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Interview mit Evolutionsbiologe«Ein frei laufender Hund darf grundsätzlich abgeschossen werden»

Dem Hund verzeihen wir alles, sagt Josef Reichholf. Wird das Haustier aber zum wolfähnlichen Geschöpf, ändert sich die Beziehung. Dann wird nicht mehr rational argumentiert.

Josef Reichholf mit Flake, dem Schäferhund seiner Tochter. Der Mischling Branko, der als Studienobjekt für das Buch diente, ist gestorben.
Josef Reichholf mit Flake, dem Schäferhund seiner Tochter. Der Mischling Branko, der als Studienobjekt für das Buch diente, ist gestorben.
Foto: Frank Bauer

Sie mögen Hunde, ich mag Katzen. Können wir uns trotzdem verständigen?

Keine Sorge, ich habe nichts gegen Katzen – im Gegenteil. In Europa sind Katzen beliebter als Hunde. Ihr Wechselspiel von Zurückhaltung und Verschmustheit fasziniert die Menschen. Um die Zuneigung der Katze zu erlangen, müssen wir auf sie zugehen. Der Hund hingegen ist immer bereit, auf Menschen einzugehen.

Diese Unbedingtheit macht ihn für viele wenig attraktiv. Bedienen Hunde nicht bloss unseren Narzissmus?

Natürlich. In der Erzählung «Herr und Hund» von Thomas Mann wird das beispielhaft geschildert. Dort wird in jeder Zeile deutlich, wie sehr der Erzähler Herr ist und sein Hund ihm zu folgen hat.

Ihr Buch trägt den umgekehrten Titel: «Der Hund und sein Mensch». Warum?

Der Hund kann sich besser auf den Menschen einstellen als die Katze und beeinflusst dadurch das menschliche Verhalten stärker. Das geht so weit, dass Kampfhunde, die auf Aggression dressiert sind, sich mit ihrem Schläger-Herrchen solidarisieren. Oder dass ein herausgeputzter Pudel zum Spiegelbild der Halterin oder des Halters wird. Nur wenn man dem Hund Eigenständigkeit lässt, merkt man, was für eine Persönlichkeit in ihm steckt.

Nicht der Mensch habe den Hund domestiziert, sondern der Hund sich selber, lautet Ihre These. Wie meinen Sie das?

Es spricht vieles dafür, dass in der späten Eiszeit kein aktives Jagen, Töten oder Domestizieren von Wölfen stattgefunden hat. Unter den Beutetieren der Menschen finden sich keine Knochen von Wölfen oder von hundeartigen Wölfen. Der Wolf hat sich vielmehr über Zehntausende von Jahren selbst den Menschen angenähert. Dabei blieb er ähnlich eigenständig, wie es heute die streunenden Hunde Afrikas, Asiens und Südosteuropas sind. Diese sogenannten Parias werden dort nicht als frei laufend, sondern als frei lebend betrachtet.

«Wir betrachten unsere Beziehung zu Tieren fast immer rein ökonomisch.»

In Indien haben Sie beobachtet, wie ein Mann auf einem Abfallberg ein aufgefundenes Brot mit seinem Hund teilt. Sie sehen dabei Parallelen zur Eiszeit. War unsere Beziehung zum Hund eine Arbeitsbeziehung ?

Ich habe Mühe mit dem Begriff «Arbeit» und würde eher von «Partnerschaft» sprechen. Die gibt es bis heute auch mit anderen Tieren. Bei Indianern im Amazonas habe ich partnerschaftliche Formen des Zusammenlebens von Menschen mit Papageien beobachtet. Die Vögel spielten mit den Menschen und flogen frei herum. Auch aus unseren Grossstädten gibt es Berichte über partnerschaftliche Nähe zwischen Menschen und Vögeln, die für die Menschen singen. Es gibt wechselseitige Beziehungen zu Tieren, die den Menschen keinen materiellen Gewinn bringen. Das ist heute schwer zu verstehen, weil wir unsere Beziehung zu Tieren fast immer rein ökonomisch betrachten.

Was stand denn am Anfang der Beziehung zum Wolf?

Eine emotionale Beziehung. Warum sollte es sonst zu einer Annäherung gekommen sein? Die Ansicht ist absurd, dass die Eiszeitmenschen sich vorgestellt hätten, dass aus dem Wolf einmal Hund werden könnte.

