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«Plot Against America»Ein Faschist wird US-Präsident

Was wäre gewesen, wenn die USA 1940 einen Faschisten zum Präsidenten gewählt hätten? Die Serie «Plot Against America» spielt das Szenario durch.

Charles Lindbergh (Ben Cole, l.) wird ausgerechnet mithilfe eines Rabbiners (John Turturro) zum Präsidenten.
Charles Lindbergh (Ben Cole, l.) wird ausgerechnet mithilfe eines Rabbiners (John Turturro) zum Präsidenten.

In seinem Lied «Erschreckend aktuell» verspottet Jens Friebe 2007 eine Klischeeformulierung aus der Zeitung, indem er allerlei Banalitäten aufzählt: «Ein Blatt im Wind / Ein Schäferhund, der bellt / Diese Bilder sind / Erschreckend aktuell.»

Dabei ist die Unterhaltungsindustrie genauso verantwortlich dafür, dass wir es immer wieder mit vertrauten Albträumen zu tun bekommen. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass die «The Wire»-Schöpfer Ed Burns und David Simon jetzt den kontrafaktischen Roman «The Plot Against America» umsetzen, nachdem sie ein entsprechendes Angebot 2013 noch abgelehnt haben? Im Buch malt sich Philip Roth aus, was passiert wäre, wenn der antisemitische Fliegerheld Charles Lindbergh 1940 anstelle von Franklin D. Roosevelt zum US-Präsidenten gewählt worden wäre.

Die Parallelen zwischen der Gegenwart und der Geschichte, die der 2004 erschienene Roman erzählt, sind so frappant, dass man sich wundert, weshalb die Schauspieler nicht gleich in die Kamera schauen und sagen: «Wie bei Trump, nicht?» Charles Lindbergh (Ben Cole) ist ein Medienstar und Isolationist des «America First Committee»; der Hitler-Sympathisant warnt vor einer Kriegsteilnahme der USA und versteht es, den Hass der Leute aufzukochen. Mit seiner Wahl breitet sich das Misstrauen in der Gesellschaft aus, die Nation spaltet sich in zwei voneinander getrennte Informationsblasen.

Philip Roth erinnert sich im Roman an seine eigene Kindheit in Newark, New Jersey, als er wiederholt Angriffe auf Juden erlebte. Die sechsteilige Miniserie verlässt weitgehend die kindliche Perspektive des Buches und konzentriert sich auf die Familie Levin und darauf, wie sie den zunehmenden Antisemitismus erlebt. Das Parabelhafte nimmt dem Stoff paradoxerweise viel von seiner Schärfe, aber die Dialoge und die Besetzung – mit Winona Ryder, Zoe Kazan und John Turturro als Rabbiner, der einen Pakt mit dem Teufel schliesst – sind hervorragend.

Gerade im Kosmos der jüdischen Familie zeigt sich, wie schwierig es ist, die historischen Entwicklungen zu erfassen, wenn der politische Streit sowieso zum Wohnzimmeralltag gehört, wo man vielleicht auch mal übertreibt oder sich fragt, ob man sich den Hass nur einredet, da man nicht glauben will, dass er so stark sein kann. Da wird die Serie dann sehr konkret – und tatsächlich erschreckend.

Ab Mittwoch 20.5. auf Sky Show