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«Krimi der Woche»Ein Auftragsmörder wird gejagt

Ein halbstaatlicher Profikiller beschützt eine schwarze Politikerin – ohne deren Wissen. Dann wird er selbst zum Gejagten, im Politthriller «Der Schutzengel» von Jérôme Leroy.

Jahrelang war er hinter anderen her. Nun gerät Berthet selbst ins Visier eines Killers.
Jahrelang war er hinter anderen her. Nun gerät Berthet selbst ins Visier eines Killers.
Foto: Getty Images

Der erste Satz

Berthet soll getötet werden.

Das Buch

Die Situation ist vertrackt. Berthet ist ein Top-Auftragsmörder der Unité, einer supergeheimen Polizeiorganisation in Frankreich. Doch nun ist er in Ungnade gefallen: Die Unité schickt ihm Killer auf die Fersen.

Berthet scheint das zu verdienen: «Er hat sich sein Leben lang mit nichts anderem als Mord, Folter, Erpressung, Destabilisierung, Manipulation, Vergewaltigung, Verstümmelung, Attentaten und Entführungen beschäftigt.» Doch Berthet, der natürlich nicht wirklich so heisst, hat auch eine andere Seite. Er überwacht, schützt und fördert heimlich eine junge Schwarze, die ihm vor 20 Jahren zufällig im nordfranzösischen Roubaix über den Weg gelaufen ist.

Kardiatou Diop war damals 14. Inzwischen mischt sie als Staatssekretärin die Politszene in Paris auf. Auch dank Berthets Tätigkeit als Schutzengel, von der sie nichts weiss.

«Der Schutzengel» heisst der ebenso harte wie rasante Thriller von Jérôme Leroy, der tief in den Sümpfen der französischen Politik und der Geheimorganisationen wühlt. Schon in seinem vorherigen Roman «Der Block» ging es um den Griff des Patriotischen Blocks nach der Macht, einer Partei, die kaum verschlüsselt den Front National darstellt. Im neuen Thriller wird die schwarze Sozialistin Kardiatou bei einer Bürgermeisterwahl als Gegenkandidatin der Führerin des Blocks, der Tochter des Gründers, ins Rennen geschickt.

Der Roman stellt die rechtsextremen Tendenzen in Frankreichs Politik schonungslos an den Pranger.

Berthet erkennt rasch, was gespielt wird: Ihre eigenen Kreise wollen Kardiatou bei einem Attentat umkommen lassen, um das dann dem Block in die Schuhe zu schieben. Diese Idee ist jedoch noch schlechter als die, Berhet zu liquidieren. Denn der inzwischen über 60-Jährige wird für Kardiatou alles tun. Und seine Geschichte, seine Arbeit für die Unité, lässt er von einem Schriftsteller festhalten. Der stellt fest, dass «wenn man heute einen Roman schreibt, in dem man ehrlich erzählt, was vor sich geht, dieser Roman von ganz allein zum Krimi wird».

Es ist ein fesselnder Roman, der aus einer klar linken, intellektuellen Haltung schonungslos die rechtsextremen Tendenzen in Frankreichs Politik an den Pranger stellt. Wobei Berthets Beweggründe für die Unterstützung Kardiatous keineswegs unzweifelhaft sind: «War das Liebe, war das Voyeurismus, war das eine Art von Personenschutz? Oder war es alles zugleich?»

Letztlich handelt «Der Schutzengel», wie fast jeder realistische Politthriller, auch davon, was für ein dreckiges Geschäft die Politik eigentlich immer ist. «Es geht nicht darum, ob man in Grunde recht hat, wenn man in der Politik reüssieren will», heisst es einmal, «das wäre jedenfalls neu.»

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★★
  • Spannung: ★★★★☆
  • Realismus: ★★★★☆
  • Humor: ★★★☆☆
  • Gesamtwertung: ★★★★☆

Der Autor

Er sieht den Krimi als «zeitgemässe Form» der Geschichtsschreibung: Jérôme Leroy.
Er sieht den Krimi als «zeitgemässe Form» der Geschichtsschreibung: Jérôme Leroy.
Foto: Mollat/Wikimedia

Jérôme Leroy, geboren 1964 in Rouen in der Normandie, war während rund 20 Jahren Französischlehrer an verschiedenen Schulen im Norden Frankreichs, vor allem in Roubaix. Seinen ersten Roman «L’Orange de Malte» (1990) schrieb er während seiner Zeit im Militär.

Inzwischen publizierte er um die 15 Romane, mehrere Gedichtbände und eine ganze Reihe von Jugendbüchern. Zum sogenannten Néo-Polar, dem Krimi als gesellschaftskritischem Roman, kam er durch einen Freund, den Schriftsteller Frédéric H. Fajardie, einen der Pioniere der modernen französischen Kriminalliteratur. Für Leroy ist die Kriminalliteratur inzwischen «eine zeitgemässe Form der Geschichtsschreibung».

In seinem Politthriller «Le Bloc» (2011, Deutsch: «Der Block», 2017) geht es um die Machtergreifung einer rechtsextremen Partei in Frankreich, der als Schlüsselroman über den Front National gilt. Auf diesem Roman basiert der Spielfilm «Chez nous» (2017) des belgischen Regisseurs Lucas Belvaux; Leroy wirkte da auch am Drehbuch mit. Auf Deutsch erschienen ist auch sein Roman «Un peu tard dans la saison» (2017: Deutsch: «Die Verdunkelten», 2018). Jérôme Leroy lebt in Lille, der Grossstadt ganz im Norden Frankreichs an der Grenze zu Belgien.

Jérôme Leroy: «Der Schutzengel» (Original: «L’ange gardien», Editions Gallimard, Paris 2014). Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Edition Nautilus, Hamburg 2020. 352 S., ca. 30 Fr.