Ein Detective zwischen Suff und Kater

Krimi der Woche: Mit «Blutiger Januar» startet der Schotte Alan Parks eine vielversprechende, auf zwölf Bände angelegte, harte Noir-Serie.

Parks' Detective Harry McCoy scheint eher zufällig auf der «richtigen» Seite des Gesetzes gelandet zu sein. Was ihn in Loyalitätskonflikte mit seinem Drogendealer bringt.

Parks' Detective Harry McCoy scheint eher zufällig auf der «richtigen» Seite des Gesetzes gelandet zu sein. Was ihn in Loyalitätskonflikte mit seinem Drogendealer bringt. Bild: Euan Robertson

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Der erste Satz

«Der Fall wurde einer, an dem Polizisten ihre berufliche Laufbahn massen.»

Das Buch
Tartan Noir wird die schottische Spielart der rabenschwarzen Kriminalliteratur genannt. William McIlvanney, der in den 1970ern seinen illusionslosen Detective Laidlaw auf die Strassen von Glasgow geschickt hat, gilt als der Urvater des Schotten-Noirs; mit Autoren wie Ian Rankin, Tony Banks, Allan Guthrie und Denise Mina wurde das Subgenre populär.

Nicht unbedingt der jüngste, aber der neueste Vertreter des Tartan Noir ist der 55-jährige Alan Parks aus Glasgow, der sein Debüt «Blutiger Januar» 1973 ansiedelte. Und ehrgeizig plant: Zwölf Bände soll seine Reihe um Detective Harry McCoy dereinst umfassen, eine Chronik des Verbrechens in Glasgow von den 1970er- bis in die 1980er-Jahre. In Grossbritannien erscheint im kommenden Januar Folge zwei mit dem Titel «February’s Son».

Man fragt sich schon ein bisschen, wie McCoy so viele Jahre überleben soll. Dass er etwas viel trinkt – ach was: säuft wie ein Loch –, ist ja klar. Das ist in Schottland offenbar Pflicht. Aber Harry McCoy nimmt auch Drogen: Hasch, Speed. Er ist entweder «breit» oder verkatert. Zwischendurch wird er spitalreif geprügelt.

Die Geschichte um eine Reihe von Toten, umgebracht von anderen oder durch eigene Hand, führt McCoy immer wieder auf die Spuren einer der reichsten Familien der Gegend. Die sozialen Gegensätze in Glasgow, die Welten der Armen und die der Reichen, sind ein zentrales Motiv des Romans, werden teils aber etwas gar klischiert dargestellt. Und bei der Darstellung von Brutalität wird es dann und wann fast zu drastisch. Auch bleibt am Ende der eine oder andere lose Faden in dieser Geschichte. Doch bei aller Detailkritik: Parks zeigt ein beachtliches erzählerisches Talent. Und Sinn für Humor. Der zeigt sich auch, wenn es um Musik geht – Parks war lange Jahre in der Musikindustrie tätig. Etwa wenn McCoy seinem jungen Mitarbeiter in einem Konzertlokal sagt, hier habe er letzten Sommer The Faces gesehen: «Die Band von Rod Stewart?», fragt der Kollege. «McCoy seufzte innerlich. ‹Die Band, in der Rod Stewart singt.›»

Doch vor allem ist McCoy eine spannende Figur, auf deren Entwicklung in den weiteren Romanen man gespannt sein kann, wenn man davon ausgeht, dass sich der Autor noch steigern kann. McCoy scheint eher zufällig auf der «richtigen» Seite des Gesetzes gelandet zu sein. Sein ältester Freund kümmert sich um den Drogennachschub und den Betrieb von Bordellen in Glasgow. Die beiden kennen sich seit dem gemeinsamen Aufwachsen im Kinderheim. So sieht sich McCoy immer wieder vor die Frage gestellt, wie weit seine Loyalität gehen kann und darf.

Die Wertung

Der Autor
Alan Parks, geboren 1963 in Schottland, studierte Philosophie an der Universität von Glasgow. Danach zog er nach London, wo er in der Musikindustrie – zunächst bei London Records, später bei Warner Brothers – als Creative Director arbeitete. Er war verantwortlich für Kampagnen, Albumcovers, Fotosessions und Videos für Bands wie All Saints, New Order und The Streets. Bei 679 Recordings war er Geschäftsführer. In den letzten Jahren war er freier Berater für Marketing und Gestaltung. Nach 20 Jahren in London kaufte er sich eine Wohnung in Glasgow, um da die Wochenenden zu verbringen. Dabei entwickelte er die Idee für eine Glasgow-Krimireihe. Parks lebt heute in London und in Glasgow.

Alan Parks: «Blutiger Januar» (Original: «Bloody January», Cannongate Books, Edinburgh 2017). Aus dem Englischen von Conny Lösch. Heyne Hardcore/Wilhelm-Heyne-Verlag, München 2018. 395 S., ca. 24 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2018, 13:14 Uhr

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