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Islam in FrankreichEin Imam, der den Islamismus für eine Bedrohung hält

Der Rektor der Grossen Moschee von Paris, Chems-Eddine Hafiz, beklagt, dass gerade die jüngeren Muslime sich aus der Gesellschaft zurückzögen. Der Staat habe viele Problemviertel einfach aufgegeben. Nun muss Präsident Macron antworten.

Der Grundstein der Grossen Moschee von Paris wurde 1922 gelegt, die Finanzierung übernahm der Staat.
Der Grundstein der Grossen Moschee von Paris wurde 1922 gelegt, die Finanzierung übernahm der Staat.
Foto: Philippe Blanchot

Frankreichs ständiger Zank um den Islam wirkt in der Grossen Moschee von Paris zunächst weit weg. Im Innenhof spazieren Besucher unter Zypressen und Palmen, wer will, kann hier den ganzen Tag verbringen. Erst Massage, dann Couscous, zum Abschluss Tee und Baklava – zur Moschee gehören auch Hamam und Restaurant. Doch im Büro von Chems-Eddine Hafiz dominieren die schweren Themen. Als der 66-jährige Anwalt im Januar zum neuen Rektor der Grossen Moschee gewählt wurde, veröffentlichte als eine seiner ersten Amtshandlungen Vorschläge zur Radikalisierungsprävention.

Kurz darauf lud Chems-Eddine Hafiz zum Gespräch in sein Büro. Präsident Emmanuel Macron hatte angekündigt, eine Grundsatzrede zum «islamistischen Separatismus» zu halten, Chems-Eddine Hafiz wollte die Gelegenheit nutzen, Journalisten und die Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass auch er den Islamismus für eine Bedrohung hält – für Frankreich und für die Muslime Frankreichs. Und dass er auf eine Zusammenarbeit mit den Behörden hofft, um neue Rahmenbedingungen für die Organisation der Moscheen zu schaffen.

Warten auf die Rede Macrons

Ein halbes Jahr später verharrt der Rektor der Moschee immer noch in Erwartungshaltung. Macrons grosse Islamrede ist das meistverschobene Ereignis der bisherigen Amtszeit. Seit drei Jahren wird sie angekündigt, nun, am Freitag soll sie tatsächlich kommen. «Wir warten ab, wie alle anderen auch», heisst es aus Chems-Eddine Hafiz’ Büro am Telefon.

Der Kontext, in dem Macron sich äussern wird, ist nicht unkomplizierter geworden. Vor sieben Tagen erschütterte erneut ein islamistisch motivierter Angriff das Land. Vor den ehemaligen Büroräumen der Redaktion von «Charlie Hebdo» wurden ein Mann und eine Frau mit einer Axt angegriffen. Der Täter kannte seine Opfer nicht, mit «Charlie Hebdo» hatten diese nichts zu tun. Doch der Täter gab an, aus religiösen Gründen gehandelt zu haben, um die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen durch das Satiremagazin zu rächen. Kurz davor war eine Umfrage veröffentlicht worden, in der sich französische Muslime zu ihrem Verhältnis zum Staat äusserten. Bei den unter 25-Jährigen zeigten sich radikale Positionen: 45 Prozent sagten, der Islam sei «inkompatibel mit den Werten der französischen Gesellschaft». Und so wurden in den Fernsehdebatten Terror und Islam wieder in einem Atemzug genannt, als handele es sich um eine untrennbare Einheit.

«Wir leben seit über einem Jahrzehnt in einer schweren wirtschaftlichen Krise.»

Chems-Eddine Hafiz, Rektor der Grossen Moschee von Paris

«Ich glaube, dass wir in Frankreich ein Problem damit haben, dass gerade die jüngeren Muslime sich aus der Gesellschaft zurückziehen», sagt Chems-Eddine Hafiz. «Und ich glaube, dass wir dieses Problem nicht lösen, wenn wir weiterhin immer nur mit dem Finger auf die Muslime zeigen.» Für ihn nutzen diejenigen, die in den verarmten Hochhaussiedlungen einen radikalen Islam predigen und die Republik zum Feind erklären, schlicht die Perspektivlosigkeit in weiten Teilen der Banlieue aus. «Wir leben seit über einem Jahrzehnt in einer schweren wirtschaftlichen Krise, und der Staat hat viele Problemviertel einfach aufgegeben», sagt Chems-Eddine Hafiz. Was aus seiner Sicht gegen die Rekrutierungsversuche von Salafisten und anderen radikalen Gruppen hilft: «Junge Muslime müssen die Gelegenheit bekomme, ihre Religion besser kennen zu lernen. Und wir Muslime müssen dem Rest Frankreichs unsere Religion besser zugänglich machen.»

Hofft auf eine Zusammenarbeit mit den Behörden: Chems-Eddine Hafiz.
Hofft auf eine Zusammenarbeit mit den Behörden: Chems-Eddine Hafiz.
Foto: PD

Chems-Eddine Hafiz ist nicht Leiter einer muslimischen Luxusoase auf der schicken Pariser Rive gauche. Zur Gemeinschaft der Grossen Moschee von Paris zählen insgesamt 400 Moscheen in ganz Frankreich, Chems-Eddine Hafiz ist der Chef eines guten Drittels der 1000 französischen Imame. Man könnte denken, dass sein Wort in den medialen Debatten Gewicht hat. Doch als er zu Beginn des «Charlie Hebdo»-Prozesses im «Figaro» einen Gastbeitrag veröffentlichte, in dem er dem Satireblatt wünschte, es möge «weiterschreiben, weiterzeichnen, weiterleben», findet das nur bescheidene Beachtung. Er wendet sich auch an diejenigen «die sich Freunde der Muslime nennen» und die die Terrorakte nicht klar verurteilen. «Inwiefern hilft es der Sache der Muslime, wenn Zeichner ermordet werden?», fragt Chems-Eddine Hafiz. Es sind klare Worte, die im medialen Tumult untergehen, in dem nur die schrillste Meinung zählt.

«Wir sind uns selbst überlassen»

Die Schwierigkeiten, vor denen die Grosse Moschee steht, sind in Teilen dieselben, mit denen sich auch die französische Regierung konfrontiert sieht: Wie kann ein laizistischer Staat Einfluss auf die Religion nehmen? Meist wird diese Frage als Problem der inneren Sicherheit diskutiert. Macron wird sich in seiner Rede zum Islam auf den «Separatismus» konzentrieren, also auf die Fälle, in denen unterm Deckmantel der Religion gegen die Republik agitiert wird. Aus Sicht Chems-Eddine Hafiz’ besteht jedoch auch für die grosse Mehrheit der Muslime, die ihre Religion schlicht als Privatsache betrachten, Handlungsbedarf. Die strenge Trennung von Kirche und Staat erschwert für die Muslime die Finanzierung der Moscheen, die Ausbildung der Imame. «Wir sind uns selbst überlassen», sagt Chems-Eddine Hafiz.

Davon, wie anders das Verhältnis zwischen den Muslimen und der französischen Republik begann, zeugen das Minarett und die Mauern der Grossen Moschee von Paris. Der Grundstein wurde 1922 gelegt, die Finanzierung übernahm der Staat – den Zehntausenden Muslimen zum Dank, die im Ersten Weltkrieg in den Reihen der französischen Armee gefallen waren.

21 Kommentare
    Gabor von Zoltan

    Je länger mit der überfälligen Reaktion gewartet wird, desto höher der Preis.