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Kommentar zur Krisenkommunikation des BAGEin miserabler Pädagoge

Die Behörden erlauben sich in der Corona-Kommunikation einen Fehler nach dem anderen – und pochen dennoch streng auf die Einhaltung ihrer Regeln. Solche Willkür macht die Bürger wahnsinnig.

Sich die Daten aus den Fingern saugen: BAG-Chef Pascal Strupler.
Sich die Daten aus den Fingern saugen: BAG-Chef Pascal Strupler.
Foto: Urs Baumann (BZ)

In der Erziehung gibt es zwei Grundprinzipien, die Pädagogen wie ein Mantra wiederholen: Konsistenz und Konsequenz. Gemeint ist, dass Erziehung auf gleichbleibenden und stimmigen Grundsätzen beruhen soll. Und dass spezifisches Verhalten entweder belohnt oder bestraft wird.

In der Corona-Krise ist der Staat in die Rolle des Erziehenden geschlüpft und bemüht sich seither, uns, seine Schutzbefohlenen, zu einem möglichst sicheren Verhalten zu erziehen. Staatsmännisch wandte man sich im März per Radio an seine Schäfchen. «Bleiben Sie zu Hause!» hiess es da, flankiert wurde die Botschaft von einer flächendeckenden BAG-Schutzkampagne. Doch Erziehung ist keine Momentaufnahme, sie erweist ihre Stärken oder Schwächen erst im Verlauf der Zeit und vor allem natürlich im Stresstest. Unter diesem Gesichtspunkt ist die staatliche Erziehungsleistung katastrophal.

Reine Willkür

Was einigermassen funktionierte, war der Punkt «Konsequenz». «Corona-Sünder» wurden gebüsst. Wer aus einem Risikoland stammt, darf nur zu Partner oder Partnerin in die Schweiz reisen, wenn das Paar Beweise für seine Beziehung vorlegt. So weit, so gut. Doch wenn Konsistenz fehlt, also Regeln mehr oder weniger willkürlich geändert werden, verkommt die Konsequenz zur reinen Willkür und verstärkt die Unsicherheit, der sie eigentlich entgegentreten wollte. Das war hier der Fall.

Es begann mit den Masken, die im März noch nicht verfügbar waren, weshalb man ihren Schutzeffekt leichtfertig herunterspielte, nur um den Mund-Nasen-Schutz später zum heiligen Gral im Kampf gegen die Pandemie zu erklären. Noch deutlicher zeigte sich die fehlende Konsistenz aber in den Zahlen. Von Anfang an tat sich das BAG schwer, von den Kantonen zuverlässige Daten zu bekommen und entsprechend belastungsfähige Statistiken präsentieren zu können.

Das mag zu Anfang der Pandemie verständlich gewesen sein, aber offensichtlich hat man wenig daraus gelernt: Am Wochenende musste sich das BAG erneut korrigieren. Zuerst hatte man behauptet, die meisten Ansteckungen erfolgten im Ausgang und in Clubs, nun heisst es, die Familie sei der häufigste Ansteckungsort. Niemand weiss, ob nicht auch diese Aussage bald widerrufen wird. Und wie Kinder lernen wir Schutzbefohlenen dadurch vor allem eines: Auf die Informationen des BAG ist kein Verlass.

Streit wegen der Maske

Dieses Versagen ist einerseits der dynamischen Situation geschuldet: Wissen zu erlangen, braucht Zeit, und vor allem braucht man dazu genügend Daten, die offensichtlich (noch) nicht zur Verfügung stehen. Das zeigt sich auch in den täglichen Ansteckungsraten, die nach wie vor absolut kommuniziert werden, eigentlich aber nur aussagekräftig sind, wenn man sie auch in Relation zur Anzahl absolvierter Tests setzt: Denn wenn die Ansteckungsraten absolut zunehmen, dies aber damit zu tun hat, dass auch viel mehr Tests gemacht werden, ist diese Information entscheidend. Und hier sind wir beim grundsätzlichen erkennungstheoretischen Problem: Wissen ist immer nur etwas wert, wenn es auch seine eigene Bedingtheit reflektiert.

«Weil ich im Recht bin und Sie nicht!»

Pendlerin, die auf einen Maskenverweigerer losging.

Unverständlich bleibt deshalb, warum diese Unsicherheitsfaktoren nicht mit kommuniziert werden. Warum man eine Sicherheit vorgaukelt, die nicht gegeben ist, indem man Halbwissen als unumstössliche Gewissheit verkauftnur um sie nach ein paar Tagen doch wieder zu korrigieren. Denn so beängstigend und verwirrend die Situation für alle ist, die Unsicherheit macht sie nur noch verwirrender und steigert Aggression und Misstrauen in der Bevölkerung.

So kam es vergangene Woche in einem Zug von Basel nach Zürich zum Beinahe-Handgemenge, nachdem eine Frau mit Maske einen Passagier ohne Maske aufs Aggressivste anging. Der Mann versuchte zwar noch zu sagen, er könne die Maske aus gesundheitlichen Gründen nicht tragen und sie solle doch ihren Mitmenschen etwas achtsamer begegnen, doch brüllte sie ihn nieder: «Ich bin im Recht und Sie nicht!» Schliesslich mussten andere Passagiere den Mann aus dem Abteil begleiten, um eine weitere Eskalation zu verhindern.

Da die Unsicherheit uns noch eine Weile begleiten wird, sollte man sich vielleicht auf zwei andere Prinzipien aus der Erziehungswissenschaft besinnen: Empathie und Achtsamkeit. Gerade in der Krise haben wir das wohl nötiger denn je.

83 Kommentare
    Werner Bechtel

    Sehr gut geschrieben Michèle Binswanger danke. Woher kommt das Virus? Sicher nicht vom Rütli. Darum sind Grenzen ein wichtiges Thema, Darum stand die Schweiz Weltweit im März am schlechtesten da, pro 1 Mio Einwohner.