Ein Buch, um Spielschulden zu begleichen

Krimi der Woche: «Der Sonnenschirm des Terroristen» des Japaners Iori Fujiwara von 1995 zählt zu den besten Krimis, die dieses Jahr auf Deutsch erschienen sind.

Kettenraucher und passionierter Mahjongg-Spieler: Iori Fujiwara schrieb «Der Sonnenschirm des Terroristen», um Schulden bei der japanischen Mafia abzuzahlen.

Kettenraucher und passionierter Mahjongg-Spieler: Iori Fujiwara schrieb «Der Sonnenschirm des Terroristen», um Schulden bei der japanischen Mafia abzuzahlen. Bild: Cass-Verlag

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Der erste Satz:
An dem Samstag im Oktober hatte es endlich aufgehört zu regnen.

Das Buch:
Nachts führt Shimamura eine kleine Bar in Tokio. Wenn die Sonne scheint, verlässt er sein fensterloses Zimmer, um im Park auf dem Rasen liegend zu trinken. Shimamura ist schwerer Alkoholiker. An diesem Samstag im Oktober wird der Icherzähler in Iori Fujiwaras Roman «Der Sonnenschirm des Terroristen» im Park von einem kleinen Mädchen angesprochen, das wissen will, weshalb seine Hände zittern. Das Mädchen erzählt ihm, dass es Geige spiele und Violinistin werden wolle, was mit derart zitternden Händen nicht ginge.

Wenige Minuten später lässt eine Bombe den Boden erzittern. Shimamura rennt zum Ort der Explosion, um nach dem Mädchen zu sehen. Er sieht Körperteile, tote Menschen. Das Mädchen findet er bewusstlos; er sorgt dafür, dass es sofort ins Krankenhaus kommt. Nachdem er den Park verlassen hat, fällt ihm ein, dass er die Whiskyflasche mit seinen Fingerabdrücken im Park zurückgelassen hat. Und das würde ihn rasch auf den Radar der Ermittler bringen.

Shimamura ist nicht sein richtiger Name. Bei den Studentenunruhen von 1968 gehörte er zu den Aktivisten. Als er in Zusammenhang mit einem Bombenanschlag gesucht wurde, tauchte er unter und lebt seither unter falscher Identität. «Zweiundzwanzig Jahre, in denen ich wieder und wieder alles aufgegeben hatte, Beruf und Wohnort wechselte, sobald es auch nur im Entferntesten nach Staatsschutz roch. Ein Stück Zeit, das man mir entrissen hatte.»

Shimamura taucht unter und macht sich auf die Suche nach den Urhebern des Bombenanschlags, zu dessen Opfern auch alte Bekannte von Shimamura gehören, wie sich zeigt. Hilfe findet er bei einem Yakuza-Gangster, der früher Polizist war. Es ist eine virtuos komponierte Geschichte, die Fujiwara packend erzählt. Der passionierte Mahjongg-Spieler, der 2007 mit 59 Jahren verstorben ist, soll das Buch, das im Original schon 1995 erschienen ist, geschrieben haben, um Spielschulden bei der Yakuza bezahlen zu können. Und der Roman wurde tatsächlich ein Erfolg. Fujiwara schrieb gleichzeitig nüchtern beobachtend und gefühlvoll, verstand es, harte Action und poetische Momente nahtlos zu verbinden, Spannung aufzubauen ohne billige Effekte. Dass sich dieses Buch auf Deutsch so gut liest, ist auch das Verdienst der Übersetzung.

Meine Kenntnisse über Japan und seine jüngere Geschichte sind sehr rudimentär. Am Anfang der Lektüre wünschte ich mir ein Vor- oder Nachwort, das gewisse Gegebenheiten einordnet, etwas Hintergrund liefert. Der Wunsch schwand rasch. Denn ein guter Krimi braucht keine Erklärungen. Und «Der Sonnenschirm des Terroristen» ist ein sehr guter Krimi. Einer der Besten, die mir dieses Jahr untergekommen sind.

Die Wertung:

Der Autor:
Iori Fujiwara, geboren 1948 in Osaka, gestorben 2007 in Shinagawa in der Präfektur Tokio, hatte Romanistik studiert. Laut dem deutschen Verlag soll der Kettenraucher und passionierte Mahjongg-Spieler «Der Sonnenschirm des Terroristen» geschrieben haben, um mit den Tantiemen und möglichen Preisgeldern Spielschulden tilgen zu können. Der Roman wurde tatsächlich zu einem Erfolg, und Fujiwara erhielt dafür den mit 10 Millionen Yen (aktuell rund 88'000 Franken) dotierten Edogawa-Ranpo-Krimipreis und den Naoki-Literaturpreis. Zudem wurde der Roman 1996 fürs Fernsehen verfilmt. Fujiwara veröffentlichte in der Folge weitere Kriminalromane. Er starb 2007 an Speiseröhrenkrebs.

Iori Fujiwara: «Der Sonnenschirm des Terroristen» (Original: «Terorisuto no Parasoru», Kodansha, Tokio, 1995). Aus dem Japanischen von Katja Busson. Cass-Verlag, Löhne, 2017. 352 S., ca. 29 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2017, 14:56 Uhr

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