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Schauspieler schreibt BuchEin winziges
bisschen doof

Matthew McConaughey, gefeierter Charakterdarsteller mit Surferbody und herrlich verstrahltem Gewinnerlächeln, hat ein Buch geschrieben. Es enthält wilde Storys und tiefschürfende Weisheiten.

US-Schauspieler Matthew McConaughey hat jetzt auch ein Buch geschrieben.
US-Schauspieler Matthew McConaughey hat jetzt auch ein Buch geschrieben.
Foto: Keystone

Wer Matthew McConaughey mag, kann Gewinner nicht ablehnen. Er ist der FC Bayern unter den amerikanischen Schauspielstars, ein gut aussehender Sonnyboy mit dem Körper eines Surfers, der etwas beunruhigend Zuversichtliches ausstrahlt. Natürlich lauert etwas Abgründiges dahinter, man ahnt, dass die zur Schau getragene Gelassenheit nur Fassade ist. Als er seine Zerbrechlichkeit nach vielen, vielen Romantic Comedys 2013 einmal krass zur Schau stellte und sich für die Rolle eines HIV-Infizierten in «Dallas Buyers Club» fast zur Unkenntlichkeit herunterhungerte, bekam er auf der Stelle einen Oscar und ist spätestens seitdem einer der gefragtesten Charakterdarsteller unserer Zeit.

Jetzt hat er die Welt mit seinem ersten Buch überrascht. In Anlehnung an das grüne Licht von Verkehrsampeln heisst es «Greenlights». So heisst seine selbsterfundene Lebensphilosophie. Die Theorie besagt, etwas Simples noch mal vereinfachend, idealerweise solle man all seine Handlungen so takten, dass man eine grüne Welle erwischt.

Surferbody, Gewinnerlächeln: Matthew McConaughey.
Surferbody, Gewinnerlächeln: Matthew McConaughey.
Foto: LMD

Klingt ein bisschen nach Kifferhumor. Ist aber ernst gemeint. Vielleicht hat Matthew McConaughey einfach den Highschool-Studenten in sich bewahrt, und dagegen wäre ja nichts zu sagen. So hielt er es beispielsweise auch für eine gute Idee, zwischen den Buchseiten immer wieder Faksimiles aus seinen Tagebüchern der letzten 35 Jahre zu zeigen. Oder auch einfach Zettelchen, auf denen pseudophilosophische Einsichten stehen. Etwa: «Manchmal müssen wir das, was wir wissen, verlassen / um herauszufinden, was wir wissen.» Oder: «Nicht nur, was wir tun, auch was wir nicht tun ist wichtig.»

Als Werk eines Zwölfjährigen, der gerade eben seinen ersten Joint rauchend Hesse entdeckt, wäre das beachtlich. Wenn man weiss, dass es ein 50-jähriger Familienvater veröffentlicht, wirkt es leider schon ein winziges bisschen doof. Aber wenn man dann wiederum weiss, dass dieser 50-jährige Familienvater Matthew McConaughey ist, werden selbst die dürftigsten Zweizeiler und Ted-Talk-Merksätze erträglich, weil er selbst so aufrichtig begeistert darüber zu sein scheint, dass es einen mitreissenden Charme hat. Oder sagen wir: einen entwaffnenden Charme.

Entwaffnender Charme: Matthew McConaughey auf der Titelseite der Zeitschrift «People».
Entwaffnender Charme: Matthew McConaughey auf der Titelseite der Zeitschrift «People».
Foto: Keystone

Und: Matthew McConaughey ist ein grossartiger Erzähler. Seine Kapitel fangen oft an, als erzähle einem eine Stimme aus dem Off etwas Tiefgründiges – und dann springt er mitten in die Szene. «Ich habe ein paar Narben davongetragen im Rodeo des Menschseins», so beginnt das Buch. Und drei Zeilen später ist man schon drin in seiner Kindheit, die von der stürmischen Ehe seiner Eltern geprägt wurde: «Ich bin der jüngste von drei Brüdern und Sohn von Eltern, die zweimal voneinander geschieden wurden und einander dreimal heirateten.» Und man hört ihm zu, als würde man nachts um ein Lagerfeuer sitzen, und dann fängt der ältere Bruder mit den Geschichten an.

Vorbild Matthew

Geboren wurde McConaughey am 4. November 1969 in Texas. Sein Vater arbeitete auf der alleruntersten Stufe der Ölindustrie; er verkaufte Ersatzteile für Rohre. Er sollte für immer das grosse Vorbild für seinen Sohn Matthew sein, dessen andere beiden Vorbilder waren seine Brüder – der Altersunterschied zum Erstgeborenen beträgt 16 Jahre. Und so lässt sich das Buch als Anleitung zum Männlichsein lesen. Es erzählt vom unermüdlichen Versuch, ein guter Mann zu werden.