Aber die Wölfe hatten doch keine andere Wahl, als sich den Menschen anzunähern? Schliesslich hatte der Mensch ihre Beutetiere ausgerottet.

Das war keine Wahl, sondern eine evolutionäre Anpassung an die verfügbaren Ressourcen. Dabei hatte ein von Natur aus soziales Wesen wie der Wolf bessere Chancen als etwa die eiszeitlichen Bären. Diese wurden zurückgedrängt auf Restvorkommen und gelten heute bereits als Bedrohung, wenn sie sich auf die Hinterbeine aufrichten. Dann werden sie zum Abschuss freigegeben, wie das 2006 dem ersten Bären auf deutschem Boden seit 1835 widerfahren ist.

Das neue Jagdgesetz in der Schweiz soll den Abschuss von Wölfen erleichtern. Warum hat der Wolf ein schlechtes Image, wo der geliebte Hund doch von ihm abstammt?

Bei allen domestizierten Tierarten wurde die Wildtierform ganz oder weitgehend vom Menschen ausgerottet. Von den Wildformen von Kamel, Dromedar, Ziege oder Pferd ist nichts oder nicht mehr viel übrig. Die heutigen Wildpferde sind nicht die Stammart des Hauspferdes. Nur das Wildschwein hat es geschafft, in grösseren Beständen frei zu überleben. Wildschweine sind höchst effizient und lassen sich selbst mit Massenabschüssen nicht zurückdrängen.

«Wilde Tiere und Menschen wurden und werden ausgerottet.»

Warum diese Ausrottungswut?

Die Menschen mussten verhindern, dass es zu Rückkreuzungen kommt, welche die Nutztierbestände gefährden. Daher wird auch die Mischform von Wolf und Hund seit jeher als besonders gefährlich eingestuft, obwohl es sie kaum gibt. Das ist übrigens auch beim Menschen so. Sogenannte wilde Menschen wurden und werden ausgerottet. Bei der Eroberung Amerikas durch die Europäer waren sie sogar vogelfrei. Man billigte ihnen gerade noch zu, sich kurz vor der Exekution taufen zu lassen, damit sie nicht direkt in die Hölle fuhren.

Aber warum diese Hatz auf alles Wilde?

Die Kategorie «wild» bedeutet nichts weniger als «Entmenschlichung». Das geht letztlich auf den Konflikt zwischen Sesshaften und Nomaden zurück. Das Sesshaftwerden hat auch den Konflikt mit den Wölfen verursacht. Die Bauern mussten ihr Vieh gegen das Raubtier verteidigen. Dabei erhalten sie heute für jedes getötete Schaf eine grosszügige Entschädigung. Aber rationale Argumente greifen da nicht. Man sagt ja auch, der Wolf «reisse» das Schaf. Für das Schaf ist es aber irrelevant, ob es von Menschen geschlachtet oder vom Wolf «gerissen» wird. Tot ist tot.

«Wölfe haben in den letzten Jahren nie einen Menschen verletzt.»

Sie sehen das Wildschwein als Überlebenskünstler. Überlebt es, weil es weniger Schaden anrichtet als der Wolf?

Nein, der Aufschrei über Ernteschäden ist gross. Es gibt 26 Millionen Hausschweine in Deutschland und rund 1,3 Millionen in der Schweiz. Trotzdem meinen viele, ein paar Tausend Wildschweine könne das Land nicht ertragen. «Zum Glück» droht nun die afrikanische Schweinepest, die als Vorwand dient, um die Wildschweine auszurotten. Sonst könnte den armen Schweinen in der Massentierhaltung ja noch etwas passieren.

Der Hund wird vermenschlicht, der Wolf verteufelt. Ist er der böse Doppelgänger des Hundes?

Das kann man so sehen. Dabei sind es die Hunde, die jedes Jahr Zigtausende Verletzungen von Menschen bis hin zu Tötungen verursachen. Aber weil es Hunde sind, wird das als Kollateralschaden hingenommen. Wölfe haben in Deutschland und der Schweiz nie einen Menschen verletzt in den letzten Jahren. Sie bleiben trotzdem die gefürchteten «Bestien». Dabei könnte der Wolf schaffen, was den Jägern nicht gelingt: den Wildbestand so zu regulieren, dass die Wälder nicht verbissen werden und sich so zu klimastabileren Wäldern regenerieren können.

