Eine Kaskade von Katastrophen

Krimi der Woche: «Klare Sache» von der schottischen Noir- Meisterin Denise Mina ist turbulent, spannend, gescheit und ziemlich lustig.

Denise Mina zog als Jugendliche 21-mal um, arbeitete in einer Fleischfabrik, in Bars, als Köchin und als Krankenpflegehelferin – bevor sie eine erfolgreiche Autorin wurde.

Denise Mina zog als Jugendliche 21-mal um, arbeitete in einer Fleischfabrik, in Bars, als Köchin und als Krankenpflegehelferin – bevor sie eine erfolgreiche Autorin wurde. Bild: PD

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Der erste Satz
Sagt einfach die Wahrheit.

Das Buch
«Der Tag, an dem mir mein Leben um die Ohren flog, fing gut an», stellt Anna fest. Die Icherzählerin in Denise Minas neuem Roman «Klare Sache» mag Geschichten. Sie ist früh aufgestanden, und während sie das Frühstück für ihre beiden Mädchen und ihren Mann Hamish vorbereitet, kann sie den Anfang des neuen True-Crime-Podcasts «Der Tod und die Dana» hören: «Eine versunkene Jacht, an Bord eine ermordete Familie, ein bis heute ungelöstes Rätsel …», verspricht die Beschreibung.

Mit angenehmem Schaudern hört Anna zu. Dann ein Schock: Der auf dem Boot mit seinen Kindern umgekommene Vater ist ein Freund von Anna aus früheren Zeiten. Damals hiess sie noch nicht Anna, aber davon weiss Hamish, ein angesehener Rechtsanwalt, nichts. Anna ist aufgewühlt. Und dann bricht ihr sorgsam aufgebautes neues Leben völlig auseinander. Hamish fährt nämlich an diesem Tag nicht zur Arbeit, sondern fliegt mit Annas Freundin Estelle und den Mädchen in die Ferien nach Portugal. Was er seiner Frau quasi im Hinausgehen mitteilt.

Das ist nur die Auftaktkatastrophe, die eine ganze Kaskade von weiteren Katastrophen nach sich zieht. Anna will das Rätsel um das Boot lösen und tut sich dafür mit Estelles Freund, dem magersüchtigen Fin, zusammen. Der ehemalige Popstar geniesst noch viel öffentliche Aufmerksamkeit, und kaum tauchen Bilder von ihm mit Anna in den sozialen Medien auf, wird ihre alte Identität aufgedeckt. Ihre eigene Geschichte mischt sich mit der des untergegangenen Bootes, und es kommt zu einer spannenden Jagd, die von Schottland auf die Ile de Ré, nach Venedig und nach Lyon führt.

Die schottische Noir-Meisterin Denise Mina hat hier einen für sie eher untypischen, ebenso raffinierten wie turbulenten Cocktail von Geschichten gemixt, der es in sich hat. Es ist eine Art Screwball-Noir mit vielen komischen Elementen, aber auch, das wieder typisch für die Feministin, mit wachem Blick für die gesellschaftlichen Verhältnisse und für die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Und so ganz nebenbei wird vorgeführt, was man mit Social Media so anstellen kann.

Ein zentrales Thema dieses wunderbaren Buches ist das Geschichtenerzählen. Es geht um das Fabulieren, um «Tausendundeine Nacht», darum, wie Geschichten zusammenhängen. Um Lügen und um Wahrheit. Wobei Anna schlechte Erfahrungen damit gemacht hat, bei der Wahrheit zu bleiben. Schon im Prolog räsoniert sie: «Es muss einen Grund dafür geben, die Wahrheit zu sagen. Ich habe vor einiger Zeit damit aufgehört, und ich muss sagen, es war grossartig. Die beste Entscheidung meines Lebens.»

Die Wertung

Die Autorin
Denise Mina, geboren 1966 ins Glasgow, Schottland, wuchs in Glasgow, Paris, London, Invergordon, Bergen und Perth auf. Ihr Vater war Ingenieur in der Erdöl-Branche, weshalb die Familie in 18 Jahren 21-mal umzog. Denise Mina verliess die Schule mit 16 Jahren und jobbte in einer Fleischfabrik, in Bars, als Köchin und als Krankenpflegehelferin. Sie besuchte dann eine Abendschule, um Jura an der Glasgow University Law School studieren zu können; sie beabsichtige, in Kriminologie und Strafrecht abzuschliessen. Sie hat dann an der University of Strathclyde zu studieren begonnen, wobei sie, wie sie selbst schreibt, ihr Stipendium dazu missbraucht habe, ihren ersten Roman zu schreiben: «Garnethill» (Deutsch: «Schrei lauter, Maureen», 1999) erschien 1998 und gewann den John Creasy Dagger der Crime Writers’ Association für den besten Erstlingskriminalroman. Auf die damit begonnene Garnethill-Trilogie (1998–2002) folgte eine dreiteilige Reihe um Paddy Meehan (2005–2007), gefolgt von der Alex-Morrow-Reihe mit fünf Bänden (2009–2014). Daneben entstanden auch Standalones wie «Conviction» (2019; Deutsch: «Klare Sache»). Insgesamt hat Denise Mina bisher mehr als ein Dutzend Romane veröffentlicht und gilt als «Queen of Tartan Noir»; als Tartan Noir wird die schottische Noir-Kriminalliteratur bezeichnet, die vor allem von William McIlvanney mit «Laidlaw» (1977) begründet wurde. Daneben ist die engagierte Feministin auch Autorin von Shortstorys, Bühnenstücken und Graphic Novels, und sie schreibt für TV und Radio. 2014 wurde sie in die Hall of Fame der britischen Crime Writers’ Association aufgenommen. Sie lebt in Glasgow.

Denise Mina: «Klare Sache» (Original: «Conviction», Harvill Secker, London 2019). Aus dem Englischen von Zoë Beck. Ariadne/Argument-Verlag, Hamburg 2019. 346 S., ca. 30 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 14.08.2019, 14:18 Uhr

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