Und darunter versteht McConaughey, dass man mutig ist, Vater wird, Abenteuer besteht, allein sein kann, meinetwegen mal flunkert oder das Gesetz bricht, aber niemals lügt. Männlichkeit ist bei Matthew McConaughey ein Konstrukt, ein Ideal, dem man nacheifert. Gut möglich, dass es das immer ist – «Ein Mann soll in seinem Leben einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und einen Sohn zeugen» ist auch nichts anderes. Bei McConaughey bekommt man es jedenfalls auf wunderbar unterhaltsame Weise vorgeführt.

Er ist irgendwie selbst wie eine Figur aus einem Film – die niemand so gut spielen könnte wie Matthew McConaughey.

«Ich habe in Real de Cantorce, Mexiko, in einem Käfig mit einem Berglöwen Peyote genommen. Ich wurde mit 78 Stichen in der Stirn von einem Tierarzt genäht. Ich hatte vier Gehirnerschütterungen von Stürzen von vier Bäumen, drei davon bei Vollmond. Ich habe nackt Bongos gespielt, bis ich verhaftet wurde. Ich habe mich dieser Verhaftung widersetzt.»

Diese Aufzählung empfängt einen gleich auf der zweiten Seite wie eine Lockerungsübung. Als Kind wird er ein dreizehn Stockwerke hohes Baumhaus bauen, aus gestohlenem Holz natürlich, und später, da ist er schon erfolgreicher Schauspieler, vier Jahre in seinem Airstream leben, einem Luxus-Wohnwagen, in dem er Regisseure trifft und Drehbücher auf der Autobahn bespricht. Natürlich haben es ihm der Amazonas und Afrika angetan. Er ist irgendwie selbst wie eine Figur aus einem Film – die niemand so gut spielen könnte wie Matthew McConaughey.

Star zahlreicher Liebeskomödien wie zum Beispiel «Ghosts of Girlfriends Past».
Star zahlreicher Liebeskomödien wie zum Beispiel «Ghosts of Girlfriends Past».
Foto: VQH

Am besten in seinem Buch sind die Szenen aus seiner Kindheit, zum Teil sehr drastische Dinge, die er dem Leser direkt und ohne Umschweife erzählt. Als Vierjähriger wurde er Zeuge eines gewalttätigen Ehestreits seiner Eltern, in dem ein Messer als Waffe benutzt wurde und zuletzt Vater und Mutter teils blutig, teils Ketchup-triefend auf dem Küchenboden lagen.

Er verliess das Zimmer, als die beiden auf einmal begannen, in dieser Situation auf dem Boden ineinander verkeilt Liebe zu machen. «So haben meine Eltern kommuniziert.» In seiner Familiengeschichte, die ihre Wurzeln in Irland hat und über England nach Amerika führt, habe es niemand Vornehmes gegeben, dafür aber jede Menge Viehdiebe, Glücksspiele auf Flussbooten und einen Al-Capone-Bodyguard. «Wir umarmen uns und küssen uns und kämpfen miteinander und streiten. Aber wir schmollen nicht lang.»

Sein Vater starb, als Matthew 21 Jahre alt war.

Von seiner Mutter kann man, was Kindererziehung angeht, viel lernen. So gab sie ihren Söhnen mit auf den Weg, sie sollten nie in ein Haus kommen und so wirken, als überlegten sie, es sich zu kaufen – sie sollten reinkommen, als ob es ihres sei. Als Neunjähriger nahm Matthew McConaughey an einem «Little Mr. Texas»-Wettbewerb teil – und brachte die Siegestrophäe nach Hause.

Sie bekam einen Ehrenplatz in der Küche. Jeden Morgen, wenn er zum Frühstück kam, zeigte seine Mutter auf den Pokal und sagte: «Wen haben wir denn da? Hier kommt der Gewinner von Little Mr. Texas!» Im Buch ist ein Beweisfoto, auf dem er als kleiner blonder Junge mit grossem Cowboyhut stolz den Pokal hält. Erst kürzlich, im Alter von 50 Jahren, zoomte Matthew McConaughey am Computer auf die Aufschrift des Pokals: «Little Mr. Texas 1977 – zweiter Platz.» Er ist sich sicher, dass er wurde, wer er ist, weil ihn seine Mutter als Sieger erzogen hat.

Sein Vater starb, als Matthew 21 Jahre alt war und gerade seinen ersten Film drehte, Richard Linklaters «Dazed and Confused». Den beruflichen Erfolg seines jüngsten Sohnes hat er nicht mehr mitbekommen. Sein Tod soll genauso gewesen sein, wie er ihn sich gewünscht hatte: im Ehebett, beim Sex, sozusagen auf dem Höhepunkt. Das ist entweder wirklich passiert oder aber so schön ausgedacht, dass es so gut wie wahr ist. Und genau das lässt sich aus «Greenlights» lernen, dem Buch eines Zweitplatzierten, der im Glauben aufwuchs, der Sieger gewesen zu sein: Man kann sich sein Leben auch so erzählen, dass man immer gewinnt.

Matthew McConaughey: Greenlights. Verlag Headline, ca. 25 Fr. (nur Englisch).