Verzeihen wir dem Hund alles?

Ja. Man kann das mit unserer Beziehung zum Auto vergleichen. Dass es auf deutschen Autobahnen kein Tempolimit gibt, fordert einen hohen Blutzoll und wird trotzdem nicht infrage gestellt. Schliesslich ist die Autoindustrie wichtig für das Land.

Ein gewagter Vergleich.

Natürlich. Aber er macht Eigenschaften des Menschen deutlich. Überall da, wo wir persönliche Vorteile und Vorlieben vertuschen wollen, argumentieren wir nicht mehr rational.

Immerhin: Jagen dürfen Hunde nicht.

Ein Hund soll sich eben nicht gleich verhalten wie ein Wolf. Der frei laufende Hund darf grundsätzlich abgeschossen werden, weil er als jagender Hund gilt – selbst wenn er vielleicht bloss einer läufigen Hündin nachrennt. Der frei lebende Hund scheint auf dem Rückweg zum Wolf, und das ist aus Sicht des Menschen inakzeptabel.

«Im Unterschied zu Menschen stellen Hunde kaum Ansprüche.»

Friedrich der Grosse hat gesagt: «Je mehr ich von den Menschen sehe, umso lieber habe ich meinen Hund.» Sind Hundeliebhaber von den Menschen enttäuscht?

Das ist häufig der Fall. Hunde sind für viele Menschen ein echter Sozialersatz für nicht mehr vorhandene Beziehungen zu einer Partnerin oder einem Partner. Der Hund geht immer auf den Menschen ein und ist grundsätzlich positiv eingestellt. Er stellt im Unterschied zu einem menschlichen Gegenüber kaum Ansprüche. Hunde dienen als Therapiehunde, weil sie emotional unverdächtig sind. Dies kann zum Beispiel Autisten helfen, sich anderen Menschen zu öffnen.

Die Ersatzbeziehung zum Hund ist aber doch eher einseitig.

Dafür wird man aber auch nicht infrage gestellt und muss womöglich sein Verhalten ändern, wie das bei einer Partnerschaft zu einem Menschen der Fall ist.

Manchmal werden Hunden Mäntelchen angezogen. Ist das Ausdruck der Sehnsucht nach einer menschlichen Beziehung?

Nein. Das sind häufig Verirrungen und Ausdruck des hohen Masses an Individualität und Exzentrizität, die sich Menschen in wohlhabenden Ländern leisten können.

In China werden Hunde gegessen. Warum diese Unterschiede?

Tierisches Eiweiss war in allen Reiskulturen rar. Daher wird dort alles gegessen, was Proteine enthält. Abfallverwerter wie Hunde, Schweine oder Geflügel sind eine wichtige Nahrungsgrundlage. Zugtiere wie Wasserbüffel hingegen haben einen relativ hohen Stellenwert – vergleichbar mit dem von Pferden in weiten Teilen Europas, die ja auch als Zugtiere dienten. Der Verzehr von Hundefleisch wird in China zurückgehen, je mehr Fleischkonsum sich die Chinesen leisten können. China ist der weltgrösste Schweinefleischproduzent und einer der grössten Rindfleischverwerter.

In Bern soll es gemischte Grabfelder von Mensch und Tier geben. Die Stadt will sie aber aus Pietätsgründen nicht neben «normalen» Grabfeldern. Haben Sie dafür Verständnis?

Nein. Da scheint mir die nötige Toleranz zu fehlen. Wir werfen ja auch Blumen in die Gräber, um unserer Wertschätzung für den Verstorbenen Ausdruck zu verleihen. Früher wurden Pferde und ganze Vorratslager in die Gräber gelegt. Wir neigen dazu, das heute regional Übliche als das Mass aller Dinge zu betrachten. Was bitte soll einen Toten stören, wenn im Menschengrab nebenan auch ein Hund mit begraben ist?

Es geht wohl eher um das Empfinden von Angehörigen.

Heute werden Gräber nach zwanzig Jahren wieder aufgelöst und an andere vergeben. Wie viel Pietät steckt denn noch im Grabeskult, wenn man die Belegung von Friedhöfen aus kommerziellen Gründen alle paar Jahre ändert? Da sehe ich in gemeinsamen Grabfeldern von Mensch und Tier eine vergleichsweise geringe Gefahr für Gefühle der Pietät.