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Düstere Konjunktur-PrognosenEine L-Rezession als Albtraum für die Schweizer Wirtschaft

Ökonomen schliessen einen zweistelligen BIP-Rückgang für das Jahr 2020 nicht mehr aus. Die Hoffnung: Dass uns mit einer V-Rezession das Allerschlimmste erspart bleibt.

Das vermutlich sichtbarste Zeichen für den Stillstand in Teilen der Wirtschaft: Gegroundete Swiss-Flieger sind hier in Dübendorf parkiert.
Das vermutlich sichtbarste Zeichen für den Stillstand in Teilen der Wirtschaft: Gegroundete Swiss-Flieger sind hier in Dübendorf parkiert.
KEYSTONE/Ennio Leanza

Mit zunehmender Dauer der Coronakrise werden die konjunkturellen Aussichten für die Schweiz immer düsterer. Ein Rückgang des Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) im laufenden Jahr um mehr als 10 Prozent ist nicht mehr ausgeschlossen. Auch die Ökonomen des Seco können sich ein solches Szenario vorstellen.

Die Prognoseunsicherheit sei ausserordentlich hoch, teilte das Seco am Mittwoch mit. Das Ausmass des Wirtschaftseinbruchs seit März lasse sich derzeit noch schwer einschätzen. Auch hänge der weitere Konjunkturverlauf vom Zeitpunkt der Lockerung der Massnahmen ab. Das Seco hat nun seine bisherige Prognose am Mittwoch mit zwei Negativszenarien ergänzt.

Erholung nach Rezession

In seiner Prognose von Mitte März mit einer «vergleichswiese glimpflichen Entwicklung» geht das Seco noch von einem BIP-Rückgang im Jahr 2020 in Höhe von 1,5 Prozent aus, weitere Wirtschaftsforscher prognostizierten vergangenen Monat einen Rückgang der Wirtschaftsleistung zwischen -1,0 und -4,0 Prozent.

Die beiden Negativszenarien des Seco gehen nun von einer schwereren Rezession aus als bisher angenommen, bei der auch die Erholung «länger auf sich warten lassen könnte». Resultieren würde ein BIP-Rückgang von 7,1 oder gar 10,4 Prozent. Ähnliche Erwartungen haben bereits die Ökonomen der italienischen Bank Unicredit, die der Schweiz einen BIP-Rückgang von rund 10 Prozent prognostizieren.

Einen zu diesen Szenarien vergleichbaren Konjunktureinbruch hatte es in der Schweiz zum letzten Mal im Jahr 1975 gegeben: Damals war das Schweizer Bruttoinlandprodukt im Zuge der Erdölkrise um 6,7 Prozent abgesackt.

V- und L-Rezession

Im Seco-Szenario «V-Rezession» – ein tiefer BIP-Rückgang mit zügiger Erholung – würde sich die Schweizer Wirtschaft nach dem Minus von 7 Prozent immerhin 2021 wieder mit einem massiven BIP-Anstieg von +8 Prozent erholen.

Noch gravierender für das Land wäre das Szenario «L-Rezession», wo es nach einem massiven Einbruch nur noch zu einer schwachen Erholung käme: Dabei würde die Wirtschaft 2020 in der Grössenordnung von 10 Prozent schrumpfen und 2021 nur gerade wieder 3 Prozent zulegen.

Die Seco-Ökonomen beziffern auch die Höhe des BIP-Ausfalls durch die Coronakrise. So würde im «günstigen» Basisszenario der BIP-Verlust per Ende 2021 gegenüber dem Stand von Ende 2019 rund 30 Milliarden Franken betragen. Im Szenario «V-Rezession» steigt der BIP-Verlust auf rund 90 Milliarden Franken und eine «L-Rezession» würde einen BIP-Verlust von 170 Milliarden bedeuten.

Unsichere Shutdown-Dauer

Verzögert werden könnte die wirtschaftliche Erholung nicht zuletzt durch einen länger anhaltenden «Shutdown» der Behörden. Im «V-Szenario» des Seco würde dieser erst Ende Mai vollständig aufgehoben, im noch negativeren «L-Szenario» gäbe es eine nur allmähliche Lockerung ab Juni.

Auch andere Ökonomen betonen die Unsicherheiten bei den Lockerungsmassnahmen: Weiter gebe es auch ein Risiko einer zweiten Ansteckungswelle nach einer Aufhebung der Massnahmen oder gar einer Anpassung des Virus an das menschliche Immunsystem, schreiben etwa auch die Ökonomen der Bank Unicredit in ihrer Analyse.

Zweitrundeneffekte

Wichtig für den Konjunkturverlauf und die Stärke der Erholung wird auch das Ausmass der «Zweitrundeneffekte» sein. Damit gemeint sind sich häufende Firmenkonkurse aufgrund der Massnahmen oder Entlassungswellen bei den Unternehmen.

So könnte die Arbeitslosigkeit in der Schweiz hierzulande deutlich stärker ansteigen als vom Seco bisher erwartet (2,8 Prozent): Im Jahresdurchschnitt würde sie gemäss den Szenarien auf 4 Prozent oder gar 7 Prozent klettern. Das würde nicht zuletzt den Konsum der Privathaushalte deutlich ausbremsen.

Banken- und Eurokrise drohen

Auch im düstersten Seco-Negativszenario ist zudem noch keine Krise des Banken- und Finanzsystems enthalten. Nicht nur könnte ein starker Anstieg der Kreditausfälle den Bankensektor im In- und Ausland in Bedrängnis bringen. Auch drohen weitere Risiken etwa auf dem Immobilienmarkt.

Konsequenzen für die Schweiz hätten auch Krisen im Ausland: So stellt die Corona-Pandemie im Euroraum gerade für Länder wie Italien oder Spanien eine Bedrohung dar, die sich gerade erst von der Staatschuldenkrise erholt haben, wie die Zürcher KOF und das deutsche ifo-Institut in ihrem «Eurozonen-Ausblick» feststellen. Ein Wiederaufflammen der europäischen Schuldenkrise stelle ein «nicht zu vernachlässigendes Risiko» für eine Prognose dar.

cpm/sda

28 Kommentare
    Pius Tschirky

    Geht auch lange, bis die das merken, dass dieser Rückang zwiestellig ausfalle könne. Ist ja wohl klar und man muss dazu nicht Ökonomie studiert haben sondern einfach den Eindruck haben, dass da gar nichts läuft momentan.