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Sweet Home: UnterwegsEin langes Wochenende in Guarda

Einfach mal weg: Kaum kommt man in diesem Engadiner Dorf an, ist alles anders. Ein Bericht aus den Bergen.

Dies ist der erste Blogbeitrag, den ich schreibe, ohne dass unser Hündchen Miss C. in meiner Nähe sitzt. In den Anfangszeiten von «Sweet Home» erreichte mich – damals noch auf meinem privaten Handy – ein Kommentar von einem Leser, der meinte, dass man von jemandem, der ein Hündchen namens Miss C. hat, nicht viel erwarten könne. Doch Miss C. inspirierte mich zu vielen Geschichten, begleitete mich fast immer und überall und «Sweet Home» wurde ein Erfolg. Auch meine kleine Geburtstagsreise letzte Woche nach Guarda planten wir zu dritt. Sie sollte für uns alle einen Tapetenwechsel in Zeiten von Corona bieten. Doch Miss C. ist kurz davor gestorben.

Mein Mann und ich reisten dennoch ins Unterengadin. Denn Guarda ist ein guter Ort, um Kraft zu schöpfen. Das Bündner Dorf ist wohl eines der schönsten in der Schweiz. Wir entdeckten es vor vielen Jahren. Damals hatte in unserer Küche der Toaster und somit ein Teil der Küchenschränke gebrannt, der Winter war ausserordentlich kalt und unser Zuhause fürchterlich ungemütlich. Ein Arbeitskollege empfahl mir das Unterengadin für eine kleine Fluchtreise – und so wurde Guarda zu einem unserer Lieblingsorte. Das hat viel damit zu tun, dass es einfach schön ist. Und zwar überall. Bevor Miss C. zu uns kam, reisten wir oft nach Amalfi. Beide Orte sind unterschiedlich, strahlen aber, zumindest für uns, eine einzigartige Stärke und Schönheit aus.

Kaum kommt man in Guarda an, ist alles anders. Und schön. Egal wohin man schaut, in welche Richtung man sich dreht: Schönheit pur. Jeder Blick offenbart ein Bild, eine Postkarte, einen unvergesslichen Eindruck. Jedes Detail hat eine besondere Eleganz. Wie ich in diesem Blog schon oft erwähnte, entsteht Eleganz mit der Zufälligkeit, der Selbstverständlichkeit und sie ist nie aufgesetzt. Gerade in der heutigen Zeit, in der Geld, Glamour und Glanz die wahre Schönheit und echte Werte häufig ersetzen, tut es gut, letztere wieder zu finden.

Natürlich braucht man an seinen Lieblingsorten auch ein Zuhause. Und wenn es ums Zuhause geht, bin ich sehr konservativ. Habe ich einmal ein Hotel, eine Wohnung oder ein Restaurant gefunden, in dem ich mich wohlfühle, dann komme ich immer wieder zurück. Am liebsten ins gleiche Zimmer oder an den gleichen Tisch. In den Restaurants bestelle ich gar gerne das gleiche Lieblingsmenü. Das bedeutet nicht, dass ich nicht offen bin für Neues oder für Veränderungen, aber eben – jeder hat seine Schwächen.

So logieren wir auch in Guarda immer im Hotel Meisser. Es war unser erstes Zuhause, damals in diesem kalten Winter mit der abgebrannten Küche. Seit dieser Zeit hat sich einiges geändert. Die Zimmer sind viel moderner geworden, zeigen aber die gleiche Wärme und Entspanntheit wie früher. Auch hat sich das Hotel zu einem «Resort» vergrössert. Das beutetet, dass Wohnen und Ferien in verschiedenen Kategorien möglich sind: klassisch im Hotel, chic in den Suiten und unkompliziert in der Lodge.

Was fast unverändert geblieben ist, ist der traditionelle, uralte, rustikal-elegante Speisesaal. Er zeigte sich jetzt in einem sehr gelungenen Corona-Konzept. Alles ist mit Musselin-Vorhängen unterteilt und locker auseinander geschoben. Keine Plastikwände, dafür eine charmante Privatsphäre, die genügend Abstand und Sicherheit bietet.

Die Wege in der schönen Berggemeinde sind umsäumt von Blumen. In Gärten spazieren Hühner herum und die Grenzen zwischen der Natur und von Menschen geschaffenen Dingen verfliessen auf natürliche Weise.

Tritt man aus dem Haus, kann man direkt in die fantastische Bergwelt spazieren. Wunderschön wird auf diesem Bild erkennbar, wie das Dörfchen Guarda in den Bergen thront. Dank den silbern glänzenden Dächern wirken die Häuser wie Felsen oder riesige Steinbrocken.

Die hübschen Häuser, jedes für sich und ganz anders, zeigen sich geschmückt. Entweder sind die Fassaden bemalt oder mit Sgraffito-Technik verziert. Blumen wachsen davor aus dem Boden oder aus Töpfen und auf den Fenstersimsen aus hübschen Kistchen.

Besonders zauberhaft sind die kleinen Erker, die immer Ornamente zeigen. Ganz am Anfang, als wir Guarda entdeckten, nahm ich an einer Führung durch das Dorf teil. Da lernte ich auch etwas über die Funktion dieser Erkerfenster: Bei den Engadiner Häusern ist der Ausblick sehr wichtig. Ein entscheidender Moment im dörflichen Alltag war der Gang zum Dorfbrunnen. Dieser war streng geregelt; jeder hatte seinen Platz in der Reihenfolge. Um aber zu sehen, ob man denn nun an der Reihe war, musste man Sicht auf den wichtigen Brunnenplatz haben. So gibt es bei jedem Haus einen kleinen Vorsprung mit Fensterchen, die nicht auf die Strasse gerichtet sind, sondern zum Brunnen.

Dieses Haus, das ein bisschen ausserhalb des Dorfes steht, gefällt mir persönlich besonders gut. Es ist anders und erinnert mich durch seine runden Formen ein bisschen an Schlagrahm auf einem Kuchen. Erstaunlich ist, dass hier immer noch der Flieder blüht und duftet – und das im Juli!

Die Rosen wachsen in den Bergen wild. In den meisten Blüten summen Bienen und Hummeln. Sonst aber blieb uns dieses Mal die Tierwelt der Berge verschlossen. Es war immer Miss C., die die Murmeltiere, die Rehe, die Vögel und Katzen entdeckte.

Ein schöner Spaziergang, der, wenn man noch weiter gehen würde, auch eine fantastische Wanderung wäre, führt hinauf in Richtung Alpen. Auf denen weiden jetzt im Sommer die Kühe. Ganz oben auf einer Hochebene, auf der anderen Seite des Bergbaches, erreichte ich die Alpenrosen.

Die ganze Hochebene leuchtete in allen Farben. Die Wiesen waren über und über mit den allerschönsten Blumen bewachsen. Ein Naturwunder. Wenn man an solchen Orten ist, dann spürt man die ganze Anmut der Schweizer Natur. Hier geht es nicht um Sport, Events oder Action, sondern einfach nur um die Schönheit. Meiner Meinung nach bringt diese Glück und Kraft.

Mitten durch die Blumenpracht rauscht ein silbern schäumender Bergbach, an dessen Ufern die Steine wie Schmuck glitzern.

Die Natur in der Unterengadiner Bergwelt wirkt auf mich wie natürliche «Haute Couture». Die Steine am Bergbach schillern wie Juwelen, die bunten Blumen in der Wiese sehen aus wie kunstvolle Stickereien und die Wiesenwege sind mit weissen Wiesenblüten eingefasst, die wie Spitzenrüschen wirken.