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Der Künstler Olafur Eliasson lässt Kinder sprechenEin Wohlfühlkünstler, der aufrütteln will

Mit einem Kunstprojekt im Internet, das an Kinder gerichtet ist, will Olafur Eliasson auf Umweltprobleme hinweisen. Dass er selbst ein geradezu kapitalistischer Unternehmer ist, nimmt er als Widerspruch hin.

Olafur Eliasson begeistert immer wieder mit grossen Installationen, die sich von der Natur inspirieren lassen.
Olafur Eliasson begeistert immer wieder mit grossen Installationen, die sich von der Natur inspirieren lassen.
Foto: Franca Candrian

Wenn das Nutellaglas zu reden beginnt, vergeht auch den Schokosüchtigen der Appetit. Es sei aus Palmöl, sagt es, was der Umwelt schade, deshalb sollen die Kinder sich bitte ein anderes Frühstück suchen. Die Anklage kommt selbst von einem Kind, sie ist Teil eines Kunstprojekts von Olafur Eliasson. Der gebürtige Isländer mit Wohnsitz Berlin fordert Jungen und Mädchen in aller Welt auf, Videos aufzunehmen und mit Gesichtern im Kindchenschema zu animieren.

So spricht das Gartenbeet, ein Globus, eine Plastiktüte oder auch die Hauskatze zur Welt, belebt von Kinderstimmen. Zumeist sind Forderungen, Appelle und Vorwürfe zu hören, und sie richten sich vornehmlich an die Erwachsenen, die sich die Welt so eingerichtet haben, wie sie ist. Hauptsorge der Teilnehmenden ist die Umwelt, vom Artensterben über Ressourcenverschwendung bis zur Klimapolitik.

Initiiert hat das Projekt Deutschlands Aussenminister Heiko Maas, Anlass ist die deutsche Ratspräsidentschaft für die EU. Bestückt wird das vielstimmige Werk von Kindern in 24 Sprachen via App. Es lässt sich unter der Adresse https://earthspeakr.art im Netz erleben, aber auch an öffentlichen Orten.

Kunst soll bewegen und verändern

Der Künstler verlässt mit der interaktiven Auftragsarbeit die Kunstsphäre im strengen Sinne, die politische Absicht ist dem Werk eingeschrieben. Das passt zur Biografie des 53-Jährigen, der sich seit langem fragt, wie Kunst nicht nur ihr Publikum bewegen, sondern auch etwas verändern kann. So bat er auf der Venedigbiennale vor drei Jahren Flüchtlinge, gemeinsam mit Studierenden Lampen für Afrika zusammenzubauen – was gut gemeint sein mochte, aber den befremdlichen Effekt hatte, dass die Besucherinnen und Besucher der Biennale die zumeist schwarzen Arbeiter anstarrten, als wären diese auch ausgestellt.

Berühmt wurde der in Dänemark aufgewachsene und ausgebildete Eliasson mit einem mehrdeutigen Werk: einer riesigen künstlichen Sonne, welche die 35 Meter hohe Turbinenhalle der Tate Modern in London verwandelte und den englischen Winter 2003/04 gleich mit. Zwei Millionen Menschen erlebten die schummrige Kunstsonne, legten sich auf den Boden, machten hier Yoga, liessen die Seele baumeln. Eliasson hatte ein Gemeinschaftserlebnis ohne Zwang ermöglicht, man konnte hier über das Verhältnis von Kunst und Natur nachdenken oder einfach nur darüber, wie gut ein bisschen Musse tut.

Kein monumentaler Kitsch

Der Künstler selbst dachte dabei wohl auch an das sommerliche isländische Licht, das Haus seiner Grosseltern nahe Reykjavik, die erkaltete Lava und die Gletscher des Landes. Es ist diese alte Naturerfahrung, von der er sich nährt – ohne dabei je zu verschleiern, welch eine technische Maschine es ist, die hinter vielen seiner Arbeiten steckt. Der ruhige Däne werkelt nicht allein im Studio, er beschäftigt in Berlin ein vielköpfiges Unternehmen für seine aufwendigen Projekte rund um den Globus. Er ist ein Kunstunternehmer im grossen Stil, ein kapitalismuskritischer Erfolgskünstler, einer, der die Welt mit viel Materialaufwand bewahren und doch auch gerne verschönern will.

Solche Widersprüche sind Teil der Arbeit von Olafur Eliasson, er leugnet sie gar nicht. Die Gefahr, zum Wohlfühlkünstler zu werden, ist ihm wohl selbst bewusst. Es reizt ihn offenkundig, Massen erreichen zu können wie nur wenige seiner Kollegen, doch in beschönigenden, monumentalen Kitsch abdriften will er auf keinen Fall. So variiert er etwa seine künstlichen Wasserfälle immer wieder, die von New York bis São Paulo zu erleben sind, verkleinert sie, lässt sie spielerischer werden als noch vor einigen Jahren.

Er reagiert auf das, was sein Publikum tut, Kunst ist für Eliasson immer ein direkter Austausch. So passt auch die App mit den Kinderstimmen in sein Œuvre. Ob die Forderungen der Kinder nach Weltenrettung auch gehört werden, das aber entscheiden andere.

1 Kommentar
    Luke De Beere

    Danke für den Artikel, gerne hätte dieser auch länger ausfallen dürfen!