So sympathisch, dass auch Gegner ihn respektieren

«De Filippo»: Was Parteifreunde und Kritiker über den meistbeachteten Zürcher Stadtrat sagen.

Der Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartments stellt sich zur Wiederwahl und zeigt an seinem Unort, was er in Zürich ändern will. (Video: Lea Blum)

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Zugänglich, sympathisch und jovial – wen man auch zum Politiker Filippo Leutenegger befragt, diese Worte fallen bei allen. Parteifreunde verweisen stolz darauf, politische Gegner mit Respekt. Sie sehen ihn aber auch als Selbstdarsteller und Machtmenschen. Wiederum alle halten ihn für harmoniebedürftig. Für einen, der alles für alle richtig machen will. Und mitunter daran scheitert. Leutenegger polarisiert. Als FDP-Magistrat in einer Stadt mit linker Regierung und einem faktisch linken Parlament ist das allerdings wenig erstaunlich.

«De Filippo», wie ihn alle nennen, die mit ihm zu tun haben, ist wohl der Stadtrat, der sich am wenigsten zugehörig fühlt zur Regierung, die oft als Wohnfühlgremium beschrieben wird. Der Gesamtstadtrat hat ihn vor vier Jahren mit dem Tiefbau- und Entsorgungsdepartement betraut – einem der wichtigsten Departemente der Stadt mit entsprechend grossem Konfliktpotenzial.

Für seine Rolle als Stadtrat musste er sich zuerst einmal neu erfinden. Er war zwar als ehemaliger Fernsehmann und Nationalrat bekannt in der Stadt, eine Nähe zu ihr hatte er aber nur als Bewohner. Sein diesjähriger Wahlkampfslogan trifft exakt, was er sein will: «Filippo – einer von uns.»

«Massiv überschätzt»

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der heute 65-Jährige neu erfunden hat. In den 70er-Jahren tummelte er sich an Anti-AKW-Demos und half beim Konzipieren der linken «Wochenzeitung» (WOZ) mit. «Ich gehörte zu den Mitbegründern der grünen Bewegung», sagte er dem «Oltener Tagblatt» letztes Jahr.


«In der Minderheit hat man weniger Gestaltungspotenzial» Als Stadtpräsident möchte er Strategien für die Zukunft entwickeln: Filippo Leutenegger im Interview.


In den 90er-Jahren machte er sich einen Namen als Löwenbändiger in der TV-Sendung «Arena». Ein ehemaliger Kader­mann des Fernsehens sagt, hinter den Kulissen sei Leutenegger in Aktivismus und Hektik ausgebrochen, wenn seine Person oder seine Arbeit Kritik ausgesetzt gewesen seien.

Ende der 90er-Jahre arbeitete sich Leutenegger zum Chefredaktor des Schweizer Fernsehens hinauf. Unüberbrückbare Differenzen mit Fernsehdirektor Peter Schellenberg führten 2002 zu seiner Entlassung.

«Filippo würde oft gerne mehr machen, wenn man ihn liesse.»Ein SVP-Politiker

Es folgte die Wahl in den Nationalrat, wo er durch seine Nähe zur SVP für Schlagzeilen sorgte. Die Befürchtung, im Stadtrat werde er nicht die Ideale der FDP vertreten, sondern die Ideen von Christoph Blocher und der SVP in die Stadt tragen, hat sich in den letzten vier Jahren allerdings nicht bewahrheitet.

FDP-Präsident Severin Pflüger sagt, Leutenegger geniesse mit seinem rechtsliberalen Profil eine breite Unterstützung der SVP. Zudem: Will er seine Geschäfte durchs Parlament bringen, muss er für eine Mehrheit Stimmen in der Mitte und gar links davon überzeugen. Beispielsweise die Grünliberalen, die in den letzten vier Jahren in sehr vielen Fragen mit den Sozialdemokraten und den Grünen stimmten.

Leutenegger sagt von sich selber, dass er gerne auf Leute zugehe. Den direkten Kontakt zur Bevölkerung erlebt er als sehr bereichernd. Er setzt sich mit den Familiengärtnern zusammen, die ihre kleinen Paradiese wegen des neuen Eishockeystadions verlieren. Betroffene Privatpersonen, die sich bei ihm melden, ruft er am Wochenende an und hört sich die Probleme an. Das sei oftmals bereits die Hälfte der Lösung, sagt er. «Leutenegger scheut sich nicht, abends um neun Uhr anzurufen, um mit einem zu sprechen», sagt ein Parlamentsmitglied. Es gehe dem Taktiker Leutenegger mit solchen Aktionen auch darum, sich vor Angriffen abzusichern.

Sucht den direkten Kontakt zur Bevölkerung: Filippo Leutenegger. (Foto: Samuel Schalch)

Leutenegger wird als unberechenbar und als Kontrollfreak beschrieben. Ein Mitglied der Kommission Sicherheitsdepartement und Verkehr sagt: «Sitzungen, an denen auch Filippo teilnimmt, dauern mindestens doppelt so lange.» Er beisse sich in Details fest, fordere weitere Erklärungen, wo eigentlich schon alles klar sei, weise ganze Dossiers zurück. «Das ist für alle Beteiligten mühsam und zermürbend», sagt ein linkes Kommissionsmitglied.

Ein SVP-Politiker dagegen sagt: «Filippo würde oft gerne mehr machen, wenn man ihn liesse.» Leuteneggers Interventionen sieht ein anderer bürgerlicher Politiker positiv: «Es ist doch die Aufgabe eines Stadtrats, zu hinterfragen und nicht einfach alles abzunicken, was die Verwaltung vorlegt.» Bei der Rämistrasse ist Leutenegger gar ein kleiner Coup gelungen: Er präsentierte eine Lösung, mit der niemand gerechnet hat. Diese begrüsst sogar VCS-Geschäftsleiter Markus Knauss, der als Velopolitiker der Grünen im Gemeinderat einer der härtesten Gegner von Leutenegger ist. Die Sozialdemo­kraten halten die Kosten allerdings für massiv zu hoch.

«Er administriert zu Tode»

Klagen über Leutenegger sind von Mitarbeitern aus seiner Verwaltung zu hören. «Er administriert das Departement zu Tode», sagt einer. Jedes Projekt müsse über den Tisch des Chefs – vieles werde mit dem Auftrag zur Überarbeitung zurückgewiesen. So schaffe er es, Vorhaben hinauszuzögern, so zum Beispiel das Projekt der verkehrsfreien Sihlstrasse. Das Vertrauen in seine Fachleute, die sich teils seit Jahren mit einem Projekt beschäftigt hätten, sei gering. Auch höre Leutenegger nicht auf Ratschläge: So hätten ihm seine Experten abgeraten, die ausgewählten Sonnenschirme auf dem Sechseläutenplatz aufzustellen, sie seien zwar mobil, aber nicht stabil. Nach dem ersten heftigen Wind musste Leutenegger die Schirme wieder entfernen.

Nicht abgeschlossen ist der grösste Skandal im Departement Leutenegger: die Affäre um das Zürcher Entsorgungswesen und den ehemaligen Chef Urs Pauli. Für die bürgerliche Seite hat Leutenegger entschieden und schnell gehandelt und ist für Fehler seiner Vorgänger hingestanden. Für die linke Seite dagegen hat er zögerlich und ängstlich reagiert. Gewarnt worden sei Leutenegger lange, bevor dieser etwas unternommen habe. Die Resultate der Parlamentarischen Untersuchungskommission werden erst nach den Wahlen erwartet.

Bei aller Kritik von links, für FDP-Präsident Pflüger hat sich Leutenegger in den letzten vier Jahren zum perfekten Magistraten entwickelt, obwohl er innerhalb des Stadtrats keine einfache Position habe. «Er kann sich in ein Geschäft vertiefen und hat den Mut, zu einer Entscheidung zu kommen.» Für ihn wäre er auch der ideale Stadtpräsident.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2018, 21:23 Uhr

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