Zum Hauptinhalt springen

Gedanken zum Thema AusgangEine Frage des Glaubens

Unsere Autorin ist die meiste Zeit ihres Lebens abends einfach nur weggegangen. Und wäre doch so gerne auch mal ausgegangen.

Die einen tranken Cocktails, die anderern Bier aus Plastikbechern.
Die einen tranken Cocktails, die anderern Bier aus Plastikbechern.
Bild: zvg

«Heute gehe ich in den Ausgang.» Es ist etwas, das ich schon, als es noch möglich war, in etwa so oft gesagt habe wie: «Heute klöpple ich mir ein Spitzendeckchen.» Was nicht daran liegt, dass ich nicht gern weggehe. Sehen Sie, da haben wir es: Ich bin einst aus Bayern hierhergekommen. Es ist schon lange her, aber dort fragt man: «Gehst du heut noch weg?» Auf die Gefahr hin, dass das Gegenüber antwortet: «Ich hab heut keine Lust wegzugehen.»

Als ich in den ersten Jahren in der Schweiz noch manchmal via Telefon nach Deutschland rapportierte: «Ich bin verkatert, gestern war ich im Ausgang», wurde am anderen Ende stets nachgefragt: «Bitte, wo warst du?» «Im Ausgang! Im Si o No, in der Totalbar, im Xenix, im... Ach, kennst du nicht. Also, ich war weg gestern Abend.»

Dabei wohnt dem Wort Ausgang für mich eine unerfüllte Sehnsucht inne. Wenn jemand damals in München nicht weg-, sondern ausging, dann war er entweder Teil einer anderen Generation und sein Vorhaben per se uninteressant, oder aber er hatte etwas ganz Besonderes vor: etwas, das man nicht mit jedem unternehmen konnte, etwas,
wofür Jeans und T-Shirt als Outfit nicht reichten, etwas, zu dem man besser das gut gefüllte Portemonnaie mitnahm, etwas, das ein Versprechen auf die nächste Stufe des Freizeitvergnügens war.

Während wir anscheinend nur wegwollten: weg von daheim, weg von den Eltern, weg vom Alltag. Und wenn im Rahmen der Begleitungsrekrutierung der eine keine Lust hatte, dann ging eben ein anderer mit weg.

Während ich davon träumte, doch mal im kleinen Schwarzen an einer schicken Bar zu lehnen.

Isabel Hemmel

Die Ausgeher – sie benutzten zumindest in meiner Vorstellung dauernd das Wort ausgehen – fand man doof, sie hatten Geld auf dem Konto und Kaschmirpullover um die Schultern geschlungen, bestellten Cocktails in renommierten Bars und tanzten zur falschen Musik.

Während wir, die Weggeher, Bier aus Plastikbechern tranken und versuchten uns ja nicht zu chic zu machen, vom nächsten Indie-Konzert redeten und uns gegenseitig darin bestärkten, das einzig Richtige zu tun. Während ich heimlich davon träumte, doch mal im kleinen Schwarzen an einer schicken Bar zu lehnen.

Dieser Tage würde ich mich auch im Abendkleid auf ein Punkkonzert stellen oder zur Not ein Spitzendeckchen klöppeln, wenn ich nur wieder mal sagen könnte: «Heute gehe ich in den Ausgang.»