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GastkommentarEin Bundesrat stolpert über chiffrierte Telegramme

Die Affäre um die Chiffrierfirma Crypto hat einen brisanten Vorläufer. Zwei geltungssüchtige Schweizer verletzten im Ersten Weltkrieg mit vermeintlich todsicher chiffrierten Telegrammen die Neutralität.

Ein deutschfreundlicher Bundesrat: Arthur Hoffmann (rechts) mit Kaiser Wilhelm bei den «Kaisermanövern» 1912 in der Schweiz.
Ein deutschfreundlicher Bundesrat: Arthur Hoffmann (rechts) mit Kaiser Wilhelm bei den «Kaisermanövern» 1912 in der Schweiz.
Foto: Staatsarchiv St. Gallen

Am 3. Juni 1917 mittags um 12.30 Uhr startet Bundesrat Arthur Hoffmann eine Aktion, über die der Historiker Edgar Bonjour, oberste Instanz in Sachen Neutralität, später gnadenlos urteilen wird: «unsorgfältig vorbereitet» – und dann auch noch «dilettantisch ausgeführt». Der Diplomat Paul Widmer urteilt in seiner Biografie über Arthur Hoffmann: «eine strategische Unbekümmertheit, um nicht zu sagen Blindheit».

Was ist damals, mitten im Ersten Weltkrieg, schiefgelaufen? Im Zentrum stehen zwei geltungssüchtige Schweizer Politiker – Aussenminister Hoffmann und der sozialdemokratische Nationalrat Robert Grimm. Sie stürzen die Schweiz mit Telegrammen in eine Neutralitätskrise.

Grimm hat ein hehres Ziel: Frieden im Ersten Weltkrieg – zum Wohle der Schweiz, wo Hunger herrscht. Aber auch zum Wohle Russlands, wo eine Revolution im Gang ist, die er mit Sympathie beobachtet. Grimm war 1915 massgeblich in das geheime Treffen der internationalen Sozialisten im bernischen Zimmerwald involviert, gehörte dort zur «pazifistischen» Mehrheit, die sich gegenüber den Radikalen rund um Wladimir Iljitsch Lenin durchgesetzt hat.

«Friedensbedürfnis allgemein vorhanden»

Inzwischen ist Lenin aus dem Schweizer Exil nach Russland zurückgereist. Dort strebt er die Machtübernahme an. Einen Separatfrieden mit Deutschland lehnt Lenin noch genauso ab wie die russische Regierung unter Alexander Kerenski.

Grimm will Russland dennoch zum Frieden bewegen und reist nach St. Petersburg. Von dort sendet Grimm am 26. Mai 1917 ein chiffriertes Telegramm an Bundesrat Hoffmann nach Bern, das mit einer totalen Fehleinschätzung beginnt: «Friedensbedürfnis ist allgemein vorhanden.» Und das mit einer delikaten Bitte endet: «Unterrichten Sie mich über die Ihnen bekannten Kriegsziele der Regierungen, da die Verhandlungen dadurch erleichtert würden.»

Der Sozialdemokrat und langjährige Nationalrat Robert Grimm wollte im Ersten Weltkrieg zwischen Deutschland und Russland einen Separatfrieden herbeiführen.
Der Sozialdemokrat und langjährige Nationalrat Robert Grimm wollte im Ersten Weltkrieg zwischen Deutschland und Russland einen Separatfrieden herbeiführen.
Foto: Keystone

Welche Regierung gemeint ist, muss Grimm nicht explizit sagen. Hoffmann gilt als «germanophil». Er pflegt beste Beziehungen mit dem damaligen Kaiserreich und hat Einsicht in den Katalog mit den deutschen Kriegszielen, etwa die Annektion von Teilen Polens. Per Telegramm an Grimm behauptet er aber just das Gegenteil: Deutschland wolle «keinerlei Gebietserweiterung».

Spitz gesagt: Die offizielle Schweiz informiert via Grimm Russland bewusst «falsch», damit Russland eher zum Separatfrieden mit Deutschland einschwenkt. Damit hätte sich die deutsche Armee sofort ganz auf den Krieg im Westen gegen Frankreich und England konzentrieren können.

Die Sache fliegt auf

Selbstverständlich war es Hoffmann mehr als mulmig. Er lässt den Text verschlüsseln – doch das heisst nichts, wie die Geschichte der Crypto AG später systematisch zeigen wird. Sein chiffriertes Telegramm wird abgefangen, an den französischen Rüstungsminister Albert Thomas weitergeleitet und entschlüsselt. Sofort wird Russland informiert, der Vorgang wird öffentlich. Und so kommt ans Licht, was bis dahin undenkbar war: dass die Schweiz mitten in einem Weltkrieg Partei ergreift.

Am Morgen des 15. Juni, als Hoffmanns Telegramm vollständig in einer schwedischen Zeitung erschienen ist, wird Grimm um 7.40 Uhr in den Zug gesetzt, begleitet von der russischen Polizei. Der britische Gesandte in Bern, Sir Horace Rumbold, spricht bei Bundesrat Hoffmann persönlich vor und sagt ihm ins Gesicht, dass er die Neutralität «seriously» gebrochen hat.

Die Satirezeitschrift «Nebelspalter» stellte Hoffmanns tiefen Fall als Heldendrama dar.
Die Satirezeitschrift «Nebelspalter» stellte Hoffmanns tiefen Fall als Heldendrama dar.
Foto: Nebelspalter / Bildarchiv ETH

Drei Tage später erklärt Hoffmann in Bern seinen Rücktritt. Und nochmals einen Tag später demonstrieren in Genf 15000 Menschen, beschädigen das deutsche Konsulat und fordern zusätzlich zum Rücktritt auch noch eine «Bestrafung» Hoffmanns. Und Lenin, immer noch in St. Petersburg weilend, schreibt unchiffriert nach Zürich: «Dass der Schurke Grimm einer schändlichen Annäherung an seinen Minister fähig ist, wundert mich nicht