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Schweizer Literatur Ein Experiment wird preisgekrönt

Anna Stern erhält den Schweizer Buchpreis 2020 – in einer Corona-bedingten Geisterzeremonie. Eine merk- und fragwürdige Entscheidung.

Anna Stern gewann mit ihrem Roman «das alles hier, jetzt.» (Verlag Elster & Salis) den Schweizer Buchpreis 2020.
Anna Stern gewann mit ihrem Roman «das alles hier, jetzt.» (Verlag Elster & Salis) den Schweizer Buchpreis 2020.
Foto: Keystone

Die Verleihung des Schweizer Buchpreises bildete immer den Höhepunkt der Buch Basel. Im Corona-Jahr 2020 musste er ohne das internationale Festival stattfinden, und auch dem Festakt fehlte die Basis, nämlich die Zuschauer, die sonst das Foyer des Theaters Basel füllten. Auch das Schaulaufen der Nominierten fiel aus, weder wurden die Preisreden der Juroren verlesen, noch bibberten die Kandidaten wie sonst in der ersten Reihe, zwischen Furcht und Hoffnung gehalten von einer zwar etablierten, aber doch für die Beteiligten peinvollen Zeremonie.

So präsentierte allein vor einer Handvoll Medienvertretern im grossen leeren Foyer Hans Georg Signer, Präsident des mitstiftenden Vereins Literatur Basel, die Siegerin Anna Stern. Ihr vierter Roman «das alles hier, jetzt.», setzt sich mit dem Tod eines geliebten Menschen auseinander.

Man weiss nicht, welches Geschlecht die Figuren haben

Signer verlas auch die Begründung der Jury, die ausdrücklich das «originelle Erzählverfahren» hervorhob: einerseits die «zweispurige» Erzählweise (auf der jeweils rechten Seite stehen, in blasserer Druckfarbe, die Erinnerungen, auf der linken in kräftigem Schwarz die Versuche, mit dem Verlust fertigzuwerden), andrerseits komme der Text «über die gesamte Strecke ohne jede Gender-Fixierung der Figuren aus». Das bedeutet: Man weiss nicht, ob Ananke (der oder die Tote) und Ichor (Erzähler/-in?) männlich oder weiblich ist, dasselbe gilt für die weiteren Figuren, die Swan, Egg, Vienna oder Ash heissen.

Anna Stern, mit Jahrgang 1990 die Jüngste auf der Nominationsliste, ist Naturwissenschaftlerin, sie promoviert an der ETH Zürich über «integrative Biologie». Das Erkenntnismittel der Naturwissenschaft ist das Experiment, und ein solches stellt auch der Roman «das alles hier, jetzt.» dar.

Das hat der Jury ganz offensichtlich imponiert und die Konkurrenz, darunter die grossartig reich-komplexe «Zuckerfabrik» von Dorothee Elmiger und den Altmeister Charles Lewinsky mit «Halbbart», aus dem Feld geschlagen.

Zwischen Trockenheit und Gefühligkeit

Die Entscheidung für Stern eine Überraschung zu nennen, wäre noch stark untertrieben. Es ist eine merkwürdige, ja fragwürdige Entscheidung. Die Geschlechtszugehörigkeit zu vernebeln, ist literarisch so unergiebig wie die Aufspaltung des Leseflusses. Claude Simon und Terézia Mora, beide hoch preisgekrönt, haben früher ähnlich experimentiert, ähnlich fruchtlos. Das Lesegehirn lässt sich nun mal nicht zweiteilen.

Schaut man nun durch die Versuchsanordnung hindurch auf die Sprache des Buches, so fällt ein Schwanken zwischen Trockenheit («erinnerung wird nicht in nervenzellen, sondern in der extrazellulären matrix gespeichert») und Gefühligkeit auf, das zu keiner «ureigenen, unverkennbaren literarischen Handschrift» (Jury) führen will. Mag sein, dass Trauerarbeit genau dieses Schwanken ausmacht; aber ein Satz wie «eure tränen fallen in den abgrund zwischen tag und nacht und werden zu sternen, die in der dunkelheit leuchten» enthält doch etwas zu viel Sentimentalität für einen Schweizer Buchpreis.

5 Kommentare
    JLL

    "Geschlechteszugehörigkeit zu vernebeln, ist literarsch so unergibig wie die Aufspaltung des Leseflusses." Ein sehr dummer Satz!

    Dadurch, dass die Geschlechterzugehörigkeit nicht definiert wird, eine übrigens ziemlich einzigartige Technik, wie ich zu behaupten wage, sind die Lesenden auf sich selber zurückgeworfen. Ich habe einige Figuren sofort einem Geschlecht zugeordnet. Da das Geschlecht im Text aber nicht definiert wird, muss man die eigene Rollenbilder, die man offensichtlich ganz klar hat, hinterfragen und überprüfen. Eine sehr fruchtbare und spannende Auseinandersetzung mit sich selber.

    Auch die Behauptung, dass die Aufspaltung des Leseflusses literarisch unergibig sei, ist schlicht falsch. Was passiert dann in der Lyrik? Der letzte Satz aus Paul Celans berühmtes Gedicht "Du liegts im grossen Gelausche"?

    "Nichts

    stockt."

    Durch die Unterbrechung des Leseflusses werden riesige neue Welten geöffent. Hier so pauschalisierend von einer literatrisch unergibigen Technik zu sprechen, ist sehr befremdlich!