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Kolumne von Michèle BinswangerEin Fehler, der zu vermeiden ist

Die Gyms sind wieder offen – und damit holt einem das Versprechen ein, sich endlich wieder seriös dem Training zu widmen. Doch Übermut tut selten gut.

War ja dann auch langsam Zeit, dass wir uns vorsichtig in unseren neuen Post-Corona-Alltag vortasten. Dazu gehört auch, dass die Gyms uns neuerdings wieder willkommen heissenwenn auch unter Auflagen und mit der gebotenen Vorsicht. Nur dass es für viele Sportler mit der Vorsicht nicht weit her ist, seit die Gyms wieder geöffnet haben. Zumindest bei denen, die wie ich diesbezüglich etwas derangiert sind im Kopf.

Bei der mangelnden Vorsicht geht es übrigens nicht um das allfällige Ansteckungsrisiko. Das kann man mit der richtigen Planung und den angesagten Hygienemassnahmen in Schach halten. Ich meine vielmehr die Begeisterung, mit der sich ein gewisser Typ Amateursportler nach der Quarantänepause wieder ins Training stürzt.

Wenn ich ins Gym gehe, will ich mich in der Regel selber besiegen.

Wochenlang mussten wir mit Bändern Vorlieb nehmen, mit den bescheidenen Gewichten, die man im Haus hat, dem obligaten Waldlauf für die Psyche. Alles gut und schön. Aber sie haben uns gefehlt, die richtig schweren Jungs. Das metallene Klicken der Gewichte, wenn sie bei jeder Wiederholung auf dem harten Boden auftreffen. Wenn ich ins Gym gehe, will ich mich in der Regel selber besiegen, mir beweisen, dass ich es noch besser kann. Und da nach der Quarantäne diesbezüglich eine verdammte Niederlage zu fürchten ist, möchte man sich besonders hart anstrengen.

Das ist natürlich verlockend - endlich wieder einmal spüren, wie sich richtig schwere Gewichte anfühlen, wie sich ein Set anfühlt, wenn man wirklich bis zum Muskelversagen geht, der Rausch der Erschöpfung und das unvergleichliche Gefühl, wenn sich der Puls langsam wieder senkt und man wieder genug Luft bekommt. Aber besonders klug ist es nicht, vor allem nicht, wenn das Ziel ist, möglichst schnell wieder auf den Prä-Quarantäne-Trainingszustand zu kommen.

Wer sich nun Vollgas ins Training stürzt, riskiert nicht nur den Muskelkater seines Lebens.

Wer sich nun Vollgas ins Training stürzt, riskiert nicht nur den Muskelkater seines Lebens, der einen daran hindert, wieder zur alten Form zu finden. Er riskiert auch Verletzungen. Deshalb sollte, auch wer während der Quarantäne fleissig weiter trainiert hat, sich den ganz schweren Gewichten nur in kleinen Schritten nähern und ein paar leichtere Trainings absolvieren, bevor man wieder richtig einsteigt. Für viele mag das selbstverständlich seinund für jene, die wie ich nicht ganz richtig ticken diesbezüglich, lesen sie meine Warnung. Ich habe es getan und ich habe gelitten. Es war nicht schön. Und ich würde es auch nicht wieder tun.