Neuchâtel

Herr Weber, sehen Sie Friedrich Dürrenmatt als Schriftsteller, der malt, oder eher als Maler, der durch seine Texte berühmt geworden ist?

Als Schriftsteller, der ursprünglich Maler werden wollte und sein Leben lang neben der Schriftstellerei auch gemalt und gezeichnet hat.

Er sah seine Bilder als die Schlachtfelder, auf denen sich seine schriftstellerischen Kämpfe abspielen. Was meinte er damit?

Es ist ein vieldeutiges sprachliches Bild für die enge Verbindung und gleichzeitige Differenz der beiden Ausdrucksformen. Während seine Dramen und Erzählungen meist gewaltsame Handlungen im Dialog und im zeitlichen Ablauf vorführen, stellen die Bilder Räume und Szenarien dar, in denen sich diese Handlungen abspielen könnten. Die Räume in Dürrenmatts Bildern sind allerdings oft fantastisch und weit jenseits des szenisch Darstellbaren.

Sind sein bildnerisches und sein schriftstellerisches Werk gleichwertig?

Qualitätsurteile sind zwar begründbar, aber subjektiv. Das literarische Werk wird ohne Zweifel höher gewichtet. Dürrenmatt war ein künstlerischer Autodidakt, der quer zu den Kunsttrends seiner Zeit stand. Dass schon zu Lebzeiten das Kunstmuseum in Neuenburg und nach seinem Tod das Kunsthaus Zürich grosse Ausstellungen seines Bildwerks präsentierten, zeugt aber davon, dass er ein qualitativ hochstehender Künstler war.

Die Zeichnungen wirken oft spontan und ziemlich wild.

In der Tat hat er im Bildwerk eine andere Art von Kreativität ausgelebt als im literarischen Werk. Das literarische Handwerk war für ihn harte Arbeit, das Zeichnen und Malen beschrieb er als Rückkehr zur schöpferischen Gestaltungskraft des Kindes. Allerdings darf man nicht übersehen, dass neben den spontanen Zeichnungen – oft humoristischen Inhalts – auch im Bildwerk zum Teil eine akribische Arbeit steckt. Dürrenmatt hat an einzelnen Bildern während Jahren gearbeitet.

«Er befeuerte seine abgründige Fantasie nicht primär mit Alkohol.»

Weshalb wollte er sein Bildwerk vor der Öffentlichkeit verbergen?

Auch wenn Dürrenmatt sich gerne als erhaben über die Urteile der Theaterkritiker präsentierte, machten ihm die oft vernichtenden Kritiken doch sehr zu schaffen. Da war für ihn die künstlerische Arbeit ein Schonraum, in dem er – bei aller Düsterkeit der Themen – eine Unbeschwertheit des Ausdrucks an den Tag legte, die ihm im literarischen Werk je länger, desto schwerer fiel.

Lassen sich die Bilder mit den gleichen Modellen «lesen» wie die Texte?

Natürlich gibt es im Literarischen und Künstlerischen wiederkehrende Motive wie die Katastrophe, das Labyrinth oder der Turmbau, und einzelne Motive sind kaum verständlich ohne Kenntnis der Texte. Doch sollte man nicht versuchen, die Bilder bloss durch korrespondierende Texte zu erklären. Dürrenmatts Bildkompositionen lassen sich oft besser durch ihre Anspielungen auf kunstgeschichtliche Modelle von Hieronymus Bosch, Pieter Brueghel und Michelangelo bis Edward Munch, Picasso und Paul Klee verstehen als durch ihre Analogien zu seinem literarischen Werk.

Dürrenmatt war exzessiv in vielem, was er tat. Waren Essen und Wein seine Drogen, um den Sturz in die Tiefen des Denkens auszuhalten?

Stimmt, er war ein leidenschaftlicher Genussmensch. Allerdings musste er als Diabetiker ein Leben lang eine strenge Diät befolgen. Die Genüsse, die er in seinem Werk darstellt, sind – sieht man vom edlen Wein ab – mehr lustvolle Fantasien als die Realität seines Speisezettels.

Inwiefern?

Er befeuerte seine düstere und abgründige Fantasie nicht primär mit Alkohol. Die Fähigkeit, das Schreckliche hinter den Kulissen zu sehen, wie er es in seiner Erzählung «Der Tunnel» formuliert, war ihm auch in nüchternem Zustand gegeben. Das Gespräch und seine Lust am Erzählen regten seine Fantasie viel mehr an als der dabei konsumierte Wein. Dürrenmatt arbeitete in langen Phasen seines Lebens vor allem tagsüber und völlig nüchtern. Es war eher das Zeichnen und Malen, das er nachts nach einem weinseligen Abend pflegte.

Mythen und Naturwissenschaften inspirierten Dürrenmatt zu Bildern ebenso wie theologische oder astronomische Fragen. Vieles wurde darüber publiziert. Gibt es noch Dimensionen seines Werks, die nicht erforscht sind?

Nicht zufällig spricht man vom «Kosmos Dürrenmatt». Es ist wie bei der Erforschung der Natur oder des Weltraums: Je weiter man mit seiner Erkenntnis vorstösst, desto mehr Geheimnisse und Rätsel tun sich auf.

Zum Beispiel?

Wenn ich mir ein Bild wie «Die Welt der Atlasse» oder «Turmbau» anschaue, komme ich trotz Dürrenmatts Kommentar nicht aus dem Rätseln heraus über die Auflösung der Perspektiven und Proportionen und das an Hieronymus Bosch erinnernde Gewusel der Figuren und Kugeln, die mal Auge, mal Erdkugel, mal schwarzes Loch sind. Dazu wurde noch kaum etwas geschrieben. Die neuere Forschung zum literarischen Werk geht Fragen nach Dürrenmatts origineller und kenntnisreicher Verarbeitung neuester naturwissenschaftlicher Erkenntnisse nach. Und das gewaltige Gedanken-, Erzähl- und Erinnerungslabyrinth seiner späten «Stoffe» ist in seinem Gesamtzusammenhang erst in Ansätzen erforscht.

Was fasziniert oder ärgert Sie ganz persönlich als Wissenschaftler an Friedrich Dürrenmatt?

Dürrenmatt bot seinen Zeitgenossen genug Anlass zu Ärger, den ich als Student nur noch am Rand mitbekommen habe. In der Retrospektive überwiegt die Faszination am Reichtum seiner eigenwilligen Texte und Bilder. Ich bedaure ein wenig, dass er sich wohl zu einseitig als Dramatiker verstand und seine grossartige Erzählkunst lange Zeit zu sehr an der kurzen Leine hielt.

Schloss Spiez: «Dürrenmatt als Zeichner und Maler». Bis 25. Oktober.