Ein Ermittler im Visier von Killern

Krimi der Woche: Spannend, vielschichtig, actionreich, witzig – «Marlborough Man» von Alan Carter ist ein perfekter Thriller.

Alan Carter war als Dokumentarfilmer tätig. Dann konnte er dank seiner Frau seinen ersten Roman schreiben.

Alan Carter war als Dokumentarfilmer tätig. Dann konnte er dank seiner Frau seinen ersten Roman schreiben. Bild: Suhrkamp Verlag

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Der erste Satz
Er hat jetzt wirklich eine Belohnung verdient.

Das Buch
Die Landschaft an den Marlborough Sounds auf der Südinsel Neuseelands ist spektakulär. Aber nicht ungefährlich. «Wir liegen direkt an einer tektonischen Bruchlinie, die statistisch gesehen reif ist für eine seismische Katastrophe – die Schwarzseher und Geologen erwarten sie täglich», berichtet Nick Chester, der «Marlborough Man» im so betitelten Roman von Alan Carter. «Nicht schlimm, seit ich hier angekommen bin, rechne ich sowieso immer mit dem Schlimmsten.»

Es ist diese Landschaft, die den vor bald 30 Jahren nach Australien ausgewanderten Briten Alan Carter zu diesem Kriminalroman inspirierte. Als er mit seiner Frau den Zweitwohnsitz in Neuseeland bezog, wollte er eigentlich den vierten Roman seiner tollen Serie um Cato Kwong, einen Ermittler mit chinesischen Wurzeln in Westaustralien, schreiben. Doch die neue Umgebung faszinierte ihn so sehr, dass der «Marlborough Man» herauskam.

Wie sein Autor stammt Nick Chester aus dem nordostenglischen Sunderland. Nick war dort als Polizist «auf der Überholspur», wurde «als aufsteigender Stern gehandelt». Doch nach einer schiefgelaufenen Undercover-Aktion musste er das Land verlassen. Als Provinzpolizist in einem Kaff in Neuseeland soll er den nach Rache gierenden englischen Gangstern entgehen. Doch seine Frau ist nicht glücklich hier, und Nick glaubt ohnehin nicht, dass dieses Versteckspiel funktioniert: «Jetzt sitzen wir hier auf der anderen Seite der Erde in der Pampa und warten auf den Tod.»

Nick lernt eine neue Welt kennen. «Die Bevölkerung lässt sich grob in zwei Kategorien einteilen: in die, die Natur lieben, und die anderen, die sie lieber abschiessen und häuten.» Nach Schafdieben fahnden, Raser büssen und Erdbebennotfallübungen durchführen – so hat er sich seine Polizeikarriere nicht vorgestellt. Aber so bleibt es auch nicht. Die Killer aus England sind ihm schon bald auf der Spur. Und in der Region geht ein perverser Kindermörder um.

Alan Carter hat nach Kwong eine zweite starke Figur geschaffen, die durchaus auch Serienpotenzial hat, ein vielschichtiger Ermittler, der ins Visier von Killern gerät und dem seine Frau sagt, er habe als Undercover-Cop vielleicht «zu lange vorgetäuscht, jemand zu sein, der du nicht bist». Es gibt gut gezeichnete Nebenfiguren, allen voran Nicks Mitarbeiterin Latifa Rapata, die sich in der Maori-Gemeinde bestens auskennt. Der Plot ist perfekt konstruiert, es gibt allerlei Action, die Geschichte bleibt immer spannend. Carter ist ein brillanter Erzähler mit kritischem Blick auf die Gesellschaft, aber auch mit trockenem Humor. Das macht «Marlborough Man» zur Sorte der intelligenten Krimis, die man gerne in einem Zug liest.

Die Wertung

Der Autor
Alan Carter, geboren 1959 in Sunderland im Nordosten Englands, studierte Kommunikationswissenschaft. 1991 wanderte er nach Australien aus. Er war vor allem als Dokumentarfilmer tätig, bis ihm seine Frau anbot, für das Haushaltseinkommen zu sorgen, während er seinen ersten Roman schreibt. Dieser erschien 2011, und er wurde auch ins Deutsche übersetzt («Prime Cut», Nautilus, Hamburg 2015) und erhielt mehrere Preise. Es war der Start einer Serie um Cato Kwong, einen Ermittler der Polizei in Westaustralien mit chinesischen Wurzeln. Auch der zweite Kwong-Roman, «Getting Warmer» (2013), erschien auf Deutsch («Des einen Freud», Nautilus, Hamburg 2016). 2015 folgte ein dritter Kwong-Roman, dann der jetzt auf Deutsch erschienene «Marlborough Man» (2017), und 2018 kam der vierte Kwong-Roman. Alan Carter lebt in Westaustralien und im Marlborough District in Neuseeland.

Alan Carter: «Marlborough Man» (Original: «Marlborough Man», Fremantle Press, North Fremantle WA 2017). Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Suhrkamp, Berlin 2019. 383 S., ca. 23 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 19.06.2019, 13:46 Uhr

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