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Protestaktion in UngarnDutzende Journalisten von regierungskritischer Website kündigen

Nach der Entlassung des Chefredaktors verlassen weitere Mitarbeiter das grösste unabhängige Nachrichtenportal in Ungarn. Es galt als eines der letzten Medien, die kritisch über die Politik von Premierminister Orban berichten.

Ungarns Premierminister Viktor Orban während einer Pressekonferenz mit dem slowakischen Premierminister Igor Matovic in Budapest (12. Juni 2020).
Ungarns Premierminister Viktor Orban während einer Pressekonferenz mit dem slowakischen Premierminister Igor Matovic in Budapest (12. Juni 2020).
Foto: Keystone/EPA/Szilard Koszticsak 

Aus Protest gegen die Entlassung des Chefredakteurs der ungarischen Nachrichtenwebsite «index.hu» haben zahlreiche Mitarbeiter der Redaktion gekündigt.

Laut Reuters sind es mehr als 60 Redaktoren und Reporter, darunter auch die drei stellvertretenden Chefredaktoren. Sie nannten die Entlassung des Chefredakteurs einen offenen Versuch, Druck auf die Berichterstattung auszuüben. Für die Entlassung waren wirtschaftliche Gründe genannt worden.

Chefredaktor Szabolcs Dull war auf Druck der Eigentümer aus dem Umkreis der rechtsnationalen Regierungspartei Fidesz entlassen worden. Dull habe durch sein Agieren die Marktposition des Portals beeinträchtigt, erklärte Laszlo Bodolai, der Präsident der Stiftung, die als formelle Eigentümerin der Website fungiert.

Orban missfiel das Portal

«index.hu» vermochte sich bis vor kurzem trotz des schwierigen Eigentümerumfelds die Unabhängigkeit zu bewahren. Damit erregte es das Missfallen von Ministerpräsident Viktor Orban. Dieser hat in den vergangenen Jahren die meisten Medien des Landes unter seine Kontrolle gebracht.

Das Betreiberunternehmen des Portals war vor drei Jahren in den Besitz Fidesz-naher Unternehmer gelangt. Die dazwischengeschaltete Stiftung garantierte vorerst seine Unabhängigkeit. In der Zwischenzeit wurde aber das Anzeigengeschäft ausgegliedert und der direkten Kontrolle der eigentlichen Eigentümer unterstellt.

Redaktion auf Stufe «gefährdet»

Vor einem Monat verstärkte sich der Druck der Eigentümer auf Stiftung, Geschäftsführung und Redaktion, durch eine Umstrukturierung der Redaktion auf eine regierungsfreundlichere Berichterstattung umzuschwenken. Dull verliess damals im Protest die Geschäftsführung, blieb aber Chefredaktor. Die Redaktion stufte sich auf einer selbst geschaffenen Skala, die von «unabhängig» bis «nicht unabhängig» reicht, auf die Mittelstufe «gefährdet» herunter.

Die Entlassung Dulls sahen Beobachter als mögliche Vorstufe zu einer direkten Übernahme des Portals durch regierungsnahe Kreise. Angebliche «Marktverluste» waren auch in der Vergangenheit immer wieder vorgeschoben worden, wenn von Orban abhängige Unternehmer Übernahmen von bis dahin unabhängigen Medien durchzogen.

sda/reuters/ag