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Schweizer DramaEine Befreiung auf Raten

Psychotrip oder Superheldinnenfilm? «Love Me Tender» liefert beides – irgendwie.

Seconda (Barbara Giordano) traut sich endlich raus.
Seconda (Barbara Giordano) traut sich endlich raus.

Dass mit dieser jungen Frau etwas nicht stimmt, ist offensichtlich: Seconda (Barbara Giordano) kann aufgrund einer Angststörung ihr Elternhaus nicht verlassen. Als Ersatz-Hoffnungsträgerin eines Kleinfamilienglücks, das nie eingetreten ist (die Erstgeborene verstarb früh), tanzt sie sich im eigenen Zimmer die Füsse wund. Öfters verscheucht sie auch die Katze, wirft Medikamente oder Kieselsteine zum Fenster raus und sieht ihren Eltern bei deren gegenseitiger Verachtung in Räumen voller Nippes zu.

Doch dann stirbt die Mutter, der Vater zieht zu seiner Geliebten – und Seconda bleibt allein in ihrem Gefängnis zurück. Was nun? Die Fische im Aquarium verenden bald, die Konserven sind ungeniessbar. Höchste Zeit, dass die junge Frau ihren Überlebensmotor startet.

«Love Me Tender» hätte ein Alltagsdrama à la Ken Loach werden können, die Voraussetzungen dazu wären eigentlich ideal. Doch der tessinerisch-peruanischen Regisseurin Klaudia Reynicke schwebt anderes vor: Da taucht etwa ein Vermieter auf, der Seconda am Telefon unablässig beschimpft, aber nach dem ersten Treffen ganz gurrig wird vor Lust. Oder es kommt ein junger Bote ( Antonio Bannò) daher, mit dem die inzwischen in einem Ganzkörperanzug steckende Frau einen Ausflug in den Wald unternimmt. Eigenartig wirkt vieles in diesem Film. Aber die eigentliche Frage lautet: Bekommen wir da einen Psychotrip, eine feministische Befreiung oder einen extrem nerdigen Superheldinnenfilm geboten? Gar alles aufs Mal?

Reynicke gelingt es, die Genres wuchern und das Überraschungsmoment spielen zu lassen. Eine Portion Thriller gibts auch, wenn mutmasslich totgehauene Männer plötzlich wieder Lebenszeichen aus dem Schrank oder dem Kofferraum eines Autos senden. So liegt man letztlich nicht ganz falsch, wenn man «Love Me Tender» als gegen den Strich gebürstetes Märchen begreift, das vom Kampf gegen die eigenen Fesseln erzählt.
Aber das alles wäre nichts ohne die Hauptdarstellerin Barbara Giordano. Die Italienerin, die fast jede Szene alleine trägt, gefällt mit ebenso kraftvollem wie zerbrechlichem Spiel. Damit verleiht sie der Geschichte genau jene Erdung, die sie angesichts ihrer Entrücktheit zwingend benötigt.